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Rio+20: 20 Jahre Versagen

Groß waren die Versprechungen beim UN-Umweltgipfel von Rio de Janeiro 1992: Nachhaltig sollte die Welt entwickelt werden. Rio+20 zeigt, dass die Politik nichts gehalten hat. Das gilt auch und vor allem für die Industrieländer.
Daniel LingenhöhlLaden...

Still und leise hatte sich die Europäische Union 2010 von ihrem Ziel verabschiedet, bis 2010 die Erosion der Artenvielfalt in Europas Wäldern, Meeren, Feldern und Flüssen zu stoppen: Soll und Haben lagen einfach viel zu weit auseinander. Nun will es die Gemeinschaft bis zum Jahr 2020 schaffen, dass die Biodiversität des alten Kontinents erhalten bleibt – auch wenn beispielsweise die Fischerei- und Landwirtschaftspolitik der EU genau dieses Vorhaben immer wieder konterkariert.

In den letzten Jahrzehnten hat Europa beispielsweise die Hälfte der einst vorhandenen Vögel der Agrarlandschaft verloren: Manche Arten mussten Bestandseinbußen um 50 Prozent und mehr verkraften, weil die Landwirtschaft immer stärker industrialisiert wurde und selbst noch aus den ungünstigsten Randlagen Hochleistungserträge herausgepresst werden. Und auch in europäischen Gewässern gelten viele Fischbestände als hochgradig übernutzt, weil überdimensionierte Fangflotten zum Beispiel Jagd auf die letzten Tunfische des Mittelmeers machen – und das alles subventioniert von einer aberwitzigen Geldverteilungspolitik, deren Verantwortliche aus Angst vor dem Zorn ihrer Agrar- und Fischereilobby alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Ausbeutung der Meere oder Überdüngung von Feldern beiseite schieben.

Doch allein steht die europäische Politik damit, 20 Jahre nach dem verheißungsvollen Gipfel von Rio de Janeiro der Vereinten Nationen zum Umweltschutz und nachhaltiger Entwicklung, nicht. Im Gegenteil: Seit 1992 haben sich die Lebensgrundlagen auf der Erde teilweise drastisch verschlechtert, und kaum eines der gesteckten Ziele von damals konnte erreicht werden, wie eine Aufstellung von "Nature" zeigt. So ist es der Weltgemeinschaft nicht einmal annähernd gelungen, die Treibhausgasemissionen zu stabilisieren – erstmals seit mindestens 800 000 Jahren hat der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre die Marke von 400 ppm überschritten. Das rasante Wirtschaftswachstum der letzten Jahre in China, Indien und vielen anderen Staaten basierte vor allem auch auf billiger Energie aus Kohle, was auf der anderen Seite die Erderwärmung vorantreibt: Die Zeit von 2001 bis 2010 war das wärmste Jahrzehnt, das seit Beginn moderner Temperaturaufzeichnungen auf allen Kontinenten der Erde registriert wurde.

Noch schlechter sieht es beim Schutz der Artenvielfalt aus: Niemals waren so viele Vogel-, Amphibien- oder Säugetierarten vom Aussterben bedroht wie gegenwärtig: Mittlerweile erreicht diese Gefahr sogar Vogelspezies, die in Amazonien leben und wegen der Größe des Waldes bisher trotz Abholzung als relativ sicher galten. Schlimmer noch sieht es für die Frösche aus, die unter Pestiziden, Lebensraumzerstörung, Übernutzung, Klimawandel und einem extrem infektiösen, heimtückischen Pilz leiden, der weltweit verschleppt wurde – ein Drittel aller Froscharten gilt daher als akut vom Aussterben bedroht.

Und versagt hat die Weltgemeinschaft auch beim Versuch, die Verwüstung und Degradierung ganzer Landstriche aufzuhalten – obwohl es die Lebensgrundlage von Millionen Menschen akut bedroht, wenn fruchtbarer Boden vom Wind verblasen oder von Fluten ins Meer gespült wird oder versalzt. Dabei trifft diese Problematik nicht "nur" die Bewohner Pakistans oder der Sahelzone, sondern zerstört auch fruchtbares Ackerland in den USA, Australien oder Europas. Dennoch fährt die Weltgemeinschaft mit ihrem selbstzerstörerischen Kurs fort und finanziert ihn mit Milliardensummen.

Ein Beispiel, das die ganze Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigt, sind die Vorgaben der Europäischen Union zu Agrarkraftstoffen: Bis 2020 sollen zehn Prozent der Kraftstoffe aus "erneuerbaren" Quellen kommen, sprich aus Raps, Mais oder anderen Pflanzen. Seitdem dieses Ziel festgeschrieben wurde, hat sich die umfangreich subventionierte Landwirtschaft in der EU nochmals intensiviert, und Monokulturen verwandeln einst einigermaßen abwechslungsreiches Bauernland in eintönige Maiswüsten (wobei dieser Mais ebenso in Biogasanlagen verstromt oder in Futtertrögen enden kann). Und in Afrika, Asien und Südamerika setzen Agrarunternehmen auf Jatropha, Zuckerrohr, Ölpalmen oder Soja, um ebenfalls vom Agrarspritboom zu profitieren. Exemplarisch steht das Delta des Tana-Flusses in Kenia, wo die ortsansässige Bevölkerung und die Natur unter Druck gerieten, weil dort Zuckerrohr und Jatropha vor allem für den Export nach Europa angebaut werden sollen – in einer Flussoase, die bislang während Dürren noch zuverlässig Wasser liefert.

Symbolisch für unser auf maximaler Ausbeutung der Ressourcen basierendes Wirtschaftssystem steht zudem der derzeitige Goldrausch: Angetrieben von der Sorge um ökonomischen Kollaps oder einer Geldentwertung flüchten viele Menschen ins Gold, dessen Preise Rekordmarken knacken. In Peru verwandelt diese Angst den artenreichen Regenwald des Landes in eine quecksilberverseuchte Schlammwüste ohne Leben; noch Dutzende Kilometer flussabwärts leiden Menschen unter vernichteten oder kontaminierten Fischbeständen. Und die Liste der Verfehlungen ließe sich noch lange fortsetzen: von den so genannten Todeszonen im Meer, die wegen der Überdüngung an Land ersticken, bis zum Zusammenbruch kompletter Fischgründe, in denen die Schwärme der lukrativen Speisefische um bis zu 90 Prozent verschwunden sind. Längst lebt die Menschheit über ihre Verhältnisse.

Dabei hätten wir das Wissen, wie wir vernünftiger und schonender mit unseren Ressourcen umgehen könnten: Streng geschützte Meeresreservate können so viel Fisch produzieren, dass sich in benachbarten Regionen der Überschuss nachhaltig bewirtschaften ließe. Allein die konsequente Umsetzung von Stromsparmaßnahmen, etwa indem Leerlaufverluste verhindert würden, könnte in Deutschland den Energieverbrauch in einer Größenordnung verringern, die dem Berliner Jahresbedarf entspricht. Stattdessen scheitert der Gesetzgeber daran, den überflüssigen Standby-Modus bei Elektrogeräten zu verbieten. Und eine der sinnvollsten Klimaschutzmaßnahmen wäre, endlich die Urwälder der Erde adäquat zu schützen – statt sie für billiges Viehfutter oder Gartenmöbel zu verheizen. Immer noch ist es vor allem der Bedarf der westlichen Industrieländer, der die Leistungsfähigkeit unseres Planeten überreizt (wenngleich China rasch aufholt), wie eine weitere Nature-Studie zeigt.

Drei Tage Rio+20 werden nicht ausreichen, um die Weltgemeinschaft endlich auf den richtigen Pfad einer Entwicklung zu führen, die die Erde auch noch für unsere Enkel lebenswert erhält. Es würde allerdings prinzipiell schon fast reichen, endlich die 1992 beschlossenen Ziele anzugehen. Doch ob die anwesenden Politiker dazu wirklich die Kraft aufbringen, darf angezweifelt werden: Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa hat schon vorher das Handtuch geworfen – und ihre Reise wegen fehlender Erfolgsaussichten abgesagt.

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