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Vorsicht, Denkfalle! : Timmy und das Helfersyndrom

Alle wollen nur das Beste für den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal. Und tun es gerade deshalb vielleicht nicht, warnt unser Psychologiekolumnist.
Links im Bild liegt eine Baggerplattform auf einem Gewässer. Auf der Plattform befinden sich mehrere Personen. Rechts im Bild ist ein kleines rotes Schlauchboot mit einer Person zu sehen. Davor erkennt man einen im Wasser liegenden Wal, der sich möglicherweise gerade bewegt, denn es sind auch Spritzer zu sehen. Im Vorder- und Hintergrund erstrecken sich Wiesen und Natur.
Wer in jeder Regung von »Timmy« einen Hilferuf zu erkennen meint, unterliegt – psychologisch betrachtet – wohl dem Altruismus-Bias.

Viele Denkfallen sind zwar wissenschaftlich spannend und verraten eine Menge über uns selbst, richten jedoch kaum Schaden an. Wir irren uns dann einfach, doch irren ist eben – Sie wissen schon …

Anders bei diesem Bias: »Ich will Gutes tun, also tue ich es. Mein Handeln kann nicht falsch sein, denn Falsches tun nur böse oder kranke Menschen.« Ein Großteil der Konflikte in Familien, das Vertuschen von Missbrauch in der Kirche, Fehlbehandlungen in Medizin und Psychotherapie, aber auch öffentliche Moraltribunale scheinen auf überschießendes gutes Wollen zurückzugehen.

Die verschlimmbessernde Macht hehrer Absichten

Die verschlimmbessernde Macht hehrer Absichten beschrieb der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer bereits 1977 in dem Bestseller »Hilflose Helfer«. Demnach fördern zwei Dinge Hilfe, die keine ist: große Sensibilität für Leid und Unrecht, gepaart mit dem Wunsch nach Selbstaufwertung.

Forschende wie Barbara Oakley von der Oakland University in Rochester (USA) bezeichnen dies als Altruismus-Bias oder, in gravierenden Fällen, als »pathologischen Altruismus«. Er bewirkt oft, dass jede Äußerung des Empfängers der »Hilfe« so gedeutet wird, als wolle er diese selbst und rufe nach Unterstützung, könne sich nur nicht passend artikulieren. Weshalb es sensibler Antennen bedarf, um einen Zugang zu ihm zu finden.

Das lässt sich aktuell in der Wismarer Bucht live beobachten. Auch die Mitglieder jener sogenannten Rettungsinitiative lesen alles, was der gestrandete Buckelwal tut oder lässt, so, als habe er noch ganz viel Lebenswillen und als wisse er, dass die sich um ihn tummelnden Menschen Gutes im Schilde führen.

Wunsch nach Wiedergutmachung

Sicher spielt auch der Wunsch nach Wiedergutmachung eine Rolle, denn das Leid des Wals wurde durch menschliches Tun wie das Ausbringen von Fischereinetzen verursacht. Aber, so bitter es ist, man kann das Tier weder irgendwohin »geleiten« noch es mit Antibiotika und Futter aufpäppeln, sodass es sich fröhlich zurück in die Fluten stürzt.

Der Buckelwal, den man liebevoll »Timmy« oder wahlweise »Hope« taufte, gibt selbst denen Rätsel auf, die sich mit der Spezies Megaptera novaeangliae auskennen. Dieses Tier jedenfalls verhält sich, nach allem, was man weiß, nicht wie eines, das sich nur zu berappeln bräuchte. Doch leider kann sich sein Sterben eine ganze Weile hinziehen, sodass man ihn potenziell wochenlang vor Schaulustigen und Wal-Schamanen abschirmen müsste, um ihm noch größere Qualen zu ersparen.

Laut Biologen ist auch davon auszugehen, dass Timmy keine Kirmes von Baggern, Saugrobotern und Außenbordmotoren um sich herum verträgt. Weshalb auch immer er zum wiederholten Mal Flachgewässer aufsuchte, man sollte ihn in Ruhe lassen. Nein, noch humaner wäre es, täte man, was man schweren Herzens mit dem geliebten Schnuffi tut, der nicht mehr kann – man erlöst ihn. Nur wer gäbe sich freiwillig dafür her, den Koloss zu euthanasieren? Und dass ihn vor laufenden Handykameras ein Sprengmeister ins Jenseits befördert, scheint noch abwegiger. Dann könnte sich Mecklenburg-Vorpommerns regierende SPD, die in dem Nordland vor Landtagswahlen steht, gleich mit in die Luft jagen.

Wie schon im Kinderbuch-Klassiker »Die Schnecke und der Buckelwal« ist die einzige Devise also der scheinheilige Appell »Rettet den Wal!« Denn wer retten will, kann doch nicht quälen – oder?

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  • Quellen

Oakley, B., PNAS 10.1073/pnas.1302547110, 2013

Schmidbauer, W., Hilflose Helfer. Über die seelische Problematik der helfenden Berufe, 1977

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