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Angemerkt!: Triumph der Hysterie

Hakan Baykal
Die Ausschreitungen auf den Straßen Jerusalems und die internationalen Proteste gegen ein Bauvorhaben in der Nähe des Jerusalemer Tempelbergs hatten Erfolg. Die Arbeiten wurden vorerst eingestellt. Am Sonntagabend ruderte der Jerusalemer Bürgermeister Uri Lopianski dementsprechend zurück. Sein Sprecher Gideon Schmerling kündigte eine Denkpause in Sachen Tempelberg an. Die – vom Stadtrat bereits bewilligten – Pläne für den Neubau eines dauerhaften Fußgängerzugangs zum Tempelareal sollen nun doch erst den Bewohnern der Stadt vorgestellt werden. Ehe weiter gearbeitet werde, würden etwaige Einwände seitens der Bürgerschaft angehört werden. Der Prozess solle transparent werden, damit auch allen klar würde, dass die heiligen Stätten des Islam nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.

Die Bauarbeiten dürften somit auf unbestimmte Zeit verschoben sein, rechnet Schmerling doch mit tausenden Vorbehalten. Nötig geworden waren die Sanierungsmaßnahmen, da die alte Fußgängerrampe im Jahre 2004 durch einen Schneesturm sowie ein Erdbeben zerstört worden war. Bis auf weiteres wird also in Nachbarschaft der Klagemauer lediglich ein provisorischer Holzsteg auf den Tempelberg und zur Al-Aqsa-Moschee führen.

Nach dem Sechstagekrieg und der Eroberung Ostjerusalems im Jahre 1967 beanspruchte Israel auch die Kontrolle über den Tempelberg. Dazu kam es aber nicht. Heute verwaltet und behütet der Waqf, eine muslimische religiöse Stiftung, das Areal. Nach Auffassung der israelischen Behörden unterliegt der Fußgängerübergang außerhalb des eigentlichen Geländes jedoch ihrer Hoheit.

Wo aber auch immer in Israel gebaut wird, müssen erst archäologische Grabungen stattfinden – so verlangt es das Gesetz des Landes. Und auch wenn diese Arbeiten weder an noch unter der Al-Aqsa-Moschee stattfinden, kursiert unter den Muslimen das Gerücht, mit dem Bau des Stegs sollten andere, geheime Machenschaften im Inneren des Tempelbergs verschleiert werden. Der düstere Verdacht auf arabischer Seite: Israel nehme immer wieder Arbeiten an und unter dem Tempelberg vor, um den Hügel auszuhöhlen und letztlich die Moschee zum Einsturz zu bringen.

Es ist stets das gleiche Lied: Muslimische Stätten werden bedroht, die Gefühle der Gläubigen verletzt, der Prophet beleidigt, schrillt es dann in der Tonart der Empörung. Israel kennt den Sermon schon seit Jahren, und mittlerweile hörte ihn auch der Rest der Welt anlässlich der Proteste gegen die Mohammedkarikaturen.

Welches Interesse sollte aber die Stadtverwaltung Jerusalems oder der israelische Staat daran haben, den Felsendom zu zerstören? Sollten "die Juden" etwa planen, eine Touristenattraktion niederzuwalzen, nur damit palästinensische und andere Muslime nicht mehr in dem 1400 Jahre alten Gotteshaus beten können? Und davon abgesehen, welche Bedrohung kann der Bau einer Brücke für Fußgänger an der Außenmauer des Areals für das Gotteshaus in seinem Zentrum darstellen?

Egal, wie absurd die Drohkulisse auch ausgemalt wird, für einen hysterischen Aufschrei der Empörung reicht es allemal, wenn israelische Behörden in der Umgebung des Tempelbergs agieren. Wochenlang hatten sich die palästinensischen Milizionäre von Hamas und Fatah gegenseitig niedergeschossen, nun war plötzlich wieder Einigkeit gefragt. Kaum hatten sich der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und seine islamistischen Widerparts Premierminister Ismael Hania sowie Hamas-Führer Khaled Meshaal in Mekka auf eine Regierung der nationalen Einheit geeinigt, nahmen sie sich schon dieses für das Überleben eines selbständigen palästinensischen Staats enorm bedeutenden Problems an. "Unser Volk kann nicht anders, als sich gegen diese Maßnahmen zu wehren", meinte der als gemäßigt geltende Abbas während in Jerusalem Fahnen brannten und Steine auf der einen sowie Tränengasgranaten auf der anderen Seite flogen. Die Unterstützung der muslimischen Brüder war ihnen gewiss. Von Marokko bis in die Türkei, von Indonesien bis nach Ägypten ermahnten Staatschefs die Behörden in Jerusalem, auf die Gefühle der Muslime Rücksicht zu nehmen.

Auf der islamistischen Agenda steht aber noch etwas ganz anderes. Im Grunde geht es nämlich gar nicht wirklich um die Moschee oder den Tempelberg allein, es geht um Jerusalem und darum, wem die Hoheit über die Stadt zusteht. Islamische Gelehrte leugnen seit dem für die Palästinenser so unglücklichen Jahr 1967 in zunehmendem Maße, dass das Judentum überhaupt einen Bezug zu der Stadt hätte. Nur kurz, etwa sechs oder sieben Jahrzehnte, sei Jerusalem in der Vergangenheit jüdisch gewesen, daher sei es auch nicht gerechtfertigt, dass israelische Behörden die Souveränität über das Gebiet innehätten.

Mehr noch: Nicht nur der Tempel Salomos habe nie dort gestanden (tatsächlich gibt es dafür bis heute keine archäologischen Beweise), sondern auch der Westwall – der als Klagemauer bekannte Rest des herodianischen Tempels – sei eigentlich Teil eines muslimischen Baus. Manche besonders versponnenen Geister versteigen sich gar zu der Behauptung die Moschee gehe auf Abraham zurück, also auf eine Zeit lange vor Mohammed. Nun ja...

Zugleich steht aber auch der Verdacht im Raum, die israelischen Maßnahmen wären als Provokation gedacht gewesen, und Ministerpräsident Ehud Olmert hätte die Ausschreitungen billigend in Kauf genommen. Denn bereits 1996 – damals war Olmert Bürgermeister von Jerusalem – kam es aus Anlass der Eröffnung eines Tunnels beim Tempelberg zu schweren Unruhen, bei denen 69 Palästinenser und 16 Israelis umkamen. Und der Besuch Ariel Sharons auf dem Tempelberg im Jahre 2004 war Auslöser der zweiten Intifada. Nun wolle der angeschlagene Premier von den Problemen ablenken, in denen er seit dem unglücklich geführten Libanonfeldzug im letzten Sommer steckt. Da mag was dran sein.

Der lautstarke und gewalttätige Protest gegen die Sanierung einer Fußgängerbrücke trug jedenfalls also innerhalb weniger Tage Früchte. Allerdings ist der Triumph der Hysterie ein Pyrrhussieg. Die vorbereitenden archäologischen Grabungen am Rande des Tempelbergs wurden nämlich nicht eingestellt. Vielleicht sagt das bis zum nächsten Freitagsgebet jemand den sensiblen Muslimen.

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