Direkt zum Inhalt

Angemerkt!: Armes Huhn

Ein Kommentar von Richard Zinken, Chefredakteur von spektrumdirekt
Richard ZinkenLaden...
Künftig sollten wir nicht mehr vom Sündenbock, sondern vom Sündenvogel sprechen. Oder besser noch vom Sündenzugvogel, scheinen doch Zugvögel des Übels Ursache.

Eine wissenschaftliche Erklärung, wie das H5N1-Virus in den Geflügelbetrieb in Sachsen gelangt ist, steht noch aus. Doch am Vorabend der Bundesratssitzung zur Legehennenverordnung wies Bundesminister Horst Seehofer darauf hin, dass die erkrankten Puten die gleiche Virusvariante in sich trugen, die auch in Wildvögeln nachgewiesen wurde. Und leitet daraus die Annahme ab, dass diese die Vogelgrippe in den Betrieb einschleppten. Wie, bleibt offen. Für Gänse des Betriebes gab es zwar eine Ausnahmegenehmigung der Aufstallungspflicht, einige von ihnen durften stundenweise an die frische Luft. Allein: Die Gänse des Betriebes sind nicht erkrankt, sondern die im Stall gehaltenen Puten.

Die Mutmaßung von Seehofer bekommt damit ein Gschmäckle, passt sie doch bestens in die Bestrebungen derjenigen, die das für 2007 geplante Ende der Käfighaltung torpedieren. Mit der Keule Vogelgrippe werden so missliebige Verordnungen der rot-grünen Ära aufgeweicht und einer Stallhaltung der Boden geebnet, die in Deutschland eigentlich ein Auslaufmodell sein sollte.

So hat der Bundesrat eben einer Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung zugestimmt, die dem ursprünglichen Geist des Gesetzes zuwiderläuft. Mit dieser Verordnung gibt es ab 2007 in Deutschland zwar offiziell keine Legebatterien mehr, aber: Es gibt Kleinvolieren. Volieren kennen wir alle, da können Vögel so richtig schön drin rumflattern. Aber "Kleinvolieren"? Eine Kleinvoliere ist etwa einen halben Meter hoch und soll als Wohngemeinschaft für 60 Hühner fungieren. Damit werden einem Huhn statt bisher 550 Quadratzentimeter künftig 800 Quadratzentimeter zur Verfügung stehen – die Größe eines Aktendeckels.

Eine Bekämpfung der Vogelgrippe tut Not. Eine Instrumentalisierung zu Gunsten einer Renaissance der industriellen Geflügelhaltung aber ist inakzeptabel. Und das Wort "Kleinvoliere" nominiere ich hiermit zum Unwort des Jahres.
08.04.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 08.04.2006

Lesermeinung

3 Beiträge anzeigen

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnervideos