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Grams' Sprechstunde: Gleichberechtigung!

Das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten hat sich weiterentwickelt. Gut so, denn wir brauchen gegenseitiges Vertrauen und Kooperation. Und das nicht erst, wenn Covid-Impfungen auch in den Praxen anstehen, schreibt Natalie Grams in ihrer neuen Kolumne.
Immer häufiger ist in Sprechstunden »Also, ich hab da mal gegoogelt …« zu hören. Und das sei super, sagt unsere Kolumnistin.Laden...

So nahe wie im letzten Jahr mussten wir alle das Thema Gesundheit und Krankheit wohl noch nie an uns heranlassen – Corona sei »Dank«. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, um einmal Abstand vom täglichen Desaster zu gewinnen und den Blick auf Grundsätzliches zu werfen: das Verhältnis von Ärzten sowie Ärztinnen und Patienten. Und seinem Ideal in Theorie und Praxis.

Ich kenne tatsächlich Menschen, die bis heute den Arztbesuch scheuen, weil sie das alte Zerrbild vom »Halbgott in Weiß« verinnerlicht haben. Verständlich, dass man sich einem Halbgott nicht ausliefern will. Aber das kritiklose Aufschauen zum ärztlichen Patriarchat alter Zeiten ist doch wirklich passé: Es wird längst abgelöst von einem Miteinander, bei dem die Patienten und Patientinnen die Rolle eines Partners der ärztlichen Berufsausübung übernehmen, statt bloßes Objekt zu sein. Für die Seite der Ärzte und Ärztinnen formuliert das »Genfer Gelöbnis« des Weltärztebunds, das als neuzeitlicher hippokratischer Eid gilt: »Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren.«

Dieses Ideal verlangt von allen Beteiligten ein neues Selbstverständnis. Die große Veränderung liegt in der Partizipation, der aktiven Teilhabe der Patienten und Patientinnen an der Entscheidung, wie ein konkreter Behandlungsfall angegangen wird. Dafür müssen sie eigene Vorstellungen über Krankheit, Gesundheit und Therapie entwickeln, sie abwägen und ihre Bewertung dann auch deutlich machen. Ärzte und Ärztinnen wiederum sind gefordert, diese Vorstellungen im Rahmen des wissenschaftlich irgendwie Möglichen zu respektieren.

Was kann die moderne Medizin leisten? Nutzt die Homöopathie? Was macht einen guten Arzt aus, und welche Rolle spielt der Patient? Die Ärztin und Autorin des Buchs »Was wirklich wirkt« Natalie Grams diskutiert in ihrer Kolumne »Grams' Sprechstunde« Entwicklungen, Probleme und eklatante Missstände ihrer Zunft. Alle Teile lesen Sie hier.

Dabei geht es nicht nur um Emanzipation: Es geht um Heilung. Denn schon lange weiß die psychosomatische Medizin, dass ohne die aktive Beteiligung von Patienten und ihr inneres Einverständnis viele Therapieansätze scheitern und die »Droge Arzt« wirkungslos bleibt. Die Betroffenen verschaffen sich mit Engagement und Initiative eine Selbstwirksamkeit in der Krankheit und tragen so zum Therapieerfolg bei. Übrigens: Ein Miteinander in der Medizin dürfte zudem dafür sorgen, dass viel weniger Patienten einen Grund sehen, sich »alternativen« Heilsversprechen zuzuwenden.

Ein Miteinander kann auch mühsam sein. Ärzte und Ärztinnen haben zu respektieren, wenn Menschen eine Behandlung ablehnen oder abzubrechen wünschen – egal, ob es sich dabei um eine einfache Spritze handelt oder um die aufwändige Therapie einer ernsthaften, womöglich lebensbedrohenden Erkrankung. Nun sind Ärzte und Ärztinnen hoch qualifiziert. Es sollte klar sein, dass sie bemüht sein müssen, ihre Patientinnen und Patienten von der nach aller Evidenz aussichtsreichsten Behandlungsform zu überzeugen, um zu heilen oder Beschwerden zu lindern. Zumindest müssen sie deutlich machen, was es bedeuten kann, eine Behandlung abzulehnen. Jedenfalls kann eine partnerschaftliche Entscheidung eben nur wirklich gemeinsam getroffen werden.

In unserer Informationsgesellschaft mischt dabei das Internet kräftig mit. Immer häufiger ist in Sprechstunden »Also, ich hab da mal gegoogelt …« zu hören. Und das ist ja auch super! Denn mehr Wissen für alle – war das nicht das Ideal des Internets? – sorgt doch ohne Frage für mehr Gesundheitskompetenz für alle. Ideal wäre zudem aber eine hohe Medienkompetenz – also die Fähigkeit, seriöse Quellen von unseriösen überhaupt unterscheiden zu können. Ob es daran hapert, wird zu Recht diskutiert. Doch hier liegen eben die Schwierigkeiten, die überwunden werden müssen!

Für Arzt und Ärztin stellt sich die Herausforderung, mit dem richtigen Maß gleichzeitig die Autonomie der Patienten zu respektieren und ihrer fachlichen Verantwortung gerecht zu werden. Eine Richtschnur für das Maßhalten liefert die evidenzbasierte Medizin (EbM), die sich auf nachvollziehbare wissenschaftliche Standards als Grundlage für Therapieentscheidungen stützt. Anders als oft – vor allem unter den Anbietern von Pseudomedizin – missverstanden ist die EbM keine Schablonenmedizin. Denn sie fordert in ihrer allgemein anerkannten Definition, eine individuelle Therapieentscheidung auf »Grundlage der besten verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz, der klinischen Erfahrung des Behandlers und den berechtigten Vorstellungen des Patienten / der Patientin« zu verbinden. Der therapeutische Dreisatz sozusagen. Die EbM ist ein System, das versucht, Grundlagen und Handreichungen zu schaffen, damit dieses Ideal in der ärztlichen Praxis umgesetzt werden kann.

Ein Ideal zu verwirklichen, ist im Alltag schwer. Das gilt gerade auch im ärztlichen Tagesgeschäft: Hier fehlen schmerzlich die Voraussetzungen dafür, eine sprechende und zuhörende Medizin wirklich praktizieren zu können. Das ist sicher weniger eine Frage des Wollens der einzelnen Ärzte und Ärztinnen. Das Wollen prallt hier auf volle Sprechzimmer bei Allgemein- und Fachärzten und auf eine Budgetierung in der gesetzlichen Krankenversicherung, die letztlich eine Rationierung von Gesundheitsleistungen darstellt. Hier muss viel geschehen, hier gibt es eine Menge zu tun für die Entscheider und Gestalter im Gesundheitswesen. Mitwirken daran muss aber jeder – auf Patienten- wie auf Ärzteseite.

Ich hoffe – und wünsche mir –, dass wir alle von diesem Verhältnis auf Augenhöhe profitieren. Vielleicht schon bei der bald anstehenden Impfung gegen Covid-19 in Arztpraxen. Auch hier wird entscheidend sein, ob die zu impfenden Menschen sich mitgenommen fühlen. Dies zeigt gerade ein Blick auf die aktuelle COVIMO-Studie, die »Impfverhalten, Impfbereitschaft und -akzeptanz in Deutschland« untersucht: Sie erkennt einen hohen Informationsbedarf bei den Befragten über die Impfung – und zugleich eine umso höhere Impfbereitschaft, je besser Menschen sich informiert sehen. Eine über Nutzen und Risiken der Impfstoffe aufgeklärte, gemeinsame Entscheidung ist möglich. Ob wir sie treffen werden, ist ein Praxistest dieses Ideals.

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