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Angemerkt!: Auftrag erledigt

Viele von uns können sich noch gut daran erinnern, als wir voller Spannung die Live-Aufnahmen der ersten Mondlandung im Fernsehen verfolgten. Es war ein mutiges Abenteuer und ein "Triumph des menschlichen Geistes", wie der Vater der Raketentechnologie Wernher von Braun meinte. Jetzt plant die amerikanische Regierung ein noch größeres Experiment: Den bemannten Flug zum Mars. Doch das damalige Kribbeln im Bauch stellt sich irgendwie nicht ein.
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Es war eine sehr bewegte Epoche: Die Kubakrise war noch nicht recht verdaut. Der Vietnamkrieg wurde immer blutiger. Der kalte Krieg wurde zunehmend heißer. Über alles drohte der finale atomare Schlagabtausch. Gleichzeitig bekam die Studentenbewegung in Deutschland und anderswo gewaltigen Zulauf und einige stellten sich gänzlich außerhalb der staatlichen Ordnung. Sie drifteten ab ins terroristische Umfeld.

Es war nicht die Zeit der Optimisten, insbesondere nicht für die in der westlichen Hemisphäre. Sie mussten zuhören, wie der Sputnik hoch über ihren Köpfen penetrant piepste, und sie sahen zu wie Juri Gagarin ihnen von weit oben lächelnd zuwinkte.

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Armstrong auf dem Mond | Neil Armstrong betritt als erster Mensch den Mond.
Doch die Antwort des Westens kam im Sommer 1969, genauer: am 21. Juli um 03.56 Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit. Neil Armstrong und Edwin "Buzz" Aldrin setzten als erste Menschen ihren Fuß auf einen fremden Himmelskörper. Der Satz, den Armstrong damals – überlagert von furchtbarem Rauschen – ins Mikrofon sprach, ist bis heute unvergessen: "Es ist nur ein kleiner Schritt für mich, aber ein großer für die Menschheit."

Das war gleichzeitig der endgültige Durchbruch für die Technologiegläubigen, die meinen, mit Technik jegliches Problem auf Erden in den Griff bekommen zu können. Bezeichnenderweise musste dazu erst ein Mensch weit weg von der Heimat mit all ihren Problemen ein Banner in den Mondstaub rammen.

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Amerikanisches Banner auf dem Mond | Amerikanisches Banner auf dem Mond
In der Tat: Die Landung auf dem Mond war eine technische Meisterleistung; die Anstrengungen, die dazu unternommen wurden, enorm: Rund 400 000 Menschen arbeiteten gut zehn Jahre lang am Apollo-Projekt. Insgesamt verschlang die Erfüllung dieses amerikanischen Wunschtraums umgerechnet 50 Milliarden Euro. Der Auftraggeber, der damalige US-Präsident John F. Kennedy erlebte das glückliche Ende nicht mehr. Erst Richard Nixon konnte die drei Mond-Bummler – neben Armstrong und Aldrin war auch noch Michael Collins dabei, der sich den Mondspaziergang der anderen von der Kommando-Kapsel aus ansah – zur Erledigung des Auftrags gratulieren. Und ich muss zugeben, ich war von der Leistung der Amerikaner beeindruckt. Doch damals war ich noch ein Kind.

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Fußspur im Mondstaub | Astronauten hinterlassen ihre Fußspuren im Mondstaub
Heute kann man sich fragen, was uns der bislang weiteste Spaziergang der Menschheit gebracht hat? Die Teflon-Pfanne antworten da viele. Das ist aber ein Irrtum. Die chemische Verbindung mit dem wissenschaftlichen Namen Polytetrafluorethylen (PTFE) wurde bereits 1938 zufällig von dem damals 26-jährigen Chemiker Roy Plunkett (1911-1994) – mit Fug und Recht kann man sagen – gefunden. Es wird gemunkelt, er habe wegen eines Treffens mit einer jungen Frau vergessen, eine Gasflasche mit fluorhaltigen Verbindungen abends wieder in den Eisschrank zu stellen. An dieser bildete sich ein weißes Pülverchen: Der neue Kunststoff war geboren. Bereits 1954 entwickelte der französische Chemiker Marc Grégoire die PTFE-Beschichtung von Kochgeschirr. Also befindet sich in unseren Küchenschränken nicht die Technik aus dem Weltraum, sondern die Apollo-Missionen flogen eher schon mit Hochleistungsbratpfannen durchs All.

Ähnlich wie bei der Teflonpfanne kann man die anderen technologischen Entwicklungen durchdeklinieren: Die Mikroelektronik oder die Solarzellen.

Es ist stets eine gute Frage, welchen technischen Fortschritt wir gehabt hätten, wenn man die 50 Milliarden Euro, die das Apollo-Programm gekostet hatte, nicht über den Umweg durch den Weltraum in diese Art Forschung gesteckt hätten, sondern direkt in deren Entwicklung. So kommen viele Untersuchungen zu dem Schluss, dass die Weltraumtechnik sicherlich eine Initialzündung für Forschung und Entwicklung bedeuten kann. Doch zeigen diese Analysen auch, dass erdgebundene Weltraumaktivitäten wie Erderkundungssatelliten beispielsweise oder Telekommunikationseinrichtungen bei weitem effektiver – weil menschennäher – sind als bemannte Fernflüge. Niemand hat etwas von den staubigen Fußspuren auf dem Mond, doch das GPS-Signal weist täglich Millionen von Autofahrern den rechten Weg.

Daher ist es sehr verwunderlich, warum die amerikanische Regierung sich nun ein noch größeres Abenteuer auf die Fahne geschrieben hat. Es hat diesmal weniger etwas von einem Wettlauf der Systeme – wie in den 1960er Jahren des kalten Krieges. Es hat vielmehr etwas von einem Weglauf aus der Realität, nach dem Motto: Wenn ich schon auf der Erde nichts geregelt bekomme, dann vielleicht im Weltall. Da trifft es sich vorzüglich, dass Mond und Mars unbewohnt sind. Da braucht man sich wenigstens nicht mit anderen Lebensformen oder gar Menschen auseinander zu setzen.

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Blick vom Mond zur Erde | Klein und verletzlich wirkt unser Heimatplanet vom Mond aus betrachtet.
Zumindest erwarten die Nasa-Verantwortlichen, dass ein Gelingen der Marsmission einen noch größeren Eindruck auf die Menschen ausüben werde, als es bei der Mondlandung der Fall war. Für dieses Spektakel soll nach dem Willen des US-Präsidenten Georg W. Bush zunächst der Mond bis zum Jahr 2020 angeflogen werden, um dort dauerhaft eine internationale Basis einzurichten. Die Nasa-Verantwortlichen schwärmen bereits, wie es wäre, wenn Menschen aller Nationalitäten und Kulturen auf einer Mondbasis Hand in Hand zusammen arbeiten. Meine Kollegin hat sich das bereits bildlich vorgestellt: Sie sah Osama Bin Laden zusammen mit Bush in einer Doppelhaushälfte mit Aussicht auf die Erde auf dem Mond sitzen! Als ob sich die Menschen besser verstünden, je weiter sie von zu Hause weg sind. Wenngleich von vielen Astronauten berichtet wurde, sie seien ins Grübeln gekommen und hätten die Erde nach ihrem Weltraumflug mit ganz anderen Augen gesehen.

Und noch etwas will mich an den Planungen nicht so recht überzeugen: Warum die Schwerkraft der Erde überwinden, um von der Schwerkraft des Mondes eingefangen zu werden, nur um diese schließlich ebenso zu bezwingen, damit wir die Reise zum Mars antreten können? Ist das nicht alles eine Verschwendung von wichtigen Ressourcen, die Wunderbares auch auf der Erde zustande bringen könnten? Die Menschheit tut gut daran, sich Ziele zu setzen – auch hohe und manchmal unerreichbar scheinende. Doch sollte man den Wunsch "hoch hinaus zu wollen" nicht zu wörtlich nehmen. Auch auf der Erde gibt es eine Menge zu tun. Und hier ist dringend ein ebenso hohes Maß an Kreativität, Zusammenarbeit und Willensbereitschaft gefragt. Daher der Appell, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und Technik von Menschen für Menschen zu machen und nicht um ihrer selbst willen. Denn nicht alles was machbar ist, ist gleichzeitig sinnvoll.
21.07.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 21.07.2004

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