Vorsicht, Denkfalle!: Warum wir uns selbst etwas vormachen

Die Nach-Weihnachtszeit ist die Hochzeit der unerfüllten Wünsche. Und was wünschen wir uns vergeblicher, als ganz und gar wir selbst zu sein? Einfach zu sagen, was man denkt, und seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, ohne darauf zu achten, was von einem verlangt wird oder was opportun ist – das wär’s doch, oder? Nur leider hat das Bei-sich-Sein oft einen Haken: Wer allzu authentisch ist, stößt andere leicht vor den Kopf und scheitert womöglich an Situationen, in denen Verstellung gefragt ist.
Warum hat authentisch sein dennoch ein so eklatant positives Image? Der US-amerikanische Biologe Robert Trivers begründet das evolutionspsychologisch: Erfolgreiche Täuschung ist auf Authentizitätssignale angewiesen. Wer andere überzeugen will, macht sich deshalb am besten selbst vor, er meine es vollkommen ehrlich. Denn es bringe wenig, Ehrlichkeit einfach zu behaupten – man müsse sie vielmehr indirekt, wie beiläufig, vorführen. Und dafür, so Trivers, sei das Lob der (eigenen) Authentizität ein exzellentes Mittel.
Die Echtheits-Denkfalle
Demnach senden wir Authentizitätssignale umso leichter, je mehr wir von unserer »Echtheit« überzeugt sind. Wir müssen an den Bären, den wir anderen aufbinden wollen, quasi selbst glauben – jedenfalls zu einem gewissen Grad.
Anders als Populärpsychologen kennt die wissenschaftliche Seelenkunde kein Persönlichkeitsmerkmal namens Authentizität. Was es hingegen gibt, ist das subjektive Gefühl, sich selbst mehr oder weniger treu zu sein. Und wer sich das attestiert, sieht die Welt mit anderen Augen, sagt etwa der Psychologe William Hart von der University of Alabama. Sein Team erklärte im Rahmen eines Experiments gut 500 Probanden, man könne mithilfe eines speziellen Sehtests den »Hirntyp AB1« diagnostizieren, der authentische Menschen kennzeichne. Prompt nahmen jene Testgucker, die sich selbst für besonders authentisch hielten, das präsentierte Farbspiel vermehrt so wahr, wie es dem AB1-Typ angeblich entsprach. Ein Nachtest legte zudem nahe, dass diese Wahrnehmung nicht bloß behauptet war – die Probanden sahen die vorgeführten Farben tatsächlich mal intensiver und mal schwächer, ganz so, wie es dem Wunschresultat entsprach. Dabei war der AB1-Typ in Wahrheit nur ausgedacht.
- Der fundamentale Attributionsfehler
- Die Normalitätsverzerrung
- Der Rückschaufehler
- Die Wissensillusion
- Die Verlustaversion
- Die Fokussierungsillusion
- Das Pippi-Langstrumpf-Syndrom
Das Bedürfnis nach Individuation
Schon der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung (1875–1961) sprach vom Bedürfnis nach Individuation: Jeder Mensch strebe danach, sein »wahres Ich« zu entfalten. Vertreter der humanistischen Psychologie wie der US-amerikanische Motivationsforscher Abraham Maslow (1908–1970) stießen ins gleiche Horn. In Maslows berühmter Bedürfnispyramide steht die Selbstverwirklichung ganz oben – Authentizität als Inbegriff eines erfüllten Lebens! Größer geht’s nimmer.
Vielleicht ist das Ganze jedoch eher ein psychologisches Druckventil: Sich zu verstellen und so zu tun, »als ob«, strengt an. Äußere Ansprüche etwa seitens der Eltern, der Vorgesetzten oder der Gesellschaft durchziehen unseren Alltag. Da wirkt die Vorstellung, wir könnten ganz einfach tun, wonach uns ist, erleichternd. Schon allein der Gedanke entlastet – und prompt brauchen wir nicht mehr so dringend authentisch zu sein. Dann hieße die Pointe dieses Bluffs wohl: Das Lob der Authentizität hilft uns dabei, frohgemut »täuschend echt« zu sein.
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