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Krebs verstehen: »Ein historischer Moment«

Bauchspeicheldrüsenkrebs zählt zu den aggressivsten Krebsarten. Ein zentraler Angriffspunkt galt jahrzehntelang als unerreichbar – bis jetzt. Ein neuer Wirkstoff kann die Überlebenszeit von Betroffenen verdoppeln. Doch es gibt Hürden, wie Ärztin Marisa Gerckens erklärt.
Eine medizinische Illustration zeigt die menschliche Bauchspeicheldrüse in leuchtendem Orange, eingebettet im Verdauungssystem. In der Bauchspeicheldrüse sind mehrere dunkle Tumoren zu sehen. Der Hintergrund zeigt schematisch den Oberkörper mit transparenten Darstellungen der umliegenden Organe und Blutgefäße. Die Illustration dient der Veranschaulichung von Pankreaserkrankungen.
Bösartige Tumoren der Bauchspeicheldrüse (Illustration) gehören zu den schwierigsten Krebserkrankungen. Sie bleiben häufig lange unerkannt und streuen oft unbemerkt in andere Organe. Entsprechend ungünstig ist die Prognose.

Statistisch gesehen erkrankt fast jeder zweite Mensch im Lauf seines Lebens an irgendeiner Art von Krebs. Weil man selbst betroffen ist oder eine betroffene Person kennt, geht das Thema damit alle etwas an. Gleichzeitig wissen viele Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen sehr wenig über die Erkrankung. Was passiert dabei im Körper? Warum bekommt nicht jeder Krebs? Und wie individuell läuft eine Krebstherapie eigentlich ab? Diese und weitere Fragen beantwortet die Ärztin Marisa Gerckens in ihrer Kolumne »Krebs verstehen«.

Standing Ovations beim US-Krebskongress ASCO: Ein neues Medikament verdoppelt die Überlebenszeit von Menschen mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die Krebserkrankung gehört zu den aggressivsten überhaupt. Sie wird meist erst spät entdeckt und ist oft nicht heilbar. Umso überraschender ist nun diese Meldung. Denn lange galt ein Medikament mit dem jetzt erstmalig erfolgreich eingesetzten Wirkprinzip als völlig unwahrscheinlich – so lautete jedenfalls über Jahrzehnte die wissenschaftliche Einschätzung.

Im Lauf eines Lebens ist das Erbgut gesunder Zellen vielen schädlichen Einflüssen ausgesetzt. Irgendwann ist der entstandene Schaden so groß, dass die Zellen neue, unerwünschte Eigenschaften entwickeln und zu Krebszellen werden. Zur Veranschaulichung nutze ich gerne das Beispiel einer Schrotflinte: Ein Treffer in der Tür hält ein Auto noch nicht vom Fahren ab. Wurden jedoch die Reifen getroffen, kommt es nicht mehr vorwärts. Nicht jeder Schaden ist gleich schlimm. Entscheidend ist, wo er entsteht.

Zu den zentralen Stellen im Erbgut zählen unter anderem die Baupläne für die sogenannten Ras-Proteine. Dabei handelt es sich um kleine, kugelförmige Proteine, die die Zellteilung regulieren. Ist ihre Bauanleitung verändert, beginnt sich die Zelle unkontrolliert zu teilen. Mutationen in den Genen der Ras-Proteine gehören zu den häufigsten Veränderungen bei soliden bösartigen Tumoren.

Über lange Jahre galt: Fehlgesteuerte Ras-Proteine lassen sich medikamentös nicht stoppen. Ein Grund dafür ist ihre Struktur. Ihnen fehlt ein aktives Zentrum, an dem klassische Hemmstoffe ansetzen könnten, um sie zu blockieren. Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Biochemiestudentin vor meinem Medizinstudium. Damals galt Ras als »undruggable«, also als nicht therapierbar.

Aber 2013 gelang Wissenschaftlern ein Durchbruch. Sie entdeckten, dass bei einer G12C genannten Veränderung des Gens KRAS ein Protein entsteht, das sich doch blockieren lässt. Bei rund 90 Prozent der Bauchspeicheldrüsenkarzinome liegen KRAS-Mutationen vor – allerdings sind nur rund ein Prozent G12C-Mutationen.

Dennoch kurbelte diese Entdeckung die Forschung zu Ras-Inhibitoren massiv an. In den 2020er-Jahren wurden schließlich in den USA zwei Medikamente für Lungen- und Darmkrebs in den USA zugelassen, die bei jener spezifischen, seltenen Mutation das veränderte, überaktive Ras blockieren: Sotorasib und Adagrasib. Zudem suchten Wissenschaftler aber nach weiteren Inhibitoren für die anderen, vermeintlich unbehandelbaren Ras-Proteine.

Wie sich die Überlebenszeit bei Bauchspeicheldrüsenkrebs verlängern lässt

Was sorgte nun auf dem US-Krebskongress für so viel Aufsehen? Die dort vorgestellten Daten der sogenannten RASolute-302-Studie zeigen: Was lange als unerreichbar galt, ist inzwischen gelungen. Erstmals hat ein Forschungsteam Inhibitoren vorgestellt, die auch gegen die übrigen, bislang schwer angreifbaren mutierten Ras‑Proteine wirken und so das Tumorwachstum bremsen.

Bereits Anfang Mai hatten die Wissenschaftler Daten einer Phase-I/II-Studie veröffentlicht. Rund 160 Patienten mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs erhielten ein Medikament namens Daraxonrasib. Es bindet an Ras sowie andere Proteine und verhindert, dass weitere Proteine daran koppeln können. Somit unterbricht es eine Signalkette, an deren Ende eine unkontrollierte Zellteilung steht.

In der Phase-I/II-Studie wollten die Forscher vor allem herausfinden, wie verträglich das Medikament ist und in welcher Dosis es verabreicht werden kann. Dabei zeigten sich aber auch erste Hinweise darauf, wie gut das Mittel wirkt. Patienten mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs leben unter der derzeit üblichen Chemotherapie durchschnittlich weniger als ein Jahr. Schlägt die erste Chemotherapie nicht mehr an, liegt die Überlebenszeit unter einer zweiten Behandlung im Schnitt lediglich bei sieben Monaten. Die Tumoren schrumpfen dann nur noch bei weniger als zehn Prozent der Patienten.

Mit Daraxonrasib lebten Patienten, die schon eine Chemotherapie hinter sich hatten, rund 15 Monate. Bei rund 30 Prozent verkleinerten sich die Tumoren sogar. Hatten die Patienten bereits zwei Chemotherapien erhalten, lebten sie unter Daraxonrasib im Mittel noch neun Monate und bei etwa 20 Prozent war eine Tumorverkleinerung sichtbar. Zum Vergleich: Eine dritte Chemotherapie spricht normalerweise nur noch bei sehr wenigen Patienten an. Die mittlere Überlebenszeit liegt dann gerade einmal bei circa fünf Monaten.

»Hinter jedem Fortschritt in der Krebsmedizin stecken Geschichten von Patienten, für die der Fortschritt zu spät kommt«

Die Ende Mai 2026 vorgestellten Ergebnisse bestätigen diese Erfolge. In einer Phase-III-Studie erhielten um die 500 Patienten nach einer ersten Chemotherapie entweder Daraxonrasib oder eine andere Chemotherapie. Rund 90 Prozent der Studienteilnehmer hatten unterschiedliche KRAS-G12-Mutationen. Das neuartige Mittel verdoppelte die Überlebenszeit der Probanden von rund 6 auf 13 Monate. Bei etwa einem Drittel der Patienten konnte das Medikament die Tumoren sichtbar zum Schrumpfen bringen. Bei jenen, die eine zweite Chemotherapie erhielten, waren es ungefähr rund elf Prozent.

Da Ras-Proteine auch in gesunden Körperzellen vorkommen, blieb die Behandlung jedoch nicht ohne Nebenwirkungen. Fast jeder Daraxonrasib-Empfänger litt unter Hautausschlag, Durchfall oder Übelkeit. Die Begleiterscheinungen waren allerdings etwas schwächer als in der Chemotherapie-Gruppe.

Ändert sich die Therapie von Bauchspeicheldrüsenkrebs in Deutschland?

Ein großer Teil meiner Patientinnen und Patienten ist an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt. Aus meinem Alltag kenne ich die aktuell verfügbaren Therapien sehr gut. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Chemotherapien, die zum Teil starke Nebenwirkungen verursachen. Lange Zeit hat sich an den therapeutischen Optionen wenig verändert.

Nun gibt es erstmals die Aussicht auf ein neues Medikament mit einem zielgerichteten Wirkmechanismus, das die Überlebenszeit von Patienten und Patientinnen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs verdoppelt. Die Standing Ovations bei dem Kongress kann ich gut nachvollziehen. Das war ein historischer Moment in der Krebsmedizin.

Aufgrund der Daten rechne ich damit, dass Daraxonrasib in den USA etwa Anfang 2027 oder sogar noch Ende 2026 zugelassen wird. In Europa dauert dieser Prozess erfahrungsgemäß länger. Deutsche Ärztinnen und Ärzte können nach der US-Zulassung allerdings Anträge auf Kostenübernahme an Deutsche Krankenkassen stellen und das Medikament importieren. Aber das kann Wochen oder sogar Monate dauern.

Wie bekommen Erkrankte das Medikament Daraxonrasib?

Und jetzt kommt der Teil, der mich trotz dieser guten Nachrichten betrübt: Für akut erkrankte Patienten bedeutet das, dass der Zugang zu dem noch nicht zugelassenen Wirkstoff im Moment praktisch ausgeschlossen ist. Zwar laufen derzeit weltweit Studien mit ähnlichen Medikamenten, doch die Plätze sind sehr begrenzt und Teilnehmende müssen strenge medizinische Kriterien erfüllen. Ein sogenanntes Compassionate-Use-Programm (also ein Arzneimittel-Härtefall-Programm), bei dem der Hersteller das Medikament an einzelne Erkrankte herausgibt, existiert außerhalb der USA momentan nicht.

Onkologinnen und Onkologen in vielen Ländern sind gerade in der Situation, dass Betroffene mit großer Hoffnung und Zeitungsartikeln in der Hand zu ihnen kommen – und sie ihre Patienten enttäuschen müssen. Hinter jedem Fortschritt in der Krebsmedizin stecken Geschichten von Patienten, für die der Fortschritt zu spät kommt.

Was mich ebenfalls traurig stimmt: Die Prognose von Bauchspeicheldrüsenkrebs bleibt auch mit dem neuen Medikament schlecht. Dennoch markieren die Ergebnisse einen Wendepunkt. Sie zeigen, dass sich sogar Zielstrukturen, die jahrzehntelang als unangreifbar gelten, therapeutisch nutzen lassen. Ich glaube fest daran, dass künftig weiterentwickelte Ras-Therapien – in Kombination mit anderen Behandlungen – vielen Betroffenen spürbar mehr Lebenszeit und Lebensqualität schenken werden.

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