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Bayerisches Raumfahrtprogramm: Bavaria One: Völlig losgelöst?

Der Spott über »Söderchens Mondfahrt« ist so erwartbar wie berechtigt. Aber genau hinzuschauen, lohnt sich. Bayerns Raumfahrtstrategie hält auch Vielversprechendes bereit.
Markus Söder

Nein, Markus Söder will – allen Gerüchten zum Trotz – nicht zum Mond. Die bayerische Opposition, ja, die würde den Regierungschef wohl am liebsten auf den Mond schießen, und in der CSU könnten sich ähnliche Gelüste einstellen, wenn die Landtagswahl am kommenden Wochenende über die Bühne ist. Bavaria One, das »bayerische Raumfahrtprogramm«, vor wenigen Tagen von Söder stolz verkündet, ist dennoch weder Flucht- noch Entsorgungskampagne für strauchelnde Ministerpräsidenten. Im Grunde ist es nicht einmal ein Raumfahrtprogramm. Es ist vielmehr ein ziemlich irdisches Forschungs- und Investitionsvorhaben – ein bürokratischer Akt, vollgepackt mit eher vagen Versprechen, mit Selbstverständlichkeiten, mit Schlagwörtern, aber auch mit einigen guten Ideen.

Nur: In der für Bayern typischen Mischung aus Hybris und Mia-san-mia, vor allem aber im Bestreben, kurz vor der Wahl noch einmal mit einem griffigen Namen und einprägsamen Bildern zu punkten, erntete Bavaria One vor allem Spott und Hohn. Das tut dem Programm, bei aller berechtigten Kritik, Unrecht.

Mehr als 700 Millionen Euro, so die unmissverständliche Botschaft aus der Staatskanzlei, sollen in den kommenden vier Jahren in die Raumfahrtstrategie fließen. Für einen Flug zum Mond reicht das zwar nicht, und auch nicht für eine weiß-blaue Raumstation, eher schon für den ein oder anderen gut ausgestatteten Satelliten. Doch daraus wird nichts, denn die Investitionen sollen nicht primär am Himmel landen, sondern im oberbayerischen Boden: In Ottobrunn, südöstlich von München, soll in den kommenden Jahren die, so Söder, »größte Raumfahrtfakultät Europas« entstehen.

Bereits existierende Einrichtungen der Technischen Universität München werden dort zu einem interdisziplinären Zentrum für Luftfahrt, Raumfahrt und Geodäsie zusammengelegt. Aber auch neue Lehrstühle kommen hinzu. Alles in allem geht es um mehr als 55 Professuren mit 132 neuen Stellen und knapp 2000 Studienplätzen. Allein der Bau des Campus, in unmittelbarer Nähe zu Airbus und anderen Raumfahrtunternehmen gelegen, wird 100 Millionen Euro verschlingen. Den Aufbau der Fakultät will sich der Freistaat jährlich 30 Millionen Euro kosten lassen. In fünf Jahren soll er abgeschlossen sein.

Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar: Die Raumfahrt erlebt gerade einen massiven Wandel. Konzerne und staatliche Agenturen verlieren an Einfluss. Private Anbieter – für Raketen, für Satelliten, für alle möglichen Dienste aus dem All – drängen auf den Markt. Sie alle brauchen qualifiziertes Personal. Vor allem aber brauchen sie neue Ideen. Einer der Kernpunkte der Strategie soll daher die Förderung von Start-ups sein, unter anderem durch das bayerische Gründerzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, das die Staatsregierung bereits in der Vergangenheit unterstützt hat.

Der Rest: Beliebigkeiten, Banalitäten und Buzzword-Bingo

Der Rest von Bavaria One, das aus zehn Punkten besteht und maßgeblich vom ehemaligen Astronauten und heutigen bayerischen Professor Ulrich Walter ausgearbeitet wurde, klingt weniger überzeugend. Es wirkt wie eine Mischung aus Beliebigkeiten, Banalitäten und Buzzword-Bingo. Vor allem aber bleibt unklar, was genau mit den 700 Millionen Euro passieren soll. Offenbar zählt, so kurz vor der Wahl, vor allem die eindrucksvolle Summe. Nach jährlich 400 Millionen Euro für das neue bayerische Erziehungsgeld, nach 400 Millionen für das Landespflegegeld, nach all den anderen Geldgeschenken aus der Staatskanzlei muss – zumindest drängt sich dieser Eindruck auf – nun auch noch die Hightech-Branche bedient werden.

Und es braucht dafür, neben all der universitären Neuorganisation, offenbar ein Aushängeschild. Deshalb soll ein BayernSat gebaut werden, gerne – man hat ja internationale Ansprüche – auch BavariaSat genannt. Ein bayerischer Erdbeobachtungssatellit soll es werden, komplett mit Sensoren, mit Roboterarm und mit einer Videokamera, gesteuert von Bayerns Bürgern. Ein Bus, auch das im Grunde eine gute Idee, soll dazu Schulen, Universitäten und Städte anfahren.

Allerdings: Seit Jahren entwickelt zum Beispiel die Universität Würzburg, unweit von Söders mittelfränkischer Heimat gelegen, kleine Satelliten namens UWE (Universität Würzburg Experimental-Satellit). Drei dieser so genannten CubeSats sind bereits gestartet worden; Nummer 4 wird gerade gebaut. Solche Minisatelliten sind ein ideales Werkzeug, um Studierende zu begeistern, aber auch, um Raumfahrtinteresse bei den Bürgern zu wecken. Warum dann ein großer, teurer BayernSat? Wegen des coolen Roboterarms? Wegen des PR-Effekts?

Nein, heißt es in der Staatskanzlei: um die »Technologieführerschaft bei Kleinsatelliten« anzustreben. Bayern will, so zumindest verkauft es der stets umtriebige Ulrich Walter, allen Ernstes in derselben Liga mitspielen wie das US-Unternehmen OneWeb, das derzeit eine Flotte aus knapp 900 Satelliten für Internetverbindungen aus dem All aufbaut. Oder wie das kalifornische Start-up Planet, das mit einem Schwarm kleiner Späher die Erdbeobachtung revolutioniert (und dessen Europazentrale ausgerechnet in Berlin steht). Nur, wie soll das gelingen? Sicherlich, für ein Land wie Bayern ist es nicht verkehrt, neben Landwirtschaft und Sozialpolitik auch Zukunftsthemen voranzubringen. Aber geht das nicht ein bisschen kreativer?

Offenbar nicht. Stattdessen ähnelt Bavaria One einem Sammelsurium an Technikfeldern, auf denen der Freistaat ohnehin gut aufgestellt ist:

  • Bayern, so heißt es in der Raumfahrtstrategie, soll als »führender Standort für die Entwicklung und Produktion von Technologien für Trägerraketen« etabliert werden. Dabei ist das Land schon heute führend beim Antrieb der europäischen Ariane-Raketen. »Der Schub«, betonen bayerische Raketenbauer gerne, »kommt aus Ottobrunn.«
  • Bayern soll zum »Kompetenzstandort für Satellitennavigation und Galileo« ausgebaut werden. Kein Kunststück, schließlich steht beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen das europäische Galileo-Kontrollzentrum.
  • Bayern soll »Weltraumrobotik und Explorationstechnologie« entwickeln. Genau dort steht das DLR mit seinem Institut für Robotik und Mechatronik bereits an der Weltspitze.

Söders Bemühen ist offensichtlich, vielleicht zu offensichtlich: Er will seinem Vorgänger Franz Josef Strauß nacheifern, der Bayern einst von einem Agrarland zu einem führenden Standort der Luft- und Raumfahrtindustrie gemacht hatte. Edmund Stoiber setzte diese Strategie mit seinem Slogan von »Laptop und Lederhose« konsequent fort – und erntete bereits dafür Spott. Nun also Bavaria One und noch viel mehr Häme.

Spotten über Bayern ist zum Volkssport geworden

Wobei Spotten über Bayern – ob berechtigt oder unberechtigt – ohnehin zum Volkssport geworden ist. Wenn die aus Bayern stammende Staatsministerin Dorothee Bär von Flugtaxis schwärmt, wenn die Münchner CSU Taxilandeplätze beim Neubau des Hauptbahnhofs ins Spiel bringt, wird herzlich gelacht. Wenn Google-Gründer Larry Page sein neues Flugtaxi in Neuseeland vorstellt, ist er der Star. Das hat System: Als sich das oberbayerische Ingolstadt bei der EU als Testregion für autonome Fluggeräte bewarb, wurden Witze gerissen. Als Hamburg und Genf das Gleiche machten, lachte niemand.

Viele Bayern nehmen das mittlerweile als Kompliment hin, als versteckte, aber im Grunde aufrichtige Form der Anerkennung. Als Manifestation des alten Spruchs: »Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen.«

Ausgerechnet bei Bavaria One, bei der Raumfahrtstrategie, fehlt diese Lässigkeit. Es fehlt – insbesondere in der öffentlichen Präsentation – das Fingerspitzengefühl. Und mitunter auch die Logik: Zwar wird Ulrich Walter nicht müde zu betonen, dass es sich um ein unbemanntes Programm handle. Die Strategie haben er und Söder dennoch vor einem (russischen) Raumanzug präsentiert. Es waren wohl die besseren Bilder.

Und als die Junge Union ihrem Ministerpräsidenten ein überdimensionales Logo spendierte mit dessen Konterfei und mit dem Schriftzug Bavaria One, verbreitete Söder das Bild von sich und dem Logo umgehend bei Instagram – verbunden mit dem Kommentar: »So sieht Zukunft aus.« Auf die höhnischen Reaktionen im Netz reagierte der Ministerpräsident, der im fränkischen Fasching schon mal als Shrek auftritt und dem Selbstironie nicht fremd ist, trotzdem äußerst dünnhäutig. Er sprach von »Kinderdebatten«, nutzte sogar den von Rechtspopulisten geprägten Kampfbegriff der Fake News.

Für Bavaria One ist all das keine Hilfe. Im Gegenteil. Ein Commander Söder, die Zukunft fest im Blick und überzeugt von seiner Strategie, sollte – so mag man denken – selbstbewusster mit derart irdischer Kritik umgehen können. Egal ob im All oder ganz bodenständig in der Staatskanzlei.

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