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Plagiate: Betrug schadet der Wissenschaft, nicht seine Aufdeckung

Forschungsfunktionäre fordern, die Jagd nach Plagiaten im Internet zu beenden - sie untergrabe das Vertrauen in die Wissenschaft. Doch den Schaden hat die Wissenschaft selbst zu verantworten. Und ohne die Plagiatsjäger wird der Missstand nicht behoben.
Lars FischerLaden...

"Die von allen möglichen Seiten betriebene Suche nach Plagiaten in Doktorarbeiten macht eine Klarstellung durch die Wissenschaft selbst notwendig", schrieb letzte Woche eine Gruppe namhafter deutscher Forschungsfunktionäre in einem Kommentar für die "Süddeutsche Zeitung". Recht haben sie. Was aber dann in der Folge klargestellt wird, ist kaum erbaulich: Die Autoren beklagen weniger den Umstand, dass wissenschaftliches Fehlverhalten so weit verbreitet ist, sondern vielmehr, dass solcher Betrug nun von außerhalb der Wissenschaft aufgedeckt werde.

Der Beitrag zielt auf den Umstand, dass die Plagiatsjäger im Internet kaum mehr tun, als kopierte Textstellen zu identifizieren. Das sei dem komplexen Thema nicht angemessen und schaffe ein Klima des Verdachts und der Bedrohung, was das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit beschädige. Doch das ist eine vollständige Verdrehung von Ursache und Wirkung. Es sei Sache der Fachwissenschaftler, die Einhaltung wissenschaftlicher Standards nach angemessenen Kriterien zu überprüfen, schreiben die Autoren und übersehen geflissentlich, dass genau hier das Problem liegt – die Fachwissenschaftler sind in zu vielen Fällen an dieser Aufgabe gescheitert.

Allein deswegen erzeugen die Plagiatsjäger im Netz so große Verunsicherung: Die beliebte Rede von den Einzelfällen greift anscheinend zu kurz, wie man ja auch daran erkennt, dass ein Beitrag wie derjenige der Forschungskommentatoren nötig ist. Tatsächlich weiß niemand so recht, wie groß das Problem tatsächlich ist. Wie auch, wenn – wie die Autoren selbst schreiben – effektive Gegenmaßnahmen gerade erst in Arbeit sind?

Deswegen enttäuscht der Kommentar trotz aller Bekenntnisse zur wissenschaftlichen Integrität: Die Autoren tun so, als sei im Grunde alles in bester Ordnung. Sie fordern, die Suche nach Plagiaten der Wissenschaft zu überlassen, sie singen das Hohelied des Vertrauens in die vorgeblich so etablierten Standards der Forschung. Doch all das hat in der Vergangenheit nicht dazu beigetragen, wissenschaftliches Fehlverhalten aufzudecken. Das haben dann vielmehr jene getan, die jetzt von den Forschungsfunktionären angegriffen werden. Und wenn Nachwuchswissenschaftler, wie behauptet, tatsächlich "in Verwirrung" darüber sind, dass man fremde Texte nicht übernehmen darf, ohne sie klar als Zitat zu kennzeichnen, dann liegt die Schuld daran ganz sicher nicht bei den Plagiatsjägern, sondern in der Wissenschaft selbst.

Woran liegt es denn, dass die Integrität der Wissenschaft neuerdings so ein wichtiges Thema ist? Wie kommt es zu Stande, dass sich die Autoren des Beitrags darauf berufen können, dass fieberhaft an Wegen zur Vermeidung von wissenschaftlichem Fehlverhalten gearbeitet wird? Ohne die Arbeit der Plagiatsjäger läge über den meisten dieser Betrugsfälle noch der Mantel des Schweigens. Wer sich wirklich um die Integrität der Wissenschaft sorgt, sollte es begrüßen, dass sich die Öffentlichkeit genug für Wissenschaft interessiert, um mit mühseliger Detailarbeit dreisten Betrug aufzudecken – ehrenamtlich wohlgemerkt.

Vollends hanebüchen ist schlussendlich die Behauptung, die Plagiatsenthüller selbst würden die Suche nach Plagiaten behindern – dass diese existieren, sagt schließlich eine ganze Menge über die bisherige Qualität dieser Suche. Und wenig zeigt deutlicher die Bedeutung der Plagiatsjäger für die zukünftige Wahrung der wissenschaftlichen Integrität, als dass als Reaktion auf ihre Aktivitäten mit Hochdruck bessere Wege gesucht werden, Betrug zu vermeiden.

Und das allein ist auch der richtige Weg, um das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft wieder zu stärken: starke Standards, die gelehrt und umgesetzt werden, Fehlverhalten von vornherein unterbinden oder, so es denn vorkommt, zuverlässig entlarven. Das sind die alles entscheidenden Themen, die den Autoren des Beitrags unter den Nägeln brennen sollten – denn es ist zuallererst einmal wissenschaftliches Fehlverhalten, das dem Ansehen der Wissenschaft schadet. Indem man sich an vermeintlichen oder tatsächlichen Unzulänglichkeiten der Plagiatsjäger abarbeitet, gewinnt man das durch die Betrugsfälle verlorene Vertrauen eher nicht zurück.

25. KW. 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 25. KW. 2012

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