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In Bestform: »Tanzen gehört zu unserem Standardrepertoire«

»Ich kann nicht tanzen.« Diese Ausrede lässt Sabine Koch nicht gelten. Im Interview erklärt die Psychologin, wie es am besten klappt: »Man muss die Gedanken ein Stück weit loslassen.«
Die Beine von Mann und Frau bei einem klassischen Tanz auf dem Parkett

Keine Frage: Es sieht toll aus, wenn ein Paar gekonnt einen Tango aufs Parkett legt. »Das könnte ich nie«, denken viele sofort. Stimmt das? Oder können im Prinzip alle Menschen tanzen? Und falls ja, warum tun wir es nicht? Psychologin und Tanztherapeutin Sabine Koch von der SRH Hochschule Heidelberg und der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn klärt auf.

»Spektrum.de«: Frau Koch, können eigentlich alle Menschen tanzen – oder ist das eine Frage des Talents?

Sabine Koch: Menschen sind Wesen, die sich bewegen wollen und müssen. Tanzen gehört zu unserem Standardrepertoire, das Rhythmusgefühl ist sozusagen in unserer Hardware verbaut. Wir alle folgen natürlichen und persönlichen Rhythmen, insofern können wir auch tanzen und musikalisch sein. Die jüngste Forschung an so genannten Spiegelneuronen zeigt außerdem: Wir können unsere Bewegungen mit denen anderer Menschen synchronisieren und tun dies auch automatisch.

Was sind Spiegelneurone?

Wenn wir jemanden bei einer bestimmten Tätigkeit, beispielsweise beim Tanzen, beobachten, sind dieselben Hirnbereiche aktiv, wie wenn wir selbst tanzen würden. Verantwortlich dafür sind so genannte Spiegelneurone. Sie »spiegeln« die beobachteten Bewegungen im Gehirn des Zuschauenden, sollen aber auch maßgeblich daran beteiligt sein, dass wir Emotionen erkennen und uns in andere hineinversetzen können.

Die Ausrede »Ich konnte das noch nie«, die man insbesondere von Männern oft hört, zählt also nicht?

Nein. Man muss den Alltag und die Gedanken ein Stück weit loslassen, um sich dem Rhythmus hingeben und mitgehen zu können. Insbesondere Männer tun sich damit oft schwer. Unsere Erfahrung mit psychisch kranken Menschen, etwa Schizophreniepatienten, zeigt: Sie kommen sehr gut in den Rhythmus, wenn wir einfache Kreistänze oder Spiegelübungen mit ihnen machen. Wenn Menschen mit einer so schweren Beeinträchtigung das können, sollte es für uns alle möglich sein.

Was meinen Sie mit »loslassen« – und warum können Männer das schlechter?

Sabine Koch | Die Psychologin ist Professorin für Tanz- und Bewegungstherapie an der SRH Hochschule Heidelberg. Zudem leitet sie das Forschungsinstitut für Künstlerische Therapien an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn.

In der westlichen Welt, unserer Leistungsgesellschaft, sind wir total aufs Denken programmiert. Schon in der Schule: Was zählt, sind vor allem die Fächer, in denen man sitzt und denkt. Sport und Kunst gibt es zwar auch, doch selbst hier wird nach festen Regeln bewertet. Dadurch entfernen wir uns immer weiter von der Körperlichkeit, die wir natürlicherweise haben und die sich gut für das Lernen nutzen ließe. Im Kindergarten lässt sich das beobachten: Die Dreijährigen bewegen sich alle super, die Vierjährigen auch. Mit fünf oder sechs Jahren sagen viele dann: »Jungs machen so was nicht.« Das liegt unter anderem an einer Stereotypisierung des Tanzens als typisch weiblich in unseren westlichen Gesellschaften. Männer sind bei uns, was Bewegungen angeht, tendenziell etwas zurückhaltender. Die machen schon Sport, aber oft weniger kreativ und improvisiert. Freie Hüftbewegungen bei Männern sind in der westlichen Welt tabu. Das beobachte ich auch auf Konferenzen.

Was genau?

Wir beschäftigen uns dort viel mit dem Zusammenspiel zwischen Körper und Psyche, dem so genannten Embodiment, und machen praktische Übungen dazu. Oft sind Physiker und andere Natur- oder Geisteswissenschaftler bei unseren Embodiment-Konferenzen. Einer sagte mir: »Wenn ich mich in dieser Position auf die Yogamatte lege, kann ich gar nicht denken.« Ich erwiderte: »Das ist ja das Gute.«

Muss man beim Tanzen nicht auch denken? Ich erinnere mich an meinen letzten Tanzkurs, an all die Schritte und Figuren.

Es kommt darauf an, wie Sie tanzen. Wenn unsere Parkinson- und Demenzkranken Tango tanzen, vereinfachen wir die Bewegungsform sehr stark. Alle sollen direkt mitmachen können. Sie nehmen eine ganz stabile Haltung ein und machen wirklich nur die Grundschritte.

Warum gerade Tango?

In der Tangomusik gibt es viele Brüche, man muss jedes Mal neu ansetzen. Man übt also explizit das Initiieren von Bewegungen. Das ist ja eines der Hauptprobleme bei Morbus Parkinson. Außerdem gehen die Patienten längere Passagen rückwärts, drehen sich und so weiter. Das Beste ist: Sie merken es kaum, denn sie müssen auf den Partner und dessen Signale achten. Dadurch verliert die Angst an Bedeutung. Viele Parkinsonpatienten haben permanent Angst zu fallen. Das hemmt sie. Beim Tanzen tritt das in den Hintergrund, und die Menschen trainieren Dinge, die sie sonst vermeiden.

Verbessert das Tanzen ihren Zustand?

Ja. Studien zeigen, dass sich ihr Gang und die Balancefähigkeit verbessern. Auch die Lebensqualität lässt sich nachweislich steigern, oft nehmen die Menschen wieder Tätigkeiten oder Hobbys auf, die sie bereits aufgegeben hatten, wie Gartenarbeit oder Ausgehen mit dem Partner. Wir finden eigentlich auf allen Ebenen positive Effekte: körperlich, emotional und sozial. Unsere Studien zeigen, dass sich depressive und ängstliche Tendenzen verringern.

»Beim Tanzen trainieren die Menschen Dinge, die sie sonst vermeiden«

Und wenn wir jetzt einmal von Gesunden ausgehen: Ist Tanzen ähnlich vorteilhaft wie andere Sportarten?

Absolut. Tanzen fördert ganzheitlich. Schnelle, rhythmische Bewegungen treiben den Puls nach oben und verbessern die Ausdauer. Kompliziertere Schrittfolgen und Drehungen fördern die Kognition sehr stark. Anders als bei einem Individualsport, wo es hauptsächlich um das Körperliche geht, ist beim Tanzen immer eine emotionale Komponente dabei: Man tanzt zu Musik, mit einem Partner oder einer Partnerin. Natürlich kann ich auch allein im eigenen Zimmer tanzen. Aber meistens gibt es eine soziale Komponente. Und nicht zuletzt geht es um Ästhetik. Von den Parkinsonpatienten höre ich oft: Endlich kann ich meine Bewegungen wieder als schön erleben. Das ist bedeutsam, weil es den Menschen Freude bringt und sie motiviert, dranzubleiben.

Auch bei psychischen Erkrankungen, etwa Depressionen oder Traumata, soll Tanzen helfen. Wie erklären Sie sich das?

Jetzt nähern wir uns meinem eigentlichen Feld, der Tanz- und Bewegungstherapie. Im Tanzen kann man Leichtigkeit und Ästhetik, aber auch Selbstwirksamkeit entwickeln. Bei einer Tanztherapie setzen wir immer bei den Ressourcen der Menschen an. Was kann die Person, wobei fühlt sie sich wohl und stark? Wenn wir damit beginnen, empfinden sie sich von Anfang an als wirksam und kreativ. Aus der Psychologie wissen wir, dass Selbstwirksamkeit viele Bereiche der Gesundheit fördert. Außerdem kann ich die Menschen beim Tanzen in eine andere Haltung bringen als zum Beispiel die für eine Depression typische.

Die da wäre?

Man sackt in sich zusammen, die Brust ist eingefallen, die Schritte sind langsamer. Es findet keine Bewegung mehr auf der Vertikalebene statt. Wenn wir normal gehen, federt der Körper mit, wir machen immer eine leichte Bewegung nach oben und unten. Nicht so in einer Depression.

Und Tanzen hilft?

Wenn ich den Körper aufrichte, kann ich auch die Gefühle in eine positivere Richtung lenken. In einer Studie mit 31 depressiven Patienten an einer psychiatrischen Klinik haben wir das mit einem einfachen Kreistanz ausprobiert, für den es nur drei Schritte braucht. Den haben wir mit den Patienten getanzt, so dass sie ins Federn kamen. Dabei kam heraus: Das Tanzen und die damit verbundene Federbewegung reduzierte die depressiven Gefühle, sie fühlten sich danach deutlich vitaler. Die Studie hat zum ersten Mal diesen Wirkfaktor der Tanztherapie gezeigt und daher viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Wie lässt sich Muskelkater vermeiden? Wie viel sollten Sportler trinken? Diesen und weiteren Fragen widmet sich die Biochemikerin Annika Röcker in ihrer Kolumne »In Bestform«. Mit Experten aus der Sportmedizin diskutiert sie, was beim Sport im Körper vorgeht und wie ein gesundes Training aussieht.

Könnte das nicht schlicht darauf zurückzuführen sein, dass sich die Menschen bewegt haben? Das kann schließlich Glückshormone freisetzen.

Ja, das stimmt. Um auszuschließen, dass es nur an der Bewegung oder der Musik lag, bildeten wir zwei Kontrollgruppen. Die einen trainierten auf einem Fahrradergometer bis zum selben Pulsausschlag, die anderen hörten dieselbe beschwingte Musik. Auch bei diesen Probanden reduzierte sich der depressive Affekt. Bei jenen, die getanzt hatten, war der Effekt allerdings signifikant größer. Außerdem löste das Federn, also die Vertikalbewegungen, Freude aus. Das haben auch schon andere Forscher beobachtet. Natürlich muss man dafür nicht unbedingt tanzen, sondern kann beispielsweise auf einem Trampolin springen.

Sind die Menschen danach ebenfalls federnder gegangen?

Das haben wir in dieser Studie nicht untersucht. Es wäre auch interessant zu sehen, wie lange der Effekt anhält. Ich würde vermuten: Wenn man es regelmäßig macht, wirkt es längerfristig.

Vielleicht könnte uns das in der aktuellen Pandemie-Situation helfen, die viele als belastend empfinden.

Bestimmt. Wir sehen, dass Depressionen, Stresserkrankungen und Ängste zunehmen. Die Forschung zeigt, dass Tanzen hier gut helfen kann. Wir brauchen Ressourcen, auf die wir zurückgreifen können. Das kann Tanzen sein. Oder Musik, Bewegung an der frischen Luft, ein gutes Buch – alles, was uns guttut und Kraft gibt.

Wie könnte man Menschen, die damit bislang wenig Berührungspunkte hatten, den Zugang zum Tanzen eröffnen?

Das ist sicherlich individuell verschieden. Bei manchen Menschen klappt es vielleicht, wenn sie zu Hause gute Musik auflegen und mal für sich allein ein bisschen tanzen. Gerade, wenn sie eher ängstlich sind. Improvisieren Sie ein wenig und hören Sie in sich hinein: Wie fühle ich mich dabei, bin ich danach entspannter oder beschwingter? Einige brauchen dazu andere Menschen, die sie mitnehmen, in Bewegung bringen. Das kommt ganz darauf an, was für ein Typ man ist und welches Problem man vielleicht hat. In jedem Fall kann ich das Buch »Tanzen ist die beste Medizin von den Kognitions- und Neurowissenschaftlern Julia Christensen und Dong-Seon Chang« empfehlen. Darin sind viele wissenschaftlich belegte Effekte des Tanzens beschrieben. Wenn Sie nach dieser Lektüre nicht sagen: Das probiere ich mal aus – dann weiß ich auch nicht. (lacht)

Von Sportlerin zu Sportlern

Sabine Koch macht in ihrer Freizeit gerne Capoeira, eine brasilianische Tanz-Kampfkunst. Daran gefällt ihr vor allem die Ganzheitlichkeit: Es wird nicht nur getanzt, sondern auch gemeinsam gesungen, musiziert und dabei die Sprache gelernt (Portugiesisch). Wer möchte, kann akrobatisch werden. Als ehemalige Turnerin käme ihr das sehr entgegen, sagt Koch. Zwar gebe es einen Grundstock an Bewegungen, doch der Ablauf wird improvisiert, erklärt die Tanz- und Bewegungstherapeutin. Darum empfinde sie Capoeira jedes Mal und mit jeder Person anders. Für sie gleicht jede Einheit, genannt Roda, »einem gemeinsamen Fest, das Freude weckt«.

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