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Angemerkt!: Biologischer Wohlstandsverlust

Was haben fleischige Sonderangebote und Gartenmöbelschnäppchen mit Menschenrechtsverletzungen und den schwindenden Chancen Afrikas oder Lateinamerikas zu tun? Viel, denn sie alle sind Ursachen und Folgen der globalen Umweltkrise.
Daniel Lingenhöhl
Passend zum UNO-Welttag der Artenvielfalt am 22. Mai hat das World Resources Institute eine Studie von mehr als 1300 Wissenschaftlern aus aller Welt vorgestellt, die sich dem Zustand der globalen Ökosysteme und dem Wohlstand ihrer Bevölkerung widmet. Die Ergebnisse sind wieder einmal erschreckend: Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit nahm Homo sapiens größeren Einfluss auf die Artenvielfalt, vernichtete er in diesem Tempo Natur. Die Leistungsfähigkeit der Ökosysteme im Hinblick auf Luft- oder Wasserreinhaltung, Holzgewinnung oder Erosionsschutz ist weltweit betrachtet im freien Fall begriffen. Die Produktivität der Fischgründe nahm seit Beginn der modernen Seefahrt um erschreckende neunzig Prozent ab. Und über allem droht noch der Klimawandel.

Die Aussichten scheinen düster, gefordert wären also Politiker, Manager und Konsumenten mit Weitblick. Doch was wird getan? Umweltschutz erschöpft sich mittlerweile nur noch in Sonntagsreden, alles blickt gebannt – und durchaus verständlich – auf die neuesten Wachstums- und Arbeitslosenzahlen. Allenfalls kurzfristiger Aktionismus kocht hoch wie bei der Feinstaubdebatte (war da was?), wenn dem besorgten Bürger Tatendrang suggeriert werden soll.

Erst recht wird diese nachlässige Politik zum Skandal, wenn sie immense Waldrodungen in Indonesien oder Brasilien zulässt oder gar fördert, nur damit hierzulande billiges Fleisch und billige Teakholz-Möbel für den Grillabend verfügbar sind. Die eklatanten Menschenrechtsverbrechen mit Mord, Totschlag, Landenteignung und Sklaverei, die in diesem Zusammenhang begangen werden, sind nicht einmal ansatzweise Thema.

Dabei steht mit dem Verlust der Regenwälder, Korallenriffe oder Savannen mit ihrem brodelnden Leben weit mehr auf dem Spiel, als es Präsidenten, Kanzler oder Minister in ihrem eher kurzfristig ausgerichteten Regierungsdenken überblicken wollen. Nichts mehr als die Entwicklungsfähigkeit der so genannten Dritten Welt ist durch den Verlust an Ökosystemen und Arten gefährdet. Und auch die Industriestaaten, die gerne an die technische Lösung aller Probleme glauben wollen, benötigen die essenziellen Funktionen der Biosphäre.

Sind das jetzt nur die Übertreibungen eines Öko-Apostels, der gerne die Apokalypse an die Wand malt? Ganz und gar nicht, die Welt ist voll von Bildern, die oft ausgeblendet werden: Das brandgeschatzte Haiti versinkt immer tiefer in Armut, Chaos und Niedergang – kaum ein Baum steht mehr, bei jedem Starkregen sterben Menschen durch Schlammlawinen und Überflutungen. In Indonesien bedient sich eine völlig hemmungslose Mafia selbst am Holz und der Tierwelt von Nationalparks, die noch vor wenigen Jahren weltberühmt waren und vielen Einheimischen ein zumindest bescheidenes regelmäßiges Einkommen bescherten. Die wohlhabenden USA wollen in der "Serengeti der Arktis" in Alaska nach Erdöl bohren lassen – gegen den Widerstand von Wissenschaft und lokaler Bevölkerung, aber zum vermeintlichen Wohle des Verbrauchers.

Und die Europäische Union wendet sich nach Ausplünderung ihrer eigenen marinen Ressourcen den Küstengewässern Westafrikas zu – ungewollte, aber gezielte Verarmung dortiger Fischer, alimentiert durch eine zumindest in Teilen pervertierte Subventionspolitik. Alle Staaten der OECD wendeten zwischen 2001 und 2003 mehr als 320 Milliarden Dollar allein für die Unterstützung ihrer Landwirtschaft auf: Zum Nachteil von Produzenten in der Dritten Welt und Konsumenten in ihren eigenen Staaten. Wenn anschließend afrikanische Habenichtse vor Hunger und Umweltkatastrophen erst in die Slums ihrer Großstädte fliehen und dann in ihrer Not irgendwann an die Tore Europas pochen, heißt es nur lapidar: "Das Boot ist voll."

Das mit einer ganz anderen Politik für beide Seiten ein wesentlich größerer Wohlstand erwirtschaftet werden könnte, bleibt dabei außen vor. Selbstverständlich ist nicht nur der Naturtourismus die einzige Alternative für eine schonende Nutzung von Biodiversität, wenngleich er in vielen Ländern wie Costa Rica oder Kenia bereits einen beträchtlichen Anteil zum Bruttosozialprodukt leistet und noch viel Potenzial in ihm steckt.

Vitale Ökosysteme könnten gerade Entwicklungsländern noch viel mehr in ihrer Aufbauarbeit helfen: So beinhalten viele Medikamente in den USA Wirkstoffe aus Regenwaldpflanzen, erwirtschaften naturnahe Kaffeeplantagen qualitativ bessere Bohnen oder lassen sich ausgedehnte natürliche Wälder gegen teuer bezahlte Emissionsrechte eintauschen. Von den nicht mit Geld aufzuwiegenden Leistungen wie saubere Luft oder reines Wasser für die Landbevölkerung oder anständiger Bezahlung für ihre Exporte ganz abgesehen.

Eine derartige Politik ist möglich, und sie träfe auch auf das Interesse der Menschen vor Ort, die häufig selbst sehen, wie mit dem Ende der Wälder und der Leere der Ozeane ihr eigener bescheidener Wohlstand schwindet. Diese Politik müsste gewisse Widerstände überwinden, aber eigentlich hat sie keine andere Wahl, denn die Menschheit steht an einem ökologischen Scheideweg – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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