Gefahr durch Plastikmüll: Buckelwal Timmy ist ein Symbol für den Zustand der Meere

Das Schicksal von Buckelwal »Timmy« beschäftigt seit einer guten Woche Millionen Menschen in Deutschland und inzwischen sogar weltweit. Am Montag, 23. März 2026, war der 12 bis 15 Meter lange Walbulle auf eine Sandbank vor Timmendorfer Strand geschwommen, von der er sich nicht mehr selbstständig befreien konnte. Dank menschlicher Hilfe – unter anderem mit schwerem Gerät – gelang es dem Tier, wieder zu schwimmen, nur um kurze Zeit später erneut aufzulaufen: dieses Mal in flachem Wasser bei der Insel Walfisch in der Nähe von Wismar. Erneut schaffte es »Timmy« nach mehreren Tagen des Bangens zurück in tiefere Bereiche der Ostsee.
Doch sein Schicksal bleibt ungewiss: Um dauerhaft überleben zu können, müsste der Buckelwal den Weg zurück in die Nordsee und den Atlantik schaffen. Ausgang ungewiss. Nur im salzreichen Wasser könnte sich seine inzwischen schwer angegriffene Haut erholen. Nur im offenen Ozean fände er auf Dauer genügend Nahrung. Zudem wäre in den Weiten des Atlantiks das Risiko kleiner, dass er mit einem größeren Schiff kollidiert und sich dabei schwer oder gar tödlich verletzt. Und auch die stressige Lärmbelästigung fiele jenseits der Ostsee kleiner aus.
Ein Problem nimmt »Timmy« jedoch selbst bei erfolgreicher Rückkehr mit. Der Buckelwal war auf seinem Weg durch die Ostsee wahrscheinlich in ein Stellnetz geraten, das sich anschließend um seine rechte Flosse wickelte und in seinem Maul verfing. Solcher Müll steht geradezu symbolisch für die Gefahren, die Meerestieren wie Walen, aber auch Schildkröten, Haien oder Seevögeln weltweit zunehmend drohen. Helfer konnten das Netz nur stellenweise entfernen; vor allem im Maul sollen sich noch größere Teile befinden. Wie sehr sie den Wal beim Fressen beeinträchtigen, kann aus der Ferne nicht zweifelsfrei beurteilt werden.
Millionen Tonnen Plastikmüll
Ungefähr jede Minute gelangt schätzungsweise eine Müllwagenladung Plastik in die Weltmeere. Ein großer Teil davon sinkt in die Tiefe: Insgesamt befinden sich auf dem Grund der Ozeane drei bis elf Millionen Tonnen Plastikmüll – der gesammelte Abfall der vergangenen Jahrzehnte. Hunderttausende oder gar Millionen Tonnen schwimmen an der Oberfläche und damit in Reichweite vieler Tiere. Tendenz: weiter steigend, denn wir Menschen erzeugen weiterhin ungebremst Kunststoffe, die nur selten wiederverwertet werden und zu oft in der Umwelt landen. Mit jeder Mahlzeit verschlucken Bryde- und Seiwale vor der relativ sauberen neuseeländischen Küste 25 000 Mikroplastikteilchen. Was diese in ihrem Körper anrichten, ist nicht genau bekannt, doch können Weichmacher und andere Bestandteile die Fortpflanzung und die Gesundheit beeinträchtigen.
Gesichert sind dagegen die direkten Folgen größeren Plastikmülls: In den letzten Jahren strandeten immer wieder Pottwale auch an deutschen Küsten, deren Verdauungstrakt gefüllt war mit Kunststoffsäcken oder -netzen, die sie während der Nahrungssuche aufgenommen hatten. Die Tiere verhungern mit gefüllten Mägen oder aufgrund verstopfter oder gerissener Därme, wie es in Einzelfällen schon festgestellt wurde. Neben Kollisionen mit Schiffen gelten Langleinen und Fischernetze als größtes Risiko für das Überleben des Atlantischen Nordkapers, einer Großwalart, von der nur noch weniger als 400 Tiere existieren. Regelmäßig verheddern sich die Tiere in diesen Kunststofffallen und ertrinken. Oder sie schleppen das Material mit sich, haben dann aber nicht ausreichend Energie, um sich erfolgreich fortzupflanzen.
Wie viele Wale und Delfine jährlich direkt oder indirekt allein durch Fischernetze oder -leinen sterben, ist unbekannt. Die Schätzungen reichen von mehreren Zehntausend bis Hunderttausend Fällen. Nachgewiesen worden ist Plastikmüll bereits in mehr als 80 Meeressäugerarten, in allen sieben Meeresschildkrötenspezies und in mindestens der Hälfte aller Seevogelarten. Und das Problem wird sich in den nächsten Jahren weiter verschärfen: Denn die Kunststoffe zerfallen im Ozean unter dem Einfluss von Salzwasser und Sonnenlicht langsamer als gedacht. Und gleichzeitig wächst die weltweite Produktion ungebremst weiter; bis 2025 könnten sich die erzeugten Jahresmengen auf rund eine Milliarde Tonnen verdoppeln. Ein guter Teil davon landet sicher in der Umwelt.
Und doch gibt es Hoffnung für die Wale
Dennoch darf Buckelwal »Timmy« auch als Symbol der Hoffnung gelten, selbst wenn er sterben sollte. Dass sich überhaupt Wale an die deutschen Küsten verirren, hängt zumindest teilweise mit ihrem Schutz zusammen. Wie andere Großwale wurden Buckelwale bis vor wenigen Jahrzehnten brutal bejagt und getötet. Zahllose Tiere endeten durch sowjetische, japanische, amerikanische oder norwegische Harpunen. Allein sowjetische Walfänger hatten nach dem Zweiten Weltkrieg die Buckelwale im Südpazifik fast vollständig ausgelöscht. Im Nordatlantik sollen nur rund 700 Tiere den Walfang überlebt haben; weltweit betrug ihre Zahl in den 1960er-Jahren nur noch 5000 Individuen. 1966 wurde die Jagd auf die Buckelwale jedoch verboten, und seitdem geht es wie bei vielen anderen Großwalen aufwärts: Laut der Internationalen Naturschutzorganisation IUCN leben mindestens 84 000 erwachsene Buckelwale in den Weltmeeren – etwa ein Siebtel davon im Nordatlantik, von wo »Timmy« stammen dürfte.
Statt Walfang ernährt heute Walbeobachtungstourismus zahlreiche Menschen. Früher hätte man »Timmy« als üppige Proteinquelle rasch getötet, heute setzt man Bagger und Schiffe in Bewegung, um ihn zu retten. Der Schutz der Wale ist also durchaus eine Erfolgsgeschichte: Die Bestände der Tiere können sich erholen, wenn man sie nur lässt. Das sollte uns ein Ansporn sein, die anderen Gefahren wie Plastikmüll, Lärm- oder Umweltverschmutzung durch Abwässer anzugehen.
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