Buckelwal in der Ostsee: Wenn die Walrettung zur Farce verkommt

Lebt der Buckelwal noch, nachdem er in der Nordsee ausgesetzt wurde? Das kann momentan niemand mit Gewissheit sagen. Die am Transport beteiligte private Initiative behauptet: Ja, sein GPS-Tracker sende Vitaldaten. Der mal »Timmy« oder wahlweise »Hope« genannte Wal sei also noch am Leben. Skeptiker widersprechen dem vehement. Weil sich die Initiative weigere, diese Daten herauszugeben, seien zumindest Zweifel angebracht. Außerdem sei ein herkömmlicher GPS-Tracker überhaupt nicht in der Lage, derartige Lebenszeichen zu senden, sondern lediglich darauf ausgelegt, einen Standort zu übermitteln. Man könne also nur indirekt über das Bewegungsprofil ermitteln, ob sich der Wal bewegt. Genau dieser Teil des Geräts soll aber nicht funktionieren. Die vermeintliche Walrettung verkommt daher mehr und mehr zur Farce – auch weil wissenschaftliche Expertise im Drama um den Buckelwal zunächst immer stärker zur Seite geschoben wurde und am Ende überhaupt nicht mehr gefragt war.
Immer wieder hatten Meeresbiologen davor gewarnt, das Tier mit schwerem Gerät zu bergen, nachdem es mehrfach gestrandet war und zuletzt vor der Ostseeinsel Poel zum Liegen kam. »Die wiederholten Strandungen des Wildtiers weisen auf ein ernsthaftes Gesundheitsproblem hin. Der Allgemeinzustand des Wals hat sich weiter verschlechtert. Die Erfolgsaussichten einer Lebendbergung sind aufgrund des schlechten Gesundheitszustands des Tieres und der schlechten Gesamtprognose sehr gering«, mahnten beispielsweise Experten des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund in einer Stellungnahme. Auch der Walforscher Fabian Ritter plädierte unter anderem auf »Spektrum.de« dafür, den Wal in Ruhe zu lassen und aktive Rettungsmaßnahmen einzustellen.
Die mahnenden Worte verhallten. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) genehmigte schließlich die privat finanzierte Rettungsmission, bei der ausgewiesene Fachleute wie Walforscher und Tierärzte mit Großtiererfahrung fehlten oder eine gänzlich untergeordnete Rolle spielten.
Diese völlige Missachtung von Wissenschaft und sogar Tierschutz zeigte sich sehr deutlich im Abschluss der Rettungsmission. Die meiste Zeit lag der Meeressäuger den Livebildern zufolge eher regungslos in einer Ecke des Lastkahns. Fabian Ritter deutete dies als Entkräftung des Tiers sowie auch die Tatsache, dass es den Lastkahn nicht selbstständig verlassen wollte. Angeblich sollte der Wal daher an der Fluke ins Meer gezogen werden, was angesichts seiner Anatomie zu schweren Verletzungen führen kann und schwere Tierquälerei wäre: Die Schwanzflosse ist nur über Bindegewebe und Muskeln mit dem restlichen Körper verbunden; sie kann also schnell einreißen. Bilder davon fehlen – entweder weil die Aufnahmen unterblieben oder unter Verschluss gehalten werden.
Keine wirkliche Expertise bei den Walrettern
Ebenso amateurhaft mutet das Anbringen des Trackers an, der laut einer der beteiligten Tierärztinnen am Wal festgeschraubt wurde. Üblich ist es dagegen, ihn an der Rückenflosse durchzustechen: Nur dann ist gewährleistet, dass er Daten übertragen kann – und zwar immer dann, wenn der Wal auftaucht. Entsprechende Geräte liefern jedoch keine Vitaldaten. Biologen hatten deshalb neben dem reinen GPS-Tracker auch Sensoren gefordert, die bestimmte Lebenszeichen erfassen. Und schließlich wurde der Buckelwal in einer der am stärksten befahrenen Schifffahrtsrouten der Erde ausgesetzt, was das Risiko für Kollisionen beträchtlich erhöht. Auch davon hätten Fachleute allein schon wegen der hohen Lärmbelastung in diesen Gewässern sicher abgeraten.
Hätte man den Wal also vor Poel sterben lassen sollen? Auch wenn wir dies als Gesellschaft nur schwer aushalten, weil uns das Tier leidtut, wäre es für viele Fachleute und selbst für Organisationen wie Greenpeace oder Sea Shepherd – die beide viel für den Walschutz getan haben – aus Gründen des Tierwohls die bessere Vorgehensweise gewesen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich das geschwächte und verletzte Tier absichtlich auf die Sandbänke begeben hatte, um sich das Atemholen in den letzten Tagen und Stunden zu erleichtern.
Besser wäre es gewesen, die Aufmerksamkeit für »Timmy/Hope« und die zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel für wirklichen Walschutz einzusetzen: Jedes Jahr sterben Dutzende bedrohte Schweinswale allein vor den deutschen Ostseeküsten, weil sie in Fischernetzen ertrinken. An einer Lösung dieses Problems versucht sich die Politik jedoch allenfalls zaghaft. Bereits seit Jahren verweisen Wissenschaftler auf dieses sinnlose Sterben. Regelmäßig liefert die Forschung Daten, Studien und Expertise zu verschiedenen ökologischen Krisen der Meere: Überdüngung, Übernutzung, Überhitzung oder Versauerung. Forscherinnen und Forscher warnen, dass sich der Zustand der marinen Ökosysteme weltweit rapide verschlechtert und Todeszonen entstehen. Doch wie auch beim Buckelwal verhallen ihre fundierten Stimmen ungehört.
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