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Manipulations-Algorithmen

Cambridge Analytica ist nicht die größte Gefahr

Dass das Unternehmen mit Daten und Algorithmen Wahlen entschieden hat, ist unwahrscheinlich. Aber andere könnten das sehr wohl schaffen, sagt der Digitalforscher Jürgen Hermes.
Imperator Palpatine updated sein Tinder-Profil, Silhouette vor Hintergrund im Matrix-Stil.

Eigentlich ist das die gleiche Geschichte wie im Dezember 2016, nur berichtet dieses Mal ein Insider von den schmutzigen Tricks hinter der Datenanalyse: Der gezielte Einsatz von Algorithmen durch das Wahlkampfteam des US-Präsidenten Trump, basierend auf den unheimlichen Datenanalysemöglichkeiten der britischen Firma Cambridge Analytica, sei für den Ausgang der Wahl verantwortlich. Die Debatte um das Unternehmen ist zurück, sowohl der "Guardian" als auch die "New York Times" griffen die Geschichte eines Mannes namens Christopher Wylie auf, der behauptet, zu den Gründern der Firma zu zählen.

Inzwischen ist er ausgestiegen, zuvor aber für die Entwicklung von, in seinen eigenen Worten, "Steve Bannons psychological warfare tool" verantwortlich gewesen. Außerdem behauptet er, Alexander Nix, der Geschäftsführer von Cambridge Analytica, habe über die Herkunft der von dem Unternehmen verwendeten Daten schlicht gelogen. Die nämlich stammten zum großen Teil von Millionen ahnungslosen Facebooknutzern, die zu keinem Zeitpunkt in irgendetwas eingewilligt hatten.

Der Wählerwille im Fadenkreuz

Im Zentrum der Diskussion steht das politische Targeting auf der Basis von Daten und Algorithmen. Als dessen Grundlage gilt eine Studie unter Beteiligung von Michal Kosinski, dessen Aussagen zur Trump-Wahl im Schweizer "Magazin" im Dezember 2016 hohe Wellen schlugen, und David Stillwell, die 2013 in "PNAS" erschien. Die beiden Forscher scheinen inzwischen so etwas wie Experten für Microtargeting und Facebookstudien zu sein; man stößt jedenfalls bei allen Recherchen zu verwandten Themen am Ende immer auf ihre Arbeiten. Bereits 2011 hatten Kosinski und Stillwell ein viel beachtetes und kontrovers diskutiertes Paper zur Identifikation von Persönlichkeitsmerkmalen über Facebooklikes veröffentlicht.

Kosinski wurde, so berichtet es nun Christopher Wylie, von Cambridge Analytica angesprochen, ob er die für seine Studie erhobenen Daten verkaufen würde. Kosinski allerdings weigerte sich, die von ihm zu rein wissenschaftlichen Zwecken erhobenen Daten herauszugeben. Dafür fand sich – laut Wylie – ein anderer Psychologe mit dem Namen Aleksandr Kogan ("Dr Kogan – who later changed his name to Dr Spectre, but has subsequently changed it back to Dr Kogan", so der "Guardian"), der die Datenerhebung wiederholte und das Ergebnis dann an Cambridge Analytica veräußerte. Dessen Chef Nix behauptet in einem Youtubevideo: "We have four or five thousand data points on every adult of the united states", leugnet aber, dass es sich um die Daten von Kogan handelt. Wylie widerspricht dem und enthüllt auch, dass die von Kogan erhobenen Daten zu einem beträchtlichen Anteil von völlig Unbeteiligten stammen.

Gute Geschäfte mit schmutzigen Daten

Wie Kosinski und sein Team ließ Kogan zehntausende Versuchspersonen über Amazons Mechanical Turk einen Fragebogen ausfüllen, über den sich die fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeitsstruktur ermitteln lassen sollen. Die Versuchspersonen sollten außerdem ihr Facebookprofil für eine eigens entwickelte Analyse-App freigeben – die sollte ihr Facebookverhalten mit den erhobenen Persönlichkeitsmerkmalen korrelieren. Aber tatsächlich tat die Software viel mehr: Sie protokollierte nicht nur die Likes der Versuchspersonen, sondern auch die ihrer Facebookfreundschaften, die von der Aktion nichts ahnten. Bis zum Frühjahr 2014 war das offenbar ohne Weiteres möglich. Insgesamt sollen so Informationen zu etwa 50 Millionen Profilen zusammengekommen sein. Facebook ging gemäß dieser Stellungnahme davon aus, dass die Daten rein wissenschaftlich verwendet, nicht weitergegeben und nach der Studie wieder gelöscht werden, wie es Kosinski auch tat. Wenn Wylies jetzt veröffentlichte Geschichte stimmt, hat Kogan sich an nichts davon gehalten.

Cambridge Analytica verspricht zu viel

Cambridge-Analytica-Geschäftsführer Nix behauptet, mit den gespeicherten Datenpunkten jede Bevölkerungsgruppe in quasi beliebiger Auflösung adressieren zu können. Das funktioniere deshalb, weil CA eine "psychographics platform" umgesetzt habe. Mit deren Hilfe könne man ermitteln, über welche psychologischen Einflüsse man welche Wechselwähler in beliebigen Gebieten der USA erreichen kann.

Doch ist das gedeckt durch wissenschaftliche Erkenntnisse? Bei "PNAS" findet sich tatsächlich eine Studie, an der auch wieder Kosinski und Stillwell beteiligt waren. Demnach kann man Zielpersonen über ihr Like-Verhalten auf Facebook identifizieren. Wenn man ihnen Werbung präsentiert, die man auf ihr Persönlichkeitsprofil hin optimiert (zum Beispiel mit Schutzversprechen für Ängstliche, Abenteuer für Wagemutige und so weiter), neigten sie dazu, diese öfter zu klicken. Nur: Das ist wenig überraschend. Außerdem gibt Sandra Matz, die Dritte im Autorentrio, zu, dass man Nutzerinnen und Nutzer auf dem Weg gar nicht so feinkörnig ansprechen kann, wie die Daten suggerieren. Zumindest nicht als außenstehendes Unternehmen. Dass trotz dieser Einschränkungen ein Effekt gemessen werden konnte, spreche wiederum für dessen Stärke, so die Forscherin.

Wer nutzt die Möglichkeiten?

Zusammengefasst: Politisches Targeting sollte theoretisch funktionieren, jedenfalls wenn man die richtigen Daten und darüber hinaus die Möglichkeit hat, Personen zu adressieren, zu denen diese Daten gehören. Facebook selbst verfügt über beides – jedenfalls wenn es um seine Nutzerinnen und Nutzer geht. Ich wage aber zu bezweifeln, dass die Daten zum Like-Verhalten von 50 Millionen US-Amerikanern, die Cambridge Analytica laut Wylie zur Verfügung stehen, ausreichen für das, was Kosinski und nun Wylie behaupten. Das Unternehmen verspricht Kunden viel, bleibt aber immer dann sehr vage, wenn es darum geht, wie diese Dinge umgesetzt werden. In einem Video des britischen Fernsehsenders Channel 4 kann man darüber hinaus sehen, dass Cambridge Analytica offenbar auch andere und schmutzigere Methoden einsetzt als nur die Analyse von Daten.

Eine Geschichte, in der Big Data und Targeting in Kombination mit amerikanischen Rechtsauslegern und russischen Finanziers die US-amerikanische Präsidentenwahl entscheidend beeinflusst hat, lässt sich bestens verkaufen. Aber tatsächlich spielt auch Facebook hier keine besonders gute Rolle, nicht nur auf Grund des Datenlecks, von dem Cambridge Analytica profitierte. Die Verbreitung von Falschmeldungen, das Einkochen der immer gleichen Suppe in Filterblasen, die Mächtigkeit dreckschleudernder Bots (nicht nur) auf dieser Plattform sind zu einer finsteren Bedrohung einer offenen Gesellschaft und demokratischer Strukturen geworden.

Cambridge Analytica behauptet seit 2016, gleichsam mit einem Präzisionsgewehr individuell Wählerinnen und Wähler beeinflusst zu haben. Ich halte das für unwahrscheinlich, vielmehr dürfte eine Schrotflinte voll Fake News von rechten Publikationsorganen wie FoxNews, Breitbart oder Infowars das wirkungsstärkste Mittel des Trump-Wahlkampfes gewesen sein. Dem Unternehmen gebührt allerdings Dank dafür, dass durch sein Zutun die Öffentlichkeit – unbeabsichtigt – über Möglichkeiten der individuell passgenauen Beeinflussung großer Bevölkerungsgruppen aufgeklärt wurde. Ich glaube nicht, dass Cambridge Analytica tatsächlich im Stande ist, diese Möglichkeiten auch umzusetzen. Die Betreiber solcher großer Plattformen – Facebook, Google, Amazon – oder auch staatliche Organe, sofern diese Plattformen ihnen Zugriffe einräumen, können das sehr wohl. Wir sollten wachsam bleiben.

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