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Covid-19-Impfung: Geht das mit den Corona-Impfstoffen nicht viel zu schnell?

Die Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 werden rascher zugelassen als andere Mittel bisher. Warum die Zulassungsprozesse dennoch vertrauensvoll sind, erklärt Natalie Grams in ihrer Kolumne.
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Im Internet und den Whatsapp-Gruppen von Familie, Freunden und Freundinnen ist mir eine Frage zuletzt sehr häufig begegnet: »Wie kann denn das sooo schnell gehen mit den neuen Corona-Impfstoffen?« Viele sind irritiert, dass die Impfstoffentwicklung »unter normalen Umständen« oft viele Jahre dauert und jetzt, ein Jahr nachdem Sars-CoV-2 aufgetaucht ist, stellen Hersteller bereits Zulassungsanträge. In einigen Ländern hat das Impfen begonnen.

So manch einem ist deswegen ein wenig mulmig. Einige Menschen in Deutschland sorgen sich, dass es dabei nicht rechtschaffen zugegangen wäre. Handelt es sich um ein großangelegtes »Impfexperiment«? Sind wir bald Versuchskaninchen für ein noch unsicheres Produkt der Pharmaindustrie?

Nein. Aber es ist gut, dass solche Fragen aufkommen! Sie sind grundlegend, um zu verstehen, wieso es nach vergleichbar kurzer Zeit möglichen Schutz gibt und warum es sich dabei um Impfstoffe mit vertretbarem Risiko handelt.

Grund 1: Die Verantwortlichen haben ihre Ressourcen extrem gebündelt

An Ressourcen wie Zeit, Energie, Expertise, Manpower und auch Geld haben Politik, Wirtschaft und Wissenschaft weltweit verfügbar gemacht, was möglich war. Der Wettbewerbsdruck zwischen forschenden Pharmaherstellern war dafür gewiss mitentscheidend ebenso staatliche Förderungen. Firmen haben der Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen Priorität eingeräumt. Manch anderes Forschungsprojekt haben Teams dafür gestoppt.

Mehr Personal, schnellerer Aufbau von Produktionsanlagen, Einkauf von Expertise – das alles bringt Zeitvorteile. Geld ist Zeit, könnte man fast sagen.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unserer FAQ. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Ein neues Coronavirus verändert die Welt«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Grund 2: Stark dank Wissen, Können und Erfahrung

Aber es geht nicht nur um die materiellen Voraussetzungen. Nichts läuft ohne menschliches Wissen und Können. Mit der Impfstoffentwicklung gegen Sars-CoV-2 haben Forscherteams kein Neuland betreten. Zu mRNA-Impfstoffen gibt es beispielsweise schon viel Vorwissen, etwa aus der Onkologie. Kombiniert mit neuen Technologien zur Impfstoffherstellung und Haltbarmachung ermöglichte dieses Wissen einen enormen Vorteil.

Zudem gab es wegen der verwandten Viren aus der Sars-Familie Vorwissen über die Erreger, ihre Analyse sowie Sequenzierung und wie man ihnen begegnen kann. Dass Sars-CoV-2 im Vergleich zu einem HI-Virus verhältnismäßig unkompliziert ist, hat es ebenfalls erleichtert, Schutzimpfungen dagegen zu entwickeln.

Grund 3: Prozessoptimierung und schlanke Bürokratie

Die verschiedenen Phasen der Impfstoffprüfung – Phase I-III und davor die präklinischen Grundlagenforschungen – haben nicht wie bisher üblich hintereinander, sondern wann immer möglich zeitlich überlappend oder gar zeitgleich stattgefunden. Das hat Zeit gespart. Und zwar, ohne dass ein Abschnitt, eine Stufe der bewährten Prozesse weggelassen worden wäre.

Außerdem begutachten Expertinnen und Experten die Daten anders als sonst. Sobald Studiendaten verfügbar sind, werden sie nun nicht erst lange gesammelt, ausgewertet, interpretiert und dann irgendwann extern in irgendeinem Fachmagazin publiziert, anschließend von anderen Wissenschaftlern auseinandergenommen und lange diskutiert, sondern der Austausch erfolgt in einem Verfahren namens »Rolling Review«. Man tauscht sich also direkt und transparent mit Fachleuten sowie den Zulassungsbehörden aus. Das passiert momentan sogar international. In einigen Fällen überwacht das sehr kritische und neutrale Data and Safety Monitoring Board (DSMB) die Studien und ihre Auswertung.

Auch um speziell länderspezifische Regeln nicht zu unüberwindbaren Hürden werden zu lassen, haben Regierungen, Behörden und Firmen viele Prozesse optimiert, verschlankt, vereinheitlicht und beschleunigt.

Das bedeutet aber ebenfalls nicht, dass Sicherheitsstandards reduziert, notwendige Schritte stillschweigend weggelassen werden oder mal ein Auge zugedrückt wird. Es ist einfach nur allen klar: Die Welt braucht sichere, wirksame Impfstoffe und das so schnell wie möglich.

Und was ist mit den Nebenwirkungen sowie der Wirksamkeit?

Niemand von den Verantwortlichen hier zu Lande stellt in Frage, dass die Impfstoffsicherheit vor allem anderen steht. Vor Schnelligkeit ebenso wie vor wirtschaftlichen Interessen. Alle bewährten Standards gelten auch beim Sars-CoV-2-Impfstoff.

Was kann die moderne Medizin leisten? Nutzt die Homöopathie? Was macht einen guten Arzt aus, und welche Rolle spielt der Patient? Die Ärztin und Autorin des Buchs »Was wirklich wirkt« Natalie Grams diskutiert in ihrer Kolumne »Grams' Sprechstunde« Entwicklungen, Probleme und eklatante Missstände ihrer Zunft. Alle Teile lesen Sie hier.

Die Daten, die es gibt, liegen den Zulassungsbehörden vor. Allein auf Basis der Testergebnisse entscheiden die Expertinnen und Experten, ob ein Mittel auf den Markt kommt. Dabei wichtig zu wissen: Zum Zeitpunkt einer Impfstoffzulassung liegen nie Langzeitbeobachtungen vor. So lang können Entwicklungs- und Testphasen gar nicht sein, oft dauert es – vor allem bei nur noch selten in Erscheinung tretenden Krankheiten – etliche Jahre, bis sich seltenste Nebenwirkungen zeigen. Ein Restrisiko gibt es immer. Eine langfristige Überwachung von Impfstoffen daher ebenfalls.

Ohne solch ein Restrisiko in Kauf zu nehmen, wäre niemals ein Vakzin zuzulassen. Auch nicht für Masern-Röteln-Mumps oder HPV. Beide nachweislich sehr wirksam und sehr sicher. Beruhigend ist, dass bei den vielen Corona-Impfungen auch seltene Nebenwirkungen wahrscheinlich recht schnell erkennbar sein dürften. Wenn es sie denn überhaupt gibt.

Beruhigend ist auch, dass bei der Entwicklung von Sars-CoV-2-Impfstoffen schon einige zehntausend Menschen den Impfstoff erhalten haben, weil sehr vielen Freiwillige sich schon in den Zulassungsstudien haben impfen lassen. Sollte bald auch in Deutschland ein Impfstoff zugelassen sein, sind die Bürgerinnen und Bürger also bei Weitem nicht die Ersten, die ihn erhalten. In diesen großen Testgruppen hat man bisher keine schweren Nebenwirkungen gesehen, bis auf erwartete Impfreaktionen. Und die sind was Gutes, weil leichte Schmerzen im Arm, Müdigkeit oder Kopfschmerzen zeigen, dass das Immunsystem auf die Mittel reagiert.

Ein Faktor, der im Augenblick noch nicht genau abgeschätzt werden kann, ist die Dauer der erreichbaren Immunität. Das ist aber kein Grund, der Impfung ablehnend gegenüberzustehen.

Hinterfragen und informieren, ja – Misstrauen, nein

Impfstoffe sind prophylaktisch wirkende Medikamente für gesunde Menschen. Es ist damit offensichtlich, dass deshalb bei Impfstoffen die Nutzen-Risiko-Bilanz noch weit mehr zu Gunsten des Nutzens ausfallen muss als bei jedem Medikament zur Krankheitsbehandlung. Dieses Nutzen-Risiko-Verhältnis prüfen unabhängige Expertenteams in den Zulassungsstudien und eine Zulassung erfolgt in Deutschland erst, wenn die Daten eine umfassende Beurteilung wirklich ermöglichen – egal wie sehr die Zeit drängt und auch wenn manche Länder da anders handeln. Deutsche Gründlichkeit – nicht nur sprichwörtlich ein Segen an dieser Stelle.

Doch ohne ein Mindestmaß an Vertrauen in die moderne Medizin, ihre Forscherinnen und Forscher sowie und Ärzte und Ärztinnen wie die unabhängigen Institutionen geht es wohl nicht. Dabei ist weiterhin kritisches Hinterfragen gut und richtig. Es ist eine Voraussetzung für eine freie Impfentscheidung. Erkenntnisverweigerndes Misstrauen jedoch nimmt diese Autonomie von vornherein.

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