Sex matters: Dankbarkeit – die Superkraft für Beziehungen

»Mein Mann und ich sind seit fast 20 Jahren zusammen. Unsere Beziehung fühlt sich manchmal wie eine Endlosschleife voller Routinen an. Wir funktionieren echt gut – als Familie und auch als Paar. Wir unternehmen Dinge gemeinsam und verstehen uns gut. Aber wir beide vermissen die Nähe, die wir früher hatten, und ehrlich gesagt auch die Leidenschaft beim Sex. Wir wollen uns endlich mal wieder richtig spüren. Was können wir tun?« (Meike*, 44, mit Torsten*, 45)
Meike und ihr Mann sind kein Ausnahmefall: Es läuft, doch es kribbelt nicht mehr. Viele Langzeitpaare erleben das so. Die Jahre ähneln sich, man funktioniert – und beginnt gleichzeitig, etwas zu vermissen. Die einen sehen darin ein Problem. Ich sehe darin eine Einladung, den Blick zu ändern und sich mit Dankbarkeit zu beschäftigen.
Beim Thema Dankbarkeit denken viele an ein höfliches »Dankeschön« für Blumen oder fürs Ausräumen der Spülmaschine. Nett, aber keine Superkraft. Spannend wird es dort, wo Dankbarkeit aus dem Gefühl heraus entsteht, vom anderen wirklich gesehen zu werden: für das, was man trägt, organisiert, aushält, investiert – und wie man ist.
Dankbarkeit tut Beziehungen gut
Die Paarforschung betrachtet dieses Gefühl seit Anfang der 2000er-Jahre genauer, und zwar im Rahmen der positiven Psychologie. Eine Studie aus dem Jahr 2025 ging der Frage nach, wie Dankbarkeit und Paarzufriedenheit zusammenwirken. Dafür befragten die Forschenden rund 600 Elternpaare. Sie fanden einen klaren Zusammenhang: Wer sich vom Partner aufrichtig wertgeschätzt fühlte, war mit seiner Beziehung messbar zufriedener – unabhängig davon, wie viel Alltagsstress es sonst im Familienleben gab. Wahrgenommene Dankbarkeit ändert zwar nichts am Alltag und seinen Problemen. Doch sie verändert, wie er sich anfühlt. Kurz gesagt: Dankbarkeit tut Beziehungen gut.
Dankbarkeit ist allerdings kein Automatismus. Als Meike und ihr Mann in meine Praxis kamen, wirkten sie entspannt. Sie lachten, machten Witze, waren freundlich miteinander. Kein Drama, keine dicke Luft. Und dennoch hatten sie das Gefühl, sich nicht mehr im Innersten zu berühren. Also lenkte ich ihren Blick auf Dankbarkeit: Wofür waren sie im Alltag dankbar? Ihnen fiel einiges ein: die Tochter, die Katze, der große Balkon mit den Tomatenstauden. Die Jobs, die sie gern machten.
»Er wäscht. Ich kaufe ein. Wir funktionieren wirklich gut«, erzählte Meike. Sie seien ein gutes Team, ergänzte ihr Mann. Aber dankten sie einander auch dafür? Für den Einkauf, die Wäsche, für gemeinsame Unternehmungen? Die beiden schauten sich an. »Nein. Man macht das einfach«, sagte Torsten. »Vielleicht können wir in Zukunft öfter danke sagen«, schlug Meike vor.
Das ist ein guter Anfang. Dankbarkeit in Beziehungen kann jedoch viel mehr sein. Ich stellte den beiden eine Frage, mit der sich die meisten Menschen selten beschäftigen: Was wäre, wenn Sie sich dankbar zeigen würden für die weniger greifbaren Dinge, die der andere für Sie tut? Wenn Sie sagen würden: Danke, dass du mit mir dieses Leben teilst. Danke, dass du meine Schwächen aushältst. Danke für die täglichen Kompromisse, die du machst. Danke, dass du mich nimmst, wie ich bin.
In Langzeitbeziehungen ist Dankbarkeit wie die Glut eines Lagerfeuers. Die großen Flammen sind heruntergebrannt – aber die Wärme ist noch da
Wenn wir uns auf diese Ebene begeben, ist Dankbarkeit mehr als Höflichkeit. Sie ist ein Gefühl, das entsteht, wenn wir erkennen, dass jemand für uns da ist. Vollkommen freiwillig, ohne Gegenleistung.
In Langzeitbeziehungen ist Dankbarkeit wie die Glut eines Lagerfeuers. Die großen Flammen sind heruntergebrannt – aber die Wärme ist noch da. Man muss nur näher zusammenrücken, ein Scheit nachlegen. Und plötzlich spürt man wieder, wie gut es tut, nebeneinanderzusitzen und ins selbe Feuer zu schauen.
Gesten der Dankbarkeit
»Da haben wir bisher nie bewusst drüber nachgedacht«, sagte Meike. »Die meisten Paare tun das nicht«, antwortete ich. »Wir bedanken uns für Geschenke, für Gefälligkeiten. Aber für das Grundsätzliche? Dafür, dass jemand da ist? Das nehmen viele einfach als gegeben.« Doch es ist eine Entscheidung, jeden Tag aufs Neue.
Dass jemand für uns einkauft und überlegt, was wir mögen: Das ist Liebe, verkleidet als Routine. Sich das bewusst zu machen, kann den Blick aufeinander verändern.
Aber Dankbarkeit braucht Zeit. Meike und Torsten vereinbarten, dass sie jeden Tag zehn Minuten damit verbringen wollten, das Gefühl zu spüren und einander Dankbarkeit zu zeigen. Mit einer Geste, einer Umarmung am Morgen, die einen Moment länger dauert. Oder mit einem langen Blick am Frühstückstisch. Manchmal braucht Dankbarkeit keine Worte – nur Aufmerksamkeit. Dann wirkt sie wie ein unsichtbares, stabiles Band und stärkt das Gefühl von Wertschätzung und Verbundenheit.
- Die Kolumne »Sex matters«
Was ist guter Sex? Was hält mich davon ab? Diesen und weiteren Fragen widmet sich der Sexual- und Paartherapeut Carsten Müller in seiner Kolumne »Sex matters«. Seit 2013 berät er in seiner Duisburger Praxis zu Fragen rund um Sexualität und Partnerschaft. Sein neues Buch »Love, Peace & Wir« erscheint am 27. Mai 2026 im Verlag Edition Michael Fischer.
Auch Sie möchten ein Thema für die Kolumne vorschlagen? Dann schreiben Sie eine E-Mail an: Liebe@spektrum.de
- Wer kann weiterhelfen?
Die Kolumne soll dazu anregen, über eigene Bedürfnisse und Grenzen nachzudenken. Sie ersetzt weder eine ärztliche Beratung noch das persönliche Gespräch mit einem Therapeuten. Wenn man allein nicht weiterweiß, kann es helfen, mit jemandem zu sprechen, der sich auskennt. Im deutschsprachigen Raum gibt es zahlreiche Therapie- und Beratungsangebote – hier eine Auswahl:
Eine Übersicht über Beratungsstellen geben die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Organisation pro familia. Mit Sextra bieten Teams von pro familia Beratung per Onlineformular und Mail. Therapeutenlisten führen etwa die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung, die Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft sowie das Institut für Sexualtherapie. Jugendliche finden Hilfe auf sexundso.de.
Als Meike und Torsten nach einigen Wochen wiederkamen, war eine Veränderung spürbar. Sie saßen enger zusammen, Hand in Hand. Meike erzählte, dass sich die zehn Minuten Dankbarkeit anfangs »komisch und künstlich« angefühlt hatten. »Das hat sich verändert. Ich habe Torsten wieder richtig gesehen. Nicht nur als den, der funktioniert – sondern als den, der jeden Tag für mich da ist.« Torsten nickte. »Und unser Sex fühlt sich intensiver an. Erfüllender. Weil wir uns vorher schon nahe sind.«
Das ist es, was Dankbarkeit in Beziehungen leisten kann. Sie stärkt das Wir-Gefühl. Und sie schafft die emotionale Nähe, aus der Lust wieder wachsen kann – nicht als Pflichtprogramm, sondern als etwas, was sich beide wünschen.
* Namen geändert
Und nun sind Sie dran:
Nehmen Sie sich einen Zettel. Auf die linke Seite schreiben Sie drei kleine Dinge, für die Sie Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin dankbar sind. Zum Beispiel die Tür, die leise geschlossen wird, damit Sie weiterschlafen können. Auf die rechte Seite schreiben Sie drei große Dinge. Dass jemand Ihre Launen aushält. Dass jemand bleibt, auch wenn es anstrengend wird. Dass jemand sich entschieden hat, dieses Leben mit Ihnen zu teilen. Lesen Sie beides. Und dann entscheiden Sie, ob Sie Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin davon erzählen möchten.
Schreiben Sie uns!
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