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Warkus' Welt: Das Konzept der möglichen Welten

Wenn Übles geschieht, sehnen wir uns oft nach einer besseren Welt. Philosophen grübeln schon länger darüber, ob es neben unserer noch andere Realitäten gibt – und wie diese wohl aussehen.
Gibt es mehr als nur ein Universum?

Vor zwei Jahren war ich zum ersten und bislang einzigen Mal in Chemnitz. Es war schönes Wetter, ich habe sehr gut gegessen und war beeindruckt von der Stadtentwicklung der vergangenen Jahre. Auf Grund der Ausschreitungen in dieser Woche musste ich nun in Videos mitansehen, wie Neonazis dort randalierten, wo ich 2016 bei bester Laune entlanggegangen bin.

Solche Erlebnisse kennen wahrscheinlich die meisten Menschen. Man sieht etwas Schlechtes an einem Ort, den man anders kennt, und meint: Das könnte auch anders sein. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass es das Vorkommnis nie gegeben hätte – oder vielleicht sogar, dass die Welt grundsätzlich besser wäre, so dass es überhaupt nicht zu gewaltbereiten Mobs kommt, die durch irgendwelche Straßen ziehen. Ich persönlich habe regelmäßig, wenn ich bei gutem Wetter durch schöne Städte mit netten Menschen spaziere, ein sentimentales Gefühl: Es könnte doch alles in Ordnung sein. Sie kennen vielleicht den auf Herbert Achternbusch zurückgehenden Spruch »Schöner wär’s, wenn’s schöner wär« oder den Globalisierungsgegner-Slogan »Eine andere Welt ist möglich«.

Doch was heißt das nun, dass eine andere Welt möglich ist? In der Philosophie ist der Ausdruck »mögliche Welt« gängig, unter anderem, weil es Begriffe gibt, die darüber definiert werden, dass man über mögliche Welten nachdenkt. Dies ist insbesondere eine Vorgehensweise in der Modallogik, dem Bereich, der sich nicht nur damit beschäftigt, ob Sätze wahr oder falsch sind, sondern auch damit, ob sie dies notwendigerweise sind oder ob es auch anders sein könnte (ein Fachausdruck hierfür ist »Kontingenz«). Ein notwendig wahrer Satz wie »Kugeln sind rund« oder »Einhörner haben ein Horn« ist dadurch ausgezeichnet, dass er in jeder möglichen Welt wahr ist; ein nur kontingenter Satz wie »Berlin ist die Hauptstadt von Deutschland« oder »Ich besitze kein einziges Polohemd« ist zwar in mindestens einer möglichen Welt wahr, nämlich in unserer. Es sind aber auch Welten möglich, in denen er falsch ist – zum Beispiel eine Welt, in der der Bundestag gegen Berlin als Hauptstadt gestimmt hat, oder eine, in der ich mir irgendwann einmal ein Polohemd gekauft habe. Wieder andere Sätze sind in jeder möglichen Welt falsch, so etwa »Vierecke sind dreieckig« oder »Ich bin älter als meine Mutter«.

Das Konzept der möglichen Welten wurde in jüngerer Zeit insbesondere von dem sehr einflussreichen analytischen Philosophen David Lewis (1941–2001) aufgegriffen, der verschiedene Probleme darüber anging, mögliche Welten für genauso real wie unsere zu erklären (etwas, das auch als »modaler Realismus« bezeichnet wird). Der einzige Unterschied zwischen den anderen Welten und unserer ist dann, dass wir uns in dieser Welt aufhalten und nicht in einer anderen; in den anderen gibt es an der Stelle von uns und den Objekten in unserer Welt so genannte Gegenstücke (»Counterparts«). Die Vorstellung von unendlich vielen realen Welten, so dass es zu jedem möglichen Ergebnis jedes Vorkommnisses eine Welt gibt, in der dieses Ergebnis real eingetreten ist, begegnet uns auch in der Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik und ist mittlerweile geradezu popkulturell geworden (das »Multiversum« findet sich etwa bei Marvel-Comics und -Filmen, aber längst nicht nur dort).

Die beste aller Welten

Der große Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) hat nicht nur das Konzept der möglichen Welten überhaupt erst bekannt gemacht, sondern ist auch berühmtester Vertreter der Vorstellung, dass wir nicht nur in irgendeiner der vielen möglichen Welten leben, sondern in nichts weniger als der besten davon. Seine Überlegung basiert auf der Annahme eines allmächtigen, guten Gottes, der notwendigerweise unter unendlich vielen möglichen Welten die beste als die reale ausgewählt hat. Demzufolge könnte unsere Welt also anders sein, das wäre aber nicht wünschenswert. Diese These ist heute unter anderem deshalb weit bekannt, weil Voltaire 1759 einen ganzen satirischen Roman (»Candide oder der Optimismus«) gegen sie anschrieb, der sofort ein großer Erfolg wurde und an dem kaum ein Französischleistungskurs vorbeikommt.

Letztlich taucht in den möglichen Welten, auch wenn wir sie für real deklarieren, immer nur das auf, was wir uns vorstellen wollen

Das Nachdenken über mögliche Welten ist dadurch geprägt, dass wir nicht durch Beobachtung, sondern nur durch Gedankenexperimente über sie sprechen können: Hat man die Vorstellung, dass alles, was geschieht, aus naturgesetzlicher Notwendigkeit geschieht, dann hätte nichts in unserer Welt anders laufen können. Man kann sich aber auch Welten mit ganz anderen Naturgesetzen vorstellen. Letzten Endes taucht in den möglichen Welten, auch wenn wir sie für real deklarieren, immer nur das auf, was wir uns vorstellen wollen.

In unserer eigenen Welt ist allerdings spätestens ab zirka 1941 das eingetreten, was sich niemand vorstellen wollte. Die Frage, ob und was es nutzt, darüber nachzudenken, wie es sein könnte, bleibt angesichts dessen offen.

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