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Mäders Moralfragen: Das letzte Fünkchen Hoffnung

Die Wissenschaft scheint gespalten: Die einen sehen das Ende nahen, die anderen glauben, dass wir es noch packen werden. Immerhin eint sie das Ziel, endlich etwas gegen die Umwelt- und Klimaprobleme zu tun.
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Für Graeme Maxton gibt es keinen Grund für Optimismus. Der britische Ökonom war bis vor kurzem Generalsekretär des Club of Rome und sagte vor einigen Tagen im RiffReporter-Interview, dass wir nach Jahrzehnten des Zauderns nur noch die gröbsten Schäden begrenzen können. Die Frage sei nicht mehr, ob unsere Lebensweise zugrunde geht, sondern wie schnell und mit welchen Folgen: »Die Herausforderung besteht für uns nun darin, den Kollaps zu verlangsamen und zu managen.« Maxton fordert radikale Maßnahmen: Es sei zu spät, um noch auf Elektroautos umzusteigen. »Wir müssen ein Drittel der Fahrzeuge, die heute auf den Straßen sind, mit einem Fahrverbot belegen.« Und je länger wir mit solchen Regelungen warten, umso härtere müssen wir letztlich einführen.

Der deutsche Sozialwissenschaftler und Publizist Harald Welzer wirbt ebenfalls dafür, über den Verkehr in der Stadt grundsätzlich nachzudenken. »Wäre die Demokratie erfunden worden, wenn die Griechen autogerechte Städte gehabt hätten« – also Städte ohne Platz für Begegnungen und Diskussionen?, fragt er polemisch. In seinem neuen Buch »Alles könnte anders sein« beschreibt er alternative Beispiele für ein nachhaltiges Leben, die Schule machen könnten. Welzer ruft die Bürgerinnen und Bürger dazu auf, nicht lange nachzudenken, sondern mit der Umstellung ihrer Lebensweise einfach anzufangen. In diesem Punkt würde ihm Graeme Maxton zustimmen, der im Interview sagt: »Diejenigen, die den Wandel am ehesten wollen, das sind die ganz normalen Leute. Es sind nicht die Politiker, es sind nicht die Industrieunternehmen, es sind nicht die Medien.«

Und doch unterscheiden sich die beiden Denker fundamental, denn Welzer ist Optimist. Ihm geht es darum, einen Pfad einzuschlagen, »der vor dem Desaster abbiegt«. Man dürfe die Menschen nicht entmutigen und sollte ihre Möglichkeiten nicht kleinreden. Nach den vielen Umweltsünden der vergangenen Jahrzehnte sei es höchste Zeit wieder aufzuräumen, schreibt Welzer. Und diese Arbeit sei erfüllend und mache Spaß. »Für die Lamentierökos kann man Nölreservate einrichten«, schlägt er vor. »Da kann man hingehen, wenn man zu viel gute Laune beim Aufräumen bekommen hat und mal wieder schlecht drauf sein möchte.«

Kann die Politik noch liefern?

Sowohl Maxton als auch Welzer würden sich also gegen die Stuttgarter CDU wenden, die Fahrverbote in der Stadt wieder aufheben möchte. »Wir wollen keine weitere Einschränkung der Mobilität«, steht in einem Faltblatt, das ich am Wochenende in meinem Briefkasten gefunden habe. »Wir wollen den Feldzug gegen das Auto stoppen.« Diese Politik sei nur ideologisch begründet und die Grenzwerte für Feinstaub und Stichoxide müssten wissenschaftlich überprüft werden. (Dass sie das längst sind, hat Spektrum.de erklärt – zuletzt in diesem Beitrag.) Sowohl Maxton als auch Welzer wollen also Menschen motivieren, endlich etwas zu tun: für den Klimaschutz, für saubere Luft in den Städten und für vieles mehr. Doch sie verfolgen entgegengesetzte Strategien: Der eine macht Angst, weil es eigentlich viel zu spät ist, der andere macht Mut, weil trotzdem noch alles möglich ist.

Ich stehe auf der Seite Maxtons, weil ich finde, dass wir das Ausmaß der Bedrohung noch nicht richtig würdigen. Die CDU Stuttgart tut es jedenfalls nicht, wenn sie schreibt: »Es geht nicht nur um die Umwelt, sondern auch um Wirtschaft, Wohlstand und Freizügigkeit.« Auf RiffReporter.de habe ich mein Argument neulich ausgeführt. Doch hier ist mir ein anderer Punkt wichtig, weil sowohl Maxton als auch Welzer nicht mehr damit rechnen, dass aus der Politik und der Wirtschaft noch Impulse kommen. Sie setzen alle ihre Hoffnungen – bei Maxton ist es freilich nur noch ein Fünkchen – auf die »normalen« Menschen. Ich glaube jedoch, dass wir alle Bereiche des öffentlichen Lebens brauchen werden, und bin deshalb nicht bereit, Politik und Wirtschaft aus der Verantwortung zu entlassen.

Mit ihrem persönlichen Engagement können Bürgerinnen und Bürger aber einen wichtigen Beitrag leisten: Sie verringern nicht nur ihren ökologischen Fußabdruck, sondern üben als Wähler und Verbraucher Einfluss auf Politik und Wirtschaft aus. Die Schülerinnen und Schüler machen es mit den #FridaysForFuture-Demonstrationen seit einigen Wochen vor. Leider müssen sie noch dafür kämpfen, von der Politik überhaupt ernst genommen zu werden. In der ARD-Talkshow von Anne Will wurden die Demonstrationen am Sonntagabend als Rechtsbruch bezeichnet und der Dortmunder Aktivistin Therese Kah wurde erklärt, dass die Politik nicht sofort reagieren könne, weil sie Mehrheiten finden und Menschen mitnehmen müsse – auch die Menschen, denen Energiewende, Kohleausstieg und Fahrverbote Angst machen. »Und was ist mit meinen Existenzängsten?«, fragte Therese Kah stellvertretend für ihre Generation zurück. Ihre Ängste sind schließlich auch relevant – und sie sind berechtigt.

Die Moral von der Geschichte: Die Bürgerinnen und Bürger müssen den Mächtigen zeigen, dass mit ihnen Politik zu machen ist.

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