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Predatory Journals: Das »Publish or perish«-Diktat muss enden

Forscher publizieren in »Raubjournalen«? Unerhört! Das stimmt zwar, doch das eigentliche Skandalon ist ein anderes.
Ein Wissenschaftler balanciert auf einem Drahtseil, das in einem unentwirrbaren Chaos zu enden scheint. Mit anderen Worten: Ein Doktorand.

Dank einer groß angelegten internationalen Recherche, an der als deutsche Medien WDR, NDR und »Süddeutsche Zeitung« beteiligt waren, kennt die Öffentlichkeit nun die Vokabel »Raubjournal«. Auch 5000 hiesige Forscher hätten, so ist zu vernehmen, in den letzten Jahren unsauber publiziert. Der orchestrierte Aufschrei ist groß.

Um das Publikationsproblem wirklich zu fassen, muss man aber differenzieren. »Predatory Journals« sind höchst fragwürdige Instrumente von Geschäftemachern, die das von weiten Teilen der Wissenschaft bevorzugte Open-Access-Publikationsmodell schamlos ausnutzen – ohne die dafür von einem Verlag erwartbare Gegenleistung der kritischen redaktionellen Begutachtung und Organisation eines Peer-Review-Verfahrens zu erbringen: Der Forscher zahlt für die Publikation, aber eine Prüfung findet nicht statt. Das ist schnell verdientes Geld für »Raubverleger«, die an den verschiedensten Orten der Welt hocken, in den meisten Fällen außerhalb Europas.

Der Fluch des »publish or perish«

Der tiefere Grund dafür, dass sich dieses unseriöse Treiben überhaupt entwickeln konnte, liegt jedoch nicht in niederen Motiven auf Seiten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Er liegt im systemimmanenten Fluch des »publish or perish« begründet, eines Prinzips, das noch ganz andere kritikwürdige Publikationsweisen befördert. Dazu gehören auch die Strategie der Salamipublikationen, bei der Forscher ihre wissenschaftliche Arbeit auf möglichst viele Aufsätze verteilen, um die individuellen Publikationslisten zu strecken, oder Koautorschaften aus Gefälligkeit: Nimmst du mich mit auf dein Paper, nehme ich dich auch bei mir mit auf.

Das ist das Kernproblem: Lange Publikationslisten beflügeln im internationalen Forschungsbetrieb die Karriere. Punkt. Wer das Problem der »Raubjournale« angehen will, muss also die dahinterliegende Ursache bekämpfen: Nicht wer mehr Veröffentlichungen vorzuweisen hat, sollte in der Wissenschaft (und darüber hinaus) als die bessere Forscherin, der bessere Forscher angesehen werden, sondern wer die besseren, innovativeren Ideen und Methoden hervorbringt.

Die Wissenschaft wird wie andere hoch kompetitive Systeme, zum Beispiel der Sport, nie vor Betrug gefeit sein. Es gibt Fälschungsskandale, Plagiatsaffären, erfundene Daten und weitere Missstände. All das gehört durch die innerwissenschaftlichen Kontrollen sowie kritische Journalisten aufgedeckt.

Auch die »Predatory Journals« sind ein Problem, auf welches das Wissenschaftssystem reagieren muss. Schließlich bieten sie Raum für Missbrauch, etwa wenn die Pseudojournale interessengeleitete Publikationen veröffentlichen, die bei seriösen Fachzeitschriften eine redaktionelle Prüfung mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überstanden hätten. Das ist bedenklich, weil Interessengruppen mit Verweis auf publizierte Studien auch eine noch so unseriöse Agenda weitertreiben können.

Verlockende E-Mails aus dem Ausland

Der Großteil der Beiträge, die auch von den kolportierten 5000 deutschen Autorinnen und Autoren – das sind zwischen ein und zwei Prozent der hiesigen Forscherschaft – durch »Raubverlage« veröffentlicht wurden, fällt aber nicht in diese Kategorie. Hier wurde schlicht teils blauäugig publiziert, was in etablierten Fachzeitschriften entweder nicht zur Publikation angenommen wurde oder von vornherein eher geringe Chancen auf Publikation hatte.

Ich kenne die Praxis in meiner Eigenschaft als Universitätsprofessor aus eigener Erfahrung: Man erhält E-Mail-Einladungen zum Publizieren in seriös klingenden, aber unbekannten englischsprachigen Journalen. Ansprache: »Wir kennen und schätzen Ihren Aufsatz in ›Science‹, haben Sie nicht noch mehr in die Richtung gemacht? Wir bereiten da gerade einen passenden Themenschwerpunkt vor.«

Etliche Forscher dürften schlicht auf solche Anfragen hereingefallen sein – zumal das Problem auch in Wissenschaftlerkreisen vor ein paar Jahren noch wenig bekannt war. Und ein Paper in einem Journal ohne nennenswerte Zugangsschranken ist schlicht ein »quick win«, wenn jede Veröffentlichung für die eigene Karriere zählt.

Autoren müssen darauf achten, wo sie publizieren

Auch ein anderer Punkt droht in der nun aufkeimenden Debatte unterzugehen: Mag sein, dass weite Teile der Inhalte, die in »Predatory Journals« publiziert wurden, wissenschaftlich eher randständig oder unwichtig sind. Sie sind jedoch nicht automatisch falsch oder verwerflich. Das bedeutet aber: Die Wissenschaft ist in der Angelegenheit nicht der Haupttäter, sondern vor allem auch das Opfer – von Geschäftemachern. Wobei man durchaus einfordern darf, dass Autoren sich schlau machen, wo genau sie publizieren und ob die Organe seriös sind.

Hier sind die wissenschaftlichen Institutionen gefragt, Nachwuchsforscher so weit zu schulen, dass sie nicht auf dubiose Verlage hereinfallen. Wichtig ist auch, dass es keine Kultur des Schweigens rund um die betrügerischen Fachzeitschriften geben darf. Ein Teil von deren Erfolg dürfte darauf zurückzuführen sein, dass Wissenschaftler, die einmal unwissentlich darin publiziert haben, nicht etwa die Kollegen warnten, sondern ihren Fehler für sich behalten haben.

Trotz all dem gibt es keinen Grund, auf Basis der jetzt publik gemachten Veröffentlichungspraxis die Wissenschaft als solche zu verteufeln, oder mit pauschalisierenden Begriffen wie »fake science« zu belegen. Wissenschaft ist nach wie vor ein sehr mächtiges Werkzeug der Erkenntnisgewinnung und Problemlösung, auf das wir als Gesellschaft unbedingt angewiesen sind. Doch das Prinzip des »publish or perish« muss überwunden werden. Das ist die Botschaft für die Wissenschaft hinter dem aktuellen Aufschrei.

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