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Angemerkt!: Das System erhalten

Der beste Schutz für Meereslebewesen sind Kenntnis und Schutz ihrer Umwelt - ein Gedanke, der seinen Niederschlag nun auch in der Praxis finden soll.
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Ein allzu vertrauter Allgemeinplatz zu Beginn: Den marinen Ökosystemen geht es schlecht, weltweit, und der Mensch ist daran nicht unschuldig. Globale Überfischung gefährdet den Bestand zu vieler zunehmend gesuchter Speisefische, der anfallende Beifang kommerzieller Fangflotten bedroht die Substanz des gesamten Systems, und die Grundnetzschlepperei zerstört die Lebensgemeinschaften der Meeresböden. Aber auch der Fischerei-Industrie geht es schlecht und schlechter – ihre Beute wird seltener, ihr täglich Brot ist immer schwerer zu verdienen, ihre Lebensgrundlage schwindet. Ökonomie und Ökologie schließen sich eben nicht gegenseitig aus – auf lange Sicht gehen sie Hand in Hand. Manchmal aber in die falsche Richtung.

Hier setzt Ellen Pikitch vom Pew Meeresforschungsinstitut der Universität Miami an: In der Fischerei der Zukunft “müssen wir langfristige sozio-ökonomische Vorteile anstreben, ohne das marine Ökosystem zu beeinträchtigen”, so einer der Kernpunkte einer von ihr nun vorgestellten Studie eines internationalen Forschergremiums.

Die Wissenschaftler fordern darin nicht weniger als einen schnellstmöglichen und grundlegenden Paradigmenwechsel: Weg von den bislang üblichen Fangquoten für einzelne Fischarten hin zu einer Neuorientierung des Fischereiwesens an den komplexen Zusammenhängen des gesamten marinen Ökosystems. Gefordert wird ein Ökosystem-basiertes Fischerei-Management (ecosystem-based fishery management, “EBFM”).

Die Grundidee von EBFM ist ökologische Nachhaltigkeit. Eckpfeiler sollen dabei umfassende Schutzzonen werden, in denen nicht die Gefährdung einzelner Spezies anhand ihrer Zahl bewertet wird, um darauf dann mit eingeschränkten oder erhöhten Fangquoten zu reagieren. Vielmehr sollte stets der Einfluss ermittelt werden, den etwa das Entfernen eines Systemmitglieds auf den Rest der Gemeinschaft hat – also auf die Fressfeinde des Tieres, die durch den Fang ihrer Beute beraubt werden; oder auf die üblichen Beutearten des gefangenen Fisches, die bei nachlassendem Räuberdruck ihrerseits andere Arten verdrängen könnten.

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Fischfang vor Alaska | In Alaska werden Thaleichthys-pacificus-Schwärme in einem ökosystemischen Programm gegen kommerziellen Fischfang geschützt.
Aus ökologischer Sicht durchaus sinnvoll. Allerdings wird eine richtige Idee, die oft wiederholt wird, nicht noch richtiger – und die Idee, die hinter EBFM steckt, ist nicht gerade neu. Ozeanische Schutzzonen etwa, in denen ganz im Sinne von EBFM wechselnde, zeitlich und räumlich begrenzte Fangverbote festgeschrieben werden, existieren bereits teilweise – und dort erhöhte sich in Folge der Maßnahmen tatsächlich die Fischvielfalt und -menge. Auch ökosystemische, nicht nach einzelnen Arten ausgerichtete Schutzprogramme wurden lokal bereits erfolgreich eingerichtet, berichten die Wissenschaftler: etwa lokal in Küstengewässern Kaliforniens und Alaskas. Die Ergebnisse solcher lokaler Projekte sind durchaus viel versprechend.

Nächster logischer Schritt wäre nun also eine generelle Implementierung des EBFM-Prinzips im internationalen Maßstab – womit der Knackpunkt des Problems erreicht ist. Denn während die wissenschaftliche Richtigkeit der Aussagen von Pikitch längst unumstritten ist, beginnen spätestens an der konkreten Umsetzung Ökologie und Ökonomie wieder gegeneinander zu arbeiten. Schließlich ist von der darbenden Fischerei-Industrie einiges Entgegenkommen notwendig, damit es ihr in Zukunft einmal, mitsamt des wiederaufblühenden marinen Ökosystems, wieder besser gehen kann. Allerdings ist es in vielen Bereichen der Gesellschaft nicht selten vergebliche Mühe, von in kurzfristigen wirtschaftlichen Zyklen handelnden Entscheidungsträgern zu verlangen, die Zukunft nicht in Zeiten der Not zu verfrühstücken.

Durchaus, Opfer seien nötig, gibt auch Pikitch zu – allerdings könnte erwiesenermaßen mit staatlicher Finanzhilfe ein ausgleichender Anreiz für die Umstellung auf nachhaltig-ökosystemische Fischerei erfolgen. Die Wissenschaftlerin sieht hier Anlass für Optimismus: In Neuseeland sei es etwa gelungen, mit Hilfe staatlicher Finanzprogramme einen Übergang auf individuelle Fangquotierung durchzusetzen. Ganz sicher gelte aber, so Pikitch, dass die langfristigen Schäden eines “weiter-wie-bisher” jene Kosten weit überwiegen werden, die zur Umstellung auf Nachhaltigkeits-Fischmanagements nun aufzuwenden wären.

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Ein weißer Hai jagt Robben | An der Spitze der marinen Nahrungskette jagt ein großer weißer Hai Pelzrobben vor der Küste Südafrikas.
Bleibt zu hoffen, dass politische Verantwortungsträger die Botschaft hören und im viel beschworenen globalisierten Wettstreit der Nationen die nötigen Finanztöpfe für langfristige Ausgleichszahlungen an eine nachhaltige Fischerei-Industrie bereithalten. Ohne die Rückendeckung nationaler und internationaler Gesetzgebung dürfte das Unterfangen jedenfalls scheitern: Nicht erst auf dem Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung im Jahr 2002 wurde eine EBFM-ähnliche Ausrichtung der Fischerei als selbstverpflichtendes Ziel gefordert – geändert hat sich seitdem an der Praxis auf hoher See wenig.

Ein Hoffnungsschimmer immerhin: Auf den EBFM-Ideen des internationalen Forschungsgremiums basierende Entwürfe sind bereits in den Gesetzgebungsprozess verschiedener Staaten eingebracht worden. Im Herbst, so die Aussicht der Forscher, werde sich etwa das Abgeordnetenhaus und Senat der Vereinigten Staaten mit einer entsprechenden Vorlage beschäftigen. Vielleicht werden die USA damit also einmal zum Vorreiter einer an Nachhaltigkeitsaspekten ausgerichteten internationalen Richtlinie? Das wäre unbestreitbar in jedermanns langfristigem ökologischen und ökonomischen Interesse. Es wäre allerdings, ehrlich gesagt, auch ziemlich überraschend.
16.07.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.07.2004

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