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Springers Einwürfe: … denn es fühlt wie du den Schmerz

Ist Tierwohl bloß eine sentimentale Idee? Haben nichtmenschliche Organismen überhaupt Gefühle?
Schweine in einem Tiertransporter

Seit jeher verwenden wir Tiere als Nahrung. Sie werden gejagt oder gezüchtet, in Ställen oder Aquakulturen gehalten, in Behältern weithin transportiert und schließlich oft wie am Fließband vom Leben zum Tod befördert. Damit wir sie uns genussvoll schmecken lassen, sollen die Wesen zumindest nicht unnötig leiden. Tierschutz und Tierwohl liegen uns neuerdings am Herzen.

Aber haben Vierbeiner überhaupt Gefühle – von Fischen ganz zu schweigen? Die christlichen Religionen sprechen nur uns Menschen eine sensible Seele zu, und der Aufklärungsphilosoph Descartes sah im Tier bloß einen gefühllosen Automaten. Also darf man Wild und Huhn, Kuh und Schaf guten Gewissens verzehren?

Der darwinsche Evolutionsgedanke stellte die säuberliche Trennung in Frage. Im Stammbaum des Lebens sind Affe und Mensch engste Verwandte, und sogar in einen evolutionär weiter von uns entfernten Organismus wie Pferd, Hund oder Katze können wir uns gut hineindenken. Ist das nun sentimentale Vermenschlichung, oder müssen wir Tieren allen Ernstes Emotionen zubilligen?

Der prominente Primatenforscher Frans de Waal von der Emory University in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia hat in zahlreichen Studien den Nachweis geführt, dass in den Menschenaffen Charakteristika angelegt sind, die wir traditionell ausschließlich für uns reserviert haben – nicht zuletzt die Einfühlung in Artgenossen. Nun hat er zusammen mit der Philosophin Kristin Andrews von der York University im kanadischen Toronto diese Argumentation sogar auf Wirbellose und Insekten auszudehnen versucht.

Können etwa Fische Schmerz empfinden? Nein, dachte man zunächst: Sie zucken vermeintlich nur reflexhaft von der Quelle des unangenehmen Reizes zurück, so wie wir von der heißen Herdplatte. Doch dann entdeckte man, dass Fische von der Begegnung mit negativen Stimuli lernen, sie von vornherein zu meiden. Das heißt, sie erinnern sich.

Ähnliches gilt für das riesige Reich der Gliederfüßer. Krabben machen einen Bogen um Orte, an denen sie zuvor einen Stromschlag erhalten haben. Sie verhalten sich, als fürchteten sie erneute Pein.

Aus Wissen folgt Verantwortung

Man mag einwenden: Über derlei innere Zustände weiß ich doch gar nichts, solange sie nicht sprachlich ausgedrückt werden. Mit diesem Argument hat man bis in die 1980er Jahre sogar Kleinkindern, da sie noch nicht reden konnten, das Schmerzempfinden abgesprochen und an ihnen ohne Anästhesie chirurgische Eingriffe vorgenommen.

Unterdessen wird die evolutionäre Nähe von Tier und Mensch zur Erforschung beider Innenleben genutzt. Auf Grund der ähnlichen Gehirne und Nervensysteme dienen Tiermodelle längst dazu, die physiologischen Prozesse zu analysieren, die bei Gefühlen wie Furcht, Wut, Ekel und Anziehung im Spiel sind. Beispielsweise verläuft die Aktivierung der Amygdala durch schreckliche Erlebnisse bei Ratten und Menschen analog. Und gestresste Honigbienen zeigen ähnliche Veränderungen der Neurotransmitter wie geängstigte Versuchspersonen.

Sobald wir anerkennen, dass unsere tierischen Verwandten ein mehr oder weniger ähnliches Gefühlsleben besitzen, hat das moralische Konsequenzen, betonen de Waal und Andrews. Jemand wie ich würde zwar weiterhin ungern ganz auf Fisch und Fleisch verzichten, aber dennoch wirksame Auflagen für Tierschutz und Tierwohl befürworten.

Hoffentlich ist es wenigstens bald verboten, Hummer lebend ins kochende Wasser zu werfen. Seit ich gelesen habe, wie der Autor David Foster Wallace die mehrtägige Fressorgie beim alljährlichen Lobster Festival im US-Bundesstaat Maine beschrieben hat, ist mir der Appetit auf derart zubereitete Krustentiere gründlich vergangen.

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