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Unterschätzte Dinge des Alltags: Der Einkaufswagen, Anthropologie und Abgründe

Die Drahtgestelle auf Rollen sind aus Supermärkten nicht mehr wegzudenken. Ein omnipräsentes Stück, das Anthropologen begeistert und wohl in absehbarer Zeit an die »smarte« Zukunft angepasst werden wird.
Begleiter im SupermarktLaden...

Wir schreiben das Jahr 1937. Mühsam schleppt eine Dame einen voll beladenen Einkaufskorb durch einen Supermarkt. Zu jener Zeit sind solche Selbstbedienungsläden mit allerlei verschiedenen Produkten noch eine relativ neue Sache. Freude hat die Frau an ihrem Einkaufserlebnis offensichtlich nicht. Zu viel wiegt ihre Last. Noch mehr einpacken? Ausgeschlossen.

Solche oder ähnliche Szenen, so vermutet man, bringen den US-Amerikaner Sylvan Goldman ins Grübeln. Er ist der Gründer der Supermarktkette Humpty Dumpty in Oklahoma City. Als Unternehmer ist er natürlich stets an einer Steigerung des Umsatzes interessiert. Schweres Tragen hindert offenbar viele daran, nach Belieben zuzugreifen. Gemeinsam mit einem Mechaniker macht sich Goldman an die Arbeit. An einen hölzernen Klappstuhl montieren die beiden einen Metallrahmen und fügen Räder und Drahtkörbe hinzu. Sie fertigen einige Exemplare an und stellen sie vor die Supermärkte. Doch seine Kundschaft ignoriert die Erfindung.

Der rollende Warenkorb kommt anfangs nicht richtig in die Gänge. Die eher provisorischen Karren sind den Männern angeblich zu »weibisch«. Und auch die Frauen fühlen sich zu sehr an einen Kinderwagen erinnert. Goldman lässt sich jedoch nicht entmutigen. Mit Rückschlägen weiß er umzugehen, hat er doch einige Jahre zuvor am Ende des Ölbooms einen Großteil seines Vermögens verloren. Kurzerhand engagiert er Statisten, die, gut gelaunt, voll beladene Klappstühle durch seine Supermärkte bugsieren und den wahren Kunden ein müheloses Einkaufserlebnis vorspielen.

Mit Erfolg – immer mehr Menschen verlieren die Scheu vor dem gewöhnungsbedürftigen Vehikel. Goldmans Berechnung geht auf: Sein Umsatz steigt. Der Unternehmer entwickelt den »shopping cart« weiter und lässt 1940 eine Version patentieren. Diese, ein Drahtgestell mit Rädern, sah den heutigen Modellen schon ziemlich ähnlich – und kam bald auch nach Deutschland: Rudolf Wanzl Junior, Sohn des Gründers des heutigen Weltmarktführers in Sachen Einkaufswagen, reiste Ende der 1940er Jahre in die USA und ließ sich dort inspirieren. Wieder in Deutschland, passte er seine kurz zuvor erdachte eigene Einkaufswagenversion mit zwei abnehmbaren Körben an das amerikanische Modell an.

Entwenden und zweckentfremden

Die so designte beweglichere Version wurde zum Kassenschlager und ist bis heute die Basis der allermeisten Modelle. Rollwagen sind ein fester Bestandteil eigentlich jedes großen Supermarkts und fallen nur auf, wenn sie plötzlich woanders auftauchen: etwa als fahrbarer Grill, Transportwagen von Hab und Gut oder als Blumenbeet – womöglich auch als Gehege für Kleintiere. Für genau diesen Zweck, so erklärt Bodo Bach bei seinem Anruf im nächstgelegenen Rewe-Markt, kaufe er die günstigen Stücke stets für eine D-Mark. Ob er denn als treuer Kunde Rabatt erhalte, wenn er gleich mehrere davon auf einmal erwerbe, will er wissen.

Mengenrabatt, bitte?

Der Gesprächspartner dieses Scherzanrufs, ein nicht genannter Filialleiter, fand diese Anfrage des Kabarettisten nicht arg lustig. Denn, Spaß hin oder her – Einkaufswagen verschwinden tatsächlich regelmäßig. Der Hauptverband des deutschen Einzelhandels schätzt, dass in Deutschland pro Jahr rund 100 000 Stück gestohlen werden, also etwa jedes 20. Exemplar. Üblicherweise fehlen einzelne Stücke, in seltenen Fällen aber auch mal große Mengen. So geschehen etwa 2016 in einem Fürther Supermarkt: Dreiste Diebe entwendeten mehr als 100 Stück. Was sie damit anstellten? Ungewiss. Bei einem Altmetallhändler würden sie dafür nicht wirklich viel Geld bekommen.

Wahrscheinlicher ist also, dass die Beute nun irgendwo in ausländischen Supermärkten zum Einsatz kommt. Denn die Drahtgestelle sind natürlich deutlich mehr wert als die Münze, die sie von der Aufbewahrungsschlange loskettet (und die ja auch noch weiterhin im Schlitz steckt): Das Standardmodell Einkaufswagen kostet rund 100 Euro. Und je nach Zusatzausstattung wie Leselupe, Kindersitz oder extraleisen Rollen fällt der Preis deutlich höher aus.

Wegfahrsperre als Diebstahlschutz

Verständlich also, dass manche Marktbesitzer gegen den Diebstahl ihrer Wagen vorgehen. Der Hightech-Ansatz unter ihren Vorkehrungen ist ein Einkaufswagen mit Wegfahrsperre. Dabei blockiert eine im Boden angebrachte Magnetschiene die Rollen, im Idealfall erst am Ausgang oder an einer sonst wie definierten Sperrzone der Außenwelt. Blöd nur, wenn das System nicht richtig funktioniert und sich bereits im Supermarkt aktiviert. Angeblich passiert das tatsächlich immer mal wieder. Kunden schieben und ziehen dann vergeblich an dem Gefährt, das wie ein störrischer Esel an Ort und Stelle verharrt. In der Branche erzählt man sich, manch ein Chef habe aus diesem Grund die Wagen mit Diebstahlsicherung genervt wieder abgeschafft. Andere schwören darauf, weil ihre Verlustzahlen deutlich zurückgegangen seien. Nicht verraten werden sollte, dass sich die Sperre einfach umgehen lässt: Man muss lediglich den Wagen etwas über die zuvor ausgekundschaftete Magnetschiene heben, und schon greift der Mechanismus nicht mehr.

Einkaufswagen auf den Parkplätzen

Das Lowtech-Pfandsystem mit der Geldmünze erfüllt seinen Zweck hingegen auch sehr gut: In Deutschland schiebt nach dem Einkauf eigentlich fast jeder den Rollwagen wieder an den vorhergesehenen Platz und sackt sein Geldstück ein (so er denn nicht zufällig gerade einen Grill oder Hamsterkäfig benötigt). Das System soll natürlich in erster Linie nicht dem Diebstahl vorbeugen, sondern verhindern, dass Kunden ihren Einkaufswagen einfach stehen lassen. Seit 1980 funktioniert das hier zu Lande auch ziemlich gut. In den USA hingegen, wo das Schlitzsystem kaum verbreitet ist, sind zahlreiche herrenlose Drahtvehikel auf den Parkplätzen Normalität.

Quo vadis, Einkaufswagen?Laden...
Quo vadis, Einkaufswagen? | Nicht immer ist klar, wohin sein Weg den Einkaufswagen führt: Oft kommt er zurück an die Pfandkette, manchmal aber endet er auch fern seiner Supermarktheimat als Hamsterkäfig.

Vielen ist das ein Dorn im Auge. Die Beweggründe für das Stehenlassen erörterten neulich erst die Kollegen von »Scientific American« unter der Überschrift: »Why don't people return their shopping carts?« Der Artikel brachte – unter anderem durch konfrontative Befragung – unterschiedliche Rechtfertigungen der US-Einkaufswagenrückrollmuffel zu Tage. Etwa schlechtes Wetter. Oder Kinder, die nicht allein im Auto gelassen werden wollten. Oder die Auffassung, dass es für das Zurückbringen schließlich Angestellte gebe. Vor allem aber wurde eine Art Lawineneffekt deutlich: Dort, wo andere ihre Einkaufswagen nicht zurückbringen, lässt man selbst seinen auch häufiger stehen. Diese Motivation ließe sich durch wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Sozialpsychologie erklären: Menschen neigen dazu, Normen eher zu ignorieren, wenn sie Regelverstöße anderer wahrnehmen.

Diese menschliche Eigenart konnten Forscher in einer Reihe von Versuchen nachweisen – etwa dem Fahrradexperiment: Forscher bringen unerwünschte Flyer an abgestellten Fahrrädern an und beobachten, wo die zurückkehrenden Besitzer diese entsorgen – im etwas entfernten Papierkorb oder vielleicht doch gleich auf dem Boden. Offenbar beeinflussen Regelverstöße anderer die Entscheidung. Ist eine deutlich mit »Beschriften verboten!« versehene Fläche im Blickfeld mit einem Graffito verunziert, lassen die Radbesitzer den Flyer deutlich häufiger einfach fallen als in einer Situation ohne verbotene Wandbemalung. Wild parkende Einkaufswägen dürften demnach zu wild wachsenden Einkaufswagenhalden auf den Parkplätzen führen.

Überwältigendes Feedback der Leser

Die Frage »Wie hältst du es mit dem Einkaufswagen?« traf in den USA offensichtlich einen Nerv, wie die sehr lebhafte Diskussion im Anschluss an den »Scientific American«-Artikel zeigte. »Was eine Person mit dem Einkaufswagen nach dem Einkauf macht, lässt Rückschlüsse auf ihren Charakter zu«, kommentiert ein Leser. »Es gibt nur wenige Verhaltensweisen, anhand derer ich über Menschen urteile. Ob jemand den Einkaufswagen zurückbringt oder nicht, ist eine davon«, schreibt ein anderer.

Eine große Mehrheit war sich einig, dass es rücksichtslos sei, die Wagen stehen zu lassen. Einige verteidigten die Wagenrückführverweigerung aber als soziale Handlung: »Ich bringe den Einkaufswagen absichtlich nicht zurück. So sorge ich dafür, dass der Supermarkt Jugendliche anstellen muss, die diese Arbeit verrichten«, argumentierte eine Mutter. Angestellte von Supermärkten waren jedoch mehrheitlich der Meinung, dass sie es bevorzugten, wenn die Einkaufswagen zurückgebracht würden – es gebe für diese Arbeit in der Regel keine eigens angestellte Kraft. Das Gegenargument: Der Kunde werde immer mehr zum unfreiwilligen Aushilfsangestellten. Dadurch fielen Arbeitsplätze weg, während Unternehmen Geld sparten und ihren Gewinn steigerten. Geholfen sei so weder Kunde noch Personal.

Der Einkaufswagen der Zukunft

Schlichte Einkaufswagen taugen also als Kristallisationskeim für anthropologische Betrachtungen und beleuchten Motivation und Rechtfertigung, Bewertung und Abgründe menschlichen Verhaltens: eine »ungemein faszinierende Diskussion«, fand die »Scientific American«-Autorin und zeigte sich begeistert.

In Zukunft soll der Wagen allerdings noch mehr über die Menschen verraten. Weiß man, wie sich der Kunde im Markt bewegt und wie er sich entscheidet, lässt sich das Produktarrangement weiter optimieren; er soll möglichst oft zugreifen. Der Einkaufswagen der Zukunft könnte solche Daten problemlos aufzeichnen. Die Technik würde auch dem Kunden zugutekommen: kein verzweifeltes Suchen mehr, keine unnötigen Wege, so der Tenor der Entwickler von »Smart Carts«, wie der Einkaufswagen 3.0 genannt wird. Denn ein künftiges schlaues Einkaufsgefährt kann zum Beispiel Produktlisten laden, sie auf einem eigenen Display anzeigen und den Kunden durch den Markt leiten.

»Auf Grund der teuren Instrumentierung sind diese Ideen jedoch ausschließlich ein Proof of Concept«, sagt Gerrit Kahl, Forscher am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI): Die aktuelle Smart-Cart-Modellreihe ist dagegen mit einer Halterung für das Smartphone oder Tablet des Kunden ausgestattet. Über eine App kann der Kunde die Einkaufsliste laden und zusätzliche Informationen über die Artikel abrufen. »Produkte, die man in den Wagen legt, hält man einfach kurz vor die Kamera des Smartphones«, erklärt Kahl. So ließen sich die Waren optisch erfassen. »Über Bluetooth kann das mobile Endgerät zudem geortet und darüber eine Navigation angeboten werden. Bezahlt wird schließlich mittels NFC (›near-field communication‹), Fingerabdruck oder direkt über die App.«

Wanzl, der weltweit größte Hersteller von Einkaufswagen – mit Hauptsitz im bayerisch-schwäbischen Leipheim – veranschaulicht diese Vision auf der Unternehmenswebsite: Neben Waren, die mit elektronischen Chips versehen sind, oder Kassenterminals, die automatisch das Eingekaufte erfassen, sind Wagen mit »technologischem Equipment für Self-Scanning oder digitalen Displays für multimediale Produktinfos und Werbekampagnen« fester Bestandteil der neuen Einkaufswelt. Die Zukunft des Einkaufswagens, so scheint es, wird smart. Und vielleicht auch kurz: Denn selbst der schlaueste Smart Cart wird überflüssig, wenn Kunden sich alle Waren ins Haus liefern lassen – womöglich per Drohne. Mal sehen, welche Zukunftsvision sich durchsetzen wird.

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