Ein Quantum Wahrheit: An mir lag's nicht!

Beginnen wir mit etwas ganz Grundsätzlichem: nämlich dem Wunsch, sich gut zu fühlen. Ein probates Mittel, um das zu erreichen, besteht in einer mentalen Haltung, die sich wie folgt beschreiben lässt:
Läuft etwas gut, liegt es an mir; läuft's schlecht, sind die Umstände schuld.
Ich übernahm diese Denke bereits im Kleinkindalter. Als mein über 20 Zentimeter hoch in den Himmel aufragender Turm aus Holzklötzen wie ein Monument bautechnischen Könnens vor mir stand, war das selbstverständlich meiner Mühe und Berechnung zuzuschreiben. Als er kurz darauf in sich zusammenfiel, lag's am Wind. Oder an meinem blöden Bruder. Oder an einem Erdbeben. So genau weiß ich das nicht mehr, nur eines steht fest: An mir lag es nicht!
Wir müssen uns nicht mal besonders anstrengen, um uns für Pleiten, Pech und Pannen nicht selbst verantwortlich zu fühlen. Wir kommen erst gar nicht auf die Idee! Was nüchtern betrachtet oft erstaunlich ist, denn wenn ich den Turm, solange er steht, für mein Werk und mein Verdienst halte, kann ich mich kaum für so völlig unbeteiligt halten, sobald er einstürzt. Doch, believe it or not, das geht! Und es gelingt mir heute umso besser, da ich gelernt habe, ein reiches Arsenal an Gründen für jede Kalamität heranzuziehen. Sie haben mit vielem zu tun, von der Erdkrümmung bis Donald Trump, nur nicht mit mir.
Ein beachtlicher Teil unserer kognitiven Ressourcen fließt in die Schuldabwehr
Ein beachtlicher Teil unserer kognitiven Ressourcen fließt in die Schuldabwehr. Und das ist entgegen einer verbreiteten Annahme weder dumm noch schlecht, sondern – um im Bild zu bleiben – ein wichtiger Baustein eines stabilen Nervenkostüms.
Aber, so könnte man einwenden, was ist mit jenen, die sich im Gegenteil ständig das eigene Versagen vorwerfen und Fehlschläge allzu persönlich nehmen? Sind sie nicht der lebende Gegenbeweis, dass der fundamentale Attributionsfehler gar nicht so fundamental ist?
Auf den ersten Blick schon; es gibt von jeder Regel auch Ausnahmen – und so finden sich manche Trübseligen unter lauter Frohgemuten. Nur fragen Sie einen solchen Negativisten doch mal, wieso es ihn so herunterzieht, wenn etwas nicht klappt wie gewünscht. Oh, wird er vermutlich sagen, so bin ich eben, das ist mein Charakter, ist genetisch bedingt oder durch meine überkritischen Eltern – ich kann jedenfalls nichts dafür.
Im Handumdrehen nicht verantwortlich
Es gelingt uns meist im Handumdrehen, uns für das Unerfreuliche im Leben nicht verantwortlich zu fühlen. Das Geheimnis liegt wohl darin, dass eine Attribution (von lateinisch attributio = Zuschreibung) kein feststehendes Gesetz ist, sondern eine flexible Anpassung. Wir verschieben den eigenen Fokus bevorzugt auf jene Einflüsse, die sich unserer Macht entziehen, wenn wir das jeweilige Scheitern sonst auf die eigene Kappe nehmen müssten.
Was lernen wir daraus? Am Zustandekommen einer Enttäuschung oder Niederlage sind fast immer viele Dinge zugleich beteiligt, eigene und fremde, steuerbare und jenseits unserer Kontrolle liegende. Schon deshalb macht es wenig Sinn, den einen entscheidenden Faktor finden zu wollen, der das Pendel des Lebens in diese oder jene Richtung ausschlagen ließ. Dennoch verlagern wir die Gewichte mit Vorliebe zu unseren eigenen Gunsten. Das ist oft nicht logisch oder objektiv richtig, aber durchaus wohltuend.
Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.
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