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Warkus' Welt: Der Sommerhit 2019

Was ist Musik? Eine Abfolge von Geräuschen? Ein Blatt mit Noten? Philosophisch gesehen ist diese Frage erstaunlich schwer zu beantworten.
Weißer Kopfhörer vor blauem HintergrundLaden...

Es ist Mitte August, der Sommer geht in die letzte Runde und wenn man im Internet sucht, findet man bereits ein eindeutiges Urteil dazu, was »der Sommerhit 2019« gewesen sein soll. Mich soll hier gar nicht interessieren, wie das Stück heißt. (Wenn es Sie interessiert, können Sie hier nachlesen.) Als Philosoph will ich mich auf Grund der typisch philosophischen Tendenz zu Was-ist-Fragen heute mit der Frage beschäftigen: Was ist »der Sommerhit 2019«?

Damit will ich eben nicht danach fragen, wie »der Sommerhit 2019« heißt, sondern welcher Art der Gegenstand ist, den wir so bezeichnen. Das ist überraschend schwierig. Während Gebäude in erster Näherung begehbare Objekte aus Baustoffen und Gemälde flache Schichten aus Farbe auf einem Malgrund sind, ist ein Musikstück … was? Eine Abfolge von Geräuschen?

Da man ein Musikstück beliebig oft und mit unterschiedlichen Wiedergabegeräten abspielen kann, dabei aber jedes Mal »dasselbe Stück« reproduziert, kann es die Geräuschabfolge als solche nicht sein, sondern es geht eher um das zugrunde liegende Schema dieser Geräuschabfolgen. (Mit Charles Peirce gesprochen: Es geht um den Type, nicht um das Token.) Wenn man diesen Gedanken aber einmal akzeptiert hat, fangen die Probleme erst an.

Was ist, wenn es unterschiedliche Versionen gibt? Am Ende sogar von unterschiedlichen Musikerinnen (»Sommerhits« werden meistens relativ schnell mehrfach gecovert)? Ist es immer dasselbe Stück oder sind es unterschiedliche Musikstücke? Diese Frage wirkt vielleicht akademisch, sie wird aber sehr wichtig, sobald man sich überlegt, dass es Musik gibt, die ursprünglich nicht als Aufnahme, sondern nur in Notenform veröffentlicht wurde (dies ist eines der charakteristischen Merkmale derjenigen Musik, die meist »Klassik« genannt wird). Von Tschaikowskis »Erstem Klavierkonzert« oder von Puccinis Oper »Tosca« gibt es keine »Originalversion«. In der Musikphilosophie gehen daher viele davon aus, dass die Noten, die der Komponist aufgeschrieben hat, das eigentliche Werk sind (auch hier wieder: nicht als Token, sondern als Type). Live-Aufführungen und Aufnahmen des Werkes sind sozusagen nur Reproduktionen.

»Despacito« auf der Orgel

Wenn das so ist, muss man aber irgendwie darüber entscheiden können, wann eine bestimmte Abfolge von Geräuschen eine Aufführung eines bestimmten Werkes ist. Wenn ich mich ans Klavier setze und eine Bearbeitung eines Beethoven-Streichquartetts spiele, dazu auf völlig entstellte und vor lauter Fehlern kaum zu erkennende Weise, habe ich dann dieses Streichquartett aufgeführt oder nicht? Ist es eine Aufführung von »Despacito«, wenn eine Dorforganistin die Melodie in einem Orgelvorspiel zum Gottesdienst verwendet? (Alles schon passiert.)

Ein Ausweg besteht darin, zu akzeptieren, dass unterschiedliche Arten von Musik unterschiedliche Werkbegriffe brauchen. Beim »Sommerhit 2019« ist dann vielleicht die Originalaufnahme das Werk, beim Klavierkonzert die Partitur der Erstveröffentlichung – aber was ist beim Jazz, wo ein Solo aus einer berühmten Einspielung eines Stücks selbst ein neues Stück werden kann? Was ist mit tradierter Musik wie zum Beispiel den teilweise uralten Melodien, auf die Kinderreime gesungen werden? Möglicherweise braucht man sehr weite Begriffe, um im Denken irgendetwas Allgemeines über Musik sagen zu können, und dann landet man am Ende vielleicht bloß wieder dabei, dass Musik eine Geräuschabfolge ist.

Vielleicht haben Sie Ihre ganz eigene Meinung dazu, was Musik oder ein musikalisches Werk ist, wann Musik Kunst ist und wann nicht. Das macht auch nichts, denn Philosophie, die selbst ja voller Uneinigkeit ist und von kontroversen Diskussionen lebt, muss damit umgehen können, dass das, was sie tut, von außen skeptisch betrachtet wird. Bemerkenswert ist, dass zu musikphilosophischen Themen vermutlich mehr »Laien« eine Meinung haben als zu anderen Fragen der Kunstphilosophie.

Das liegt daran, dass es in unserer Gesellschaft nahezu niemanden gibt, der nicht in irgendeiner Weise Musik hört und sich dazu verhält; dass etwa ein Fünftel der Deutschen selbst irgendwie Musik macht, viel mehr, als beispielsweise malen. Musikphilosophie ist also eine philosophische Disziplin, die sehr eng an populären Überzeugungen entlang beziehungsweise sogar gegen sie arbeitet. Das macht sie so spannend, aber es erklärt vielleicht auch, warum sich die Philosophie oft recht schwer damit zu tun scheint, Sinn- und Bedeutungsvolles über Musik zu sagen – weil Musik für uns immer schon auf die eine oder andere Weise bedeutungsvoll ist.

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