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Vogelsterben: Der stille Frühling wird erneut Realität

Erneut schockieren Zahlen Europas Naturschützer: In Frankreich brach die Zahl der Feldvögel dramatisch ein. Im Verdacht stehen Pestizide. Daniel Lingenhöhl kommentiert.
Toter Haussperling

"Unser ländlicher Raum wird zu einer Wüste." Mit diesen drastischen Worten kommentierte der französische Biologe Benoit Fontaine vom Nationalen Museum für Naturgeschichte zwei Studien, die einen brutalen Rückgang von Vögeln der Agrarlandschaft beschreiben.

Ihre Zahl ist demnach in den letzten 15 Jahren durchschnittlich um ein Drittel zurückgegangen, bei manchen Arten sind die Verluste sogar noch gravierender: So verschwanden 70 Prozent der Wiesenpieper und zwei Drittel der Ortolane während dieser Zeit, bei den Rebhühnern beträgt der Rückgang sogar 80 Prozent (über einen Zeitraum von 23 Jahren). "Das hat ein Ausmaß erreicht, dass man bald von einer ökologischen Katastrophe sprechen kann", so Fontaine weiter.

Die Zahlen passen jedenfalls zu einem Trend: Ähnlich heftigen Schwund hat man in Deutschland, Spanien und Großbritannien festgestellt. In den letzten drei Jahrzehnten ging die Zahl der Vögel in der Agrarlandschaft in 28 Staaten Europas um mehr als die Hälfte zurück. Einstige Allerweltsarten wie Turteltaube, Feldlerche, Rebhuhn, Kiebitz, Grauammer und sogar Feldsperling sind in manchen Regionen heute Raritäten.

Gegenläufige Trends

Ganz anders sieht es hingegen bei typischen Vogelarten der Wälder und Siedlungen aus, wie die Zahlen aus Frankreich – und auch Deutschland – bestätigen: Mit wenigen Ausnahmen halten sie ihren Bestand oder nehmen sogar zu. Wie eklatant die Unterschiede sind, belegen die Daten für Arten wie die Ringeltaube oder die Amsel, welche die französischen Forscher in der Agrarlandschaft wie in Wäldern und Siedlungen erhoben hoben. Während sie in Letzteren weiter zunehmen, gehen sie in der Feldflur ebenfalls zurück.

Die Ursachen sind also offenbar in der intensivierten Landwirtschaft der letzten Jahrzehnte zu suchen, wobei sich dieser Prozess seit etwa zehn Jahren nochmals verschärft haben muss. Denn in dieser Zeit ging es mit den Vogelzahlen nochmals richtig nach unten. 2017 markiert bislang den absoluten Tiefpunkt dieser Entwicklung in Frankreich. Einzelne Ausreißer nach unten lassen sich noch mit schlechtem Wetter oder anderen Einflüssen erklären. Doch langfristig betrachtet müssen landwirtschaftsimmanente Faktoren verantwortlich sein.

In den Fokus rücken dabei wieder einmal Pestizide. 75 000 Tonnen Pflanzenschutzmittel versprühen Landwirte mittlerweile jährlich auf den Feldern oder präparieren damit ihr Saatgut. Die Vögel sterben daran nur selten direkt, doch beeinflussen die Substanzen ihre Gesundheit direkt und indirekt – und vernichten ihre Nahrungsquellen.

Im Verdacht steht weniger das Glyphosat, das meist im Mittelpunkt der Pestiziddiskussion steht. Stattdessen richten die Ökologen ihr Augenmerk erneut auf die Neonicotinoide, eine hochaktive Substanzklasse, die die Weiterleitung von Nervenreizen blockiert und sehr selektiv auf Insekten wirkt. Ihr Verbrauch in der EU nimmt seit den 1990er Jahren kontinuierlich zu – parallel zur beschleunigten Abnahme der Vögel.

Pestizide als Auslöser?

Auch wenn der endgültige Beweis noch nicht erbracht ist, so zeigen doch viele Studien, dass die Neonicotinoide Bienen, Hummeln und Wildbienen schädigen. Tests an Vögeln hatten auch gezeigt, dass diese Pestizide die Tiere schwächen, sie antriebslos machen und ihnen die Orientierung erschweren. Und natürlich reduzieren die Pflanzenschutzmittel ganz allgemein die Zahl der Insekten in der Feldflur – das ist schließlich ihre Aufgabe.

Die weitaus meisten Vogelarten sind jedoch zumindest während der Jungenaufzucht auf Insektennahrung angewiesen. Fehlt diese, kommt weniger und schwächerer Nachwuchs hoch: Der Bestand schrumpft. Leider gibt es nur wenige Daten, wie sich die Insektenzahlen in der Feldflur tatsächlich entwickeln – sieht man einmal von der in der Diskussion stehenden Arbeit Krefelder Entomologen ab. Sie hatten ermittelt, dass in Naturschutzgebieten Nordwestdeutschlands die Zahl der Fluginsekten um mehr als 75 Prozent abgenommen hat. Eine belegte Ursache konnten sie nicht angeben, doch liegt der Verdacht auch hier nahe, dass die Landwirtschaft damit zu tun hat: Die Naturflächen lagen inmitten der Feldflur und wurden dementsprechend beeinflusst. Und eine Studie in den USA hat angesichts bestimmter Marker im Gefieder von lebenden Tieren und Museumsexemplaren festgestellt, dass die Zahl großer Insekten seit Jahrzehnten massiv zurückgegangen sein muss.

Monotonisierung der Landschaft

Bei den Pestiziden darf die Diskussion jedoch nicht stoppen. Prinzipiell hat die Kulturlandschaft in den vergangenen Jahrzehnten an Vielfalt verloren, auch noch lange nach der Flurbereinigung. Heute wird oft bis direkt an den Feldweg geackert, gedüngt und gemäht; "bunte" Feldraine haben heute Seltenheitswert. Gülle und Kunstdünger haben dafür gesorgt, dass in Wiesen und Feldern deutlich weniger Wildkräuter wachsen, die ebenfalls als Insektennahrung dienen oder den Vögeln wertvolle Sämereien liefern.

Hecken waren früher ein markanter Bestandteil der Feldflur; sie wurden rigoros abgeholzt und zurückgestutzt, weil sie das Bearbeiten erschwerten. 2009 hat die EU zudem die Flächenstilllegung abgeschafft: Millionen Hektar Agrarland wurden wieder in die intensive Bewirtschaftung genommen, so dass diese Ersatzlebensräume für Insekten und Vögel erneut verschwanden. Vielfach wachsen heute intensiv bewirtschaftete Energiepflanzen wie Mais oder Raps auf diesen Flächen – deren Saatgut wiederum häufig mit Neonicotinoiden gebeizt wird, womit sich der Kreis schließt.

Dabei ist eine Umkehr möglich. Und auch viele Landwirte würden dies wohl befürworten. Wie das gehen kann, zeigt etwa die "Hope Farm" in Großbritannien. Sie wird konventionell bewirtschaftet und soll Profit bringen. Gleichzeitig ist eines ihrer Hauptziele auch, die Vielfalt der Agrarlandschaft zu bewahren. Nach zehn Jahren zeigt sich, dass dies in Einklang gebracht werden kann: Die meisten Schlüsselarten haben in diesem Zeitraum gegen den allgemeinen Trend zugenommen. Und auch hier zu Lande zeigen Ansätze wie das "Lerchenfenster" (eine Aussparung im Acker für Feldlerchen), "ein Meter für den Stieglitz" (bunte Feldstreifen als Nahrungsquelle) oder Wiesenbrüter-Schutzprojekte, dass Landwirtschaft und Artenvielfalt kein Widerspruch sein müssen. Aber es ist noch viel zu wenig. Der stumme Frühling droht erneut real zu werden.

13/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 13/2018

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