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Freistetters Formelwelt: Der unberechenbare Brexit

Sollte es nicht doch noch eine politische Überraschung geben, wird Großbritannien am 29. März 2019 aus der Europäischen Union austreten. Die Folgen lassen sich nicht berechnen.
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Im April 2016, zwei Monate vor dem Referendum, bei dem 51,9 Prozent der britischen Bürgerinnen und Bürger für einen Austritt aus der EU stimmten, publizierte das britische Finanzministerium einen Bericht über die langfristigen finanziellen Folgen eines »Brexit«. Der damalige Schatzkanzler George Osborne fasste die Ergebnisse zusammen: 4300 Pfund würde jeder Haushalt pro Jahr bei einem Austritt weniger haben. Zur Untermauerung seiner Aussage verwies er auf die mathematische Analyse seines Ministeriums und diese Formel aus dem Bericht:

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Brexit-Formel

Auf den ersten Blick sieht sie absolut unverständlich aus. Es handelt sich dabei um ein so genanntes Gravitationsmodell der Ökonomie, das nichts mit dem physikalischen Begriff der Gravitation zu tun hat, sondern Handelsströme zwischen zwei Ländern beschreibt. Die Formel stammt aus einer Arbeit der Wirtschaftswissenschaftler Keith Head und Thierry Mayer aus dem Jahr 2013; ökonomische Gravitationsmodelle gibt es aber schon seit 1962.

Der Handelsstrom zwischen zwei Ländern – bezeichnet mit den Indizes i und j – zum Zeitpunkt t ist in der Gleichung mit Tijt beschrieben und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum Beispiel den Bruttoinlandsprodukten der beiden Länder (Y), der jeweiligen Bevölkerung (POP), der Distanz zwischen den Ländern (DIST), dem Vorhandensein einer gemeinsamen Sprache (COMLANG) oder einer gemeinsamen Grenzen (BORDER) und – speziell für Großbritannien interessant – der Frage, ob es sich um eine ehemalige Kolonie handelt oder nicht (COLONY). Dazu kommen noch ein paar technische Variablen – aber man muss die Gleichung auch nicht im Detail verstehen, um zu erkennen, dass sie mathematisch nicht sehr komplex ist.

Das Problem an dieser ökonomischen Gleichung ist nicht so sehr die Mathematik, sondern die Frage, ob die Formel die Realität ausreichend gut beschreibt und vor allem welche Werte man einsetzen soll. Für die konkrete Berechnung standen den Experten des Finanzministeriums nur historische Daten über bestehende oder vergangene Handelsbeziehungen und Schätzungen zur Verfügung. Die daraus abgeleiteten Ergebnisse können also zwangsläufig nicht exakt sein.

George Osborne bekam für seine düstere Prognose zu den finanziellen Folgen des Brexits wenig überraschend viel Kritik. Vor allem in den Medien bezog sie sich allerdings nicht auf die Probleme der Modellierung von Handelsströmungen, sondern auf die Existenz der Mathematik selbst. »Keiner weiß, was zum Teufel er sagt«, schrieb etwa der »Mirror«. Im »Express« lautete die Schlagzeile: »Unsinn! George Osbornes Brexit-Formel ergibt nur Kauderwelsch.« Der Abgeordnete John Redwood (so wie Osborne von den Tories) sagte gegenüber den Medien, dass selbstverständlich alle durch einen Brexit gewinnen würde, es aber »sehr schwer wäre, das präzise zu beziffern«.

Es ist leicht, sich über Mathematik und ihre kompliziert wirkende Sprache lustig zu machen. Besonders dann, wenn sie versucht, etwas zu beschreiben, was zu komplex für ein exaktes Modell ist. Allerdings rechtfertigt es nicht das, was die meisten Medien und die Befürworter des Brexits getan haben: die Formeln selbst ins Lächerliche zu ziehen. Selbst wenn keine exakten Angaben über die finanziellen Auswirkungen eines Brexits gemacht werden können, kann eine mathematische Analyse zumindest eine grobe Richtung und Handlungshinweise geben.

In einer Welt, in der Expertenwissen nicht nur immer weniger gehört, sondern oft auch aktiv abgelehnt wird, muss man den Versuch von Osborne zumindest anerkennen. Wieso seine Partei aber trotz des Wissens um die negativen Folgen des Brexits den Ausstieg überhaupt vorgeschlagen hat, bleibt wohl ein Rätsel, das auch die Mathematik nicht lösen kann.

09/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 09/2019

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