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Angemerkt!: Deutschland, einig Panikland?!

Die Einschläge rücken näher: Rügen, Schleswig-Holstein, Bodensee, Bayern und so weiter: Scheinbar ungebremst breitet sich das Vogelgrippevirus über die Republik aus. Und nichts ist mehr, wie es einmal war - ein Blick auf Deutschland in diesen Tagen.
Daniel LingenhöhlLaden...
Eine tote Katze versetzt Teile der Republik in Aufruhr: Krisenstäbe tagen, Zeitungen schlagzeilen, und Jäger dürfen endlich wieder jagen – erwägt doch Mecklenburg-Vorpommern die Massentötung von streunenden Katzen in Rügens Krisengebieten. Die Bundesregierung steht ebenfalls schnell Gewehr bei Fuß, schließlich will sich kein Politiker nachsagen lassen, er hätte nicht alles zum Schutze der Nation getan. Also: Katzen ins Haus, Hunde an die Leine! Derweil sprießen allerorten Sperrbezirke aus der Erde wie sonst nur die Pilze in feuchtwarmen Herbstmonaten und holzen besorgte Bürger Bäume um, damit ja kein Vogel zu nahe kommt.

Was folgt als Nächstes? Nun, der gerade für die Aufspürung biologischer Kampfmittel konzipierte Kleinpanzer "Fuchs" der Bundeswehr sollte endlich ausrücken, um die verendeten Exemplare seines Namensgebers unter die Lupe zu nehmen. Denn nach einer neuerlichen Verordnung gilt es auch alle verschiedenen Exemplare von Marder, Marderhund, Meister Reineke, Wiesel, Wildschweine und was es sonst noch alles als Raubzeugs oder Aasvertilger gibt, einzusammeln und einer geordneten Untersuchung wie Entsorgung zuzuführen.

In diesem Zusammenhang ist es natürlich ein übles Spiel von Mutter Natur, ausgerechnet jetzt einen harten Winter über das Land zu schicken. Denn Väterchen Frost hat per se die äußerst unangenehme Eigenschaft, Tod und Verderben über die heimische Fauna zu bringen. Ergo sterben jedes Jahr zigtausende Enten, Greife, Mäuse, Füchse, Wildschweine und natürlich auch Schwäne an Entkräftung, Hunger, Krankheit oder schlicht Erfrierung, ohne dass es je Politiker oder gar Journalisten juckte.

Aber was bringt die Zukunft? Da der Einsatz unserer Jungs von der Bundeswehr auf Rügen so segensreiche Wirkung beim Einsammeln verwesender Vögel gezeitigt hatte, könnte Bundesinnenminister Schäuble endlich den von ihm gewünschten Einsatz der Soldaten bei der Fußballweltmeisterschaft quasi durch die Hintertür einführen. Schließlich droht nun nicht nur Gefahr durch im Karikaturenstreit fanatisierte Al-Qaida-Kombattanten, sondern eine noch viel heimtückischere Nemesis aus der Luft.

Kann sich noch jemand an Sepp Maiers legendäre Vogeljagd im Olympiastadion zu München erinnern, als er einer verirrten Stockente habhaft zu werden versuchte? Nicht auszudenken, wenn sich dieses Jahr im Juni neuerlich Wassergeflügel derart in der Lokalität irren und statt im Wannsee im Strafraum des Berliner Olympiastadions landen sollte. Müsste Olli Kahn in Quarantäne? Was passiert dann mit den WM-Maskottchen Goleo (große Katze) oder dem leider zu Unrecht noch völlig unbekannten Maskottchen der Nationalelf Paule (Adler)? Werden auch sie dann vorsorglich gekeult, was bei Goleo zumindest der ein oder andere befürworten dürfte?

Um es gar nicht so weit kommen zu lassen, muss die Bundeswehr folglich an den Grenzen und rund um die Stadien präventiv Flugabwehrgeschütze stationieren. Sobald dann ein bedauernswerter Piepmatz seinen Hals aus dem Gebüsch reckt, bekäme das Bonmot "mit Kanonen auf Spatzen schießen" eine völlig neue Bedeutung.

Doch zurück zu Muschi, Miezi und Co: Der behördlich verordnete Hausarrest für Katzen erregt Tierschützer, macht Heimtierbesitzer nervös und Tierheime voller: Schon kursieren im Internet ganze Foren, ob man die geliebte Minka nun vegan oder zumindest vegetarisch ernähren sollte. Und wie sich ein Glöckchen um den Hals des Stubentigers auf den Fluchtinstinkt womöglich infizierter Vögel oder das Nervenkostüm der Mieze auswirkt.

Der Präsident des Bundesverbandes der Tierärzte, Hans-Joachim Götz, mahnt bereits einen Impfcheck der Katze beim Tierarzt an. Nachtigall, ich hör dir trapsen? Und im letzten November warnte Erika Fink, Kammerpräsidentin der hessischen Apotheker, dass es beim Ausbruch einer Grippewelle zu Eskalationen kommen könne: Apothekeneinbrüche, eingeschlagene Schaufensterscheiben, gestürmte Apotheken oder bewaffnete Raubüberfälle auf Apotheken. O-Ton: "Man sollte zwar den Teufel nicht an die Wand malen, es werde aber mit allem gerechnet."

Ganz andere – nein, besser gesagt gar keine – Gedanken machen sich hingegen jene Tierliebhaber, die ihren Wellensittich oder Kanarienvogel zum offenen Fenster hinaus entsorgen. Und das, obwohl diese als zwangsimmatrikulierte Stubenhocker ganz sicherlich nie Kontakt zu Viren tragenden Schwänen hatten. Dafür trifft sie der plötzliche Kältetod umso härter, und sie landen als Fund auf den Tischen der Veterinärämter, die unter der Flut tot eingehender Amseln, Drosseln, Finken und Staren das Lied von den Vögeln, die bald alle da sein werden, wohl für bare Münze nehmen dürften.

Um hier nicht letztlich als Zyniker vorverurteilt zu werden, zwei Sätze, welche die wissenschaftlichen Fakten zur Vogelgrippe zusammenfassen: Ja, H5N1 ist ein gefährlicher Erreger, der beobachtet werden muss, und, ja, H5N1 könnte (!) derart mutieren, dass er zu einem leicht übertragbaren Grippevirus auch (!) für Menschen wird. Bislang ist die Vogel(!)grippe jedoch eine reine Tierseuche, die nur unter extremen Bedingungen auf den Menschen überspringt.

Zum Schluss dann doch noch eine gute Nachricht: Laut einer Umfrage des Magazins Stern fühlen sich zwei Drittel der Deutschen gegenwärtig nicht von der Vogelgrippe bedroht. Das wäre doch mal wirklich eine Schlagzeile wert.
04.03.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 04.03.2006

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