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Warkus' Welt: Die Grenzen des Bewusstseins

Die Frage nach dem Bewusstsein treibt zahlreiche Philosophen um. Im Alltag ist Bewusstsein jedoch kein Zustand, den wir einfach so haben, sondern vielmehr eine Zuschreibung, die wir im Nachhinein selbst anfertigen.
Puzzle im Kopf

Wissen Sie immer genau, was Sie tun? Nicht in dem Sinn, dass Sie sich ganz sicher darüber sind, was am Ende dabei herauskommen wird, sondern ganz wörtlich: Wissen Sie immer, womit Sie gerade beschäftigt sind?

Wahrscheinlich würden Sie diese Frage bejahen. Wer wach und bei vollem Bewusstsein ist, der weiß doch, was er tut. Wenn ich Sie in verschiedenen Alltagssituationen fragen würde: »Was tun Sie gerade?«, würden Sie mir antworten: »Ich koche«, »Ich fahre Auto«, »Ich lese meine E-Mails«.

Die genaueren Details Ihres Tuns wären allerdings je nach Tätigkeit vermutlich schon schwieriger herauszubringen. Wenn Sie zum Beispiel mit einem Auto mit Schaltgetriebe und Handbremse an einem Berg anfahren, koordinieren Sie verschiedene Bewegungen und Beobachtungen, die Sie möglicherweise gar nicht auf Anhieb korrekt beschreiben könnten. (Ich muss eben selbst ein wenig darüber nachdenken.) Ähnlich automatisiert gehen viele andere Aktivitäten vonstatten, wenn wir darin Übung haben – etwa ein Musikinstrument spielen, einen Fußball dribbeln und abspielen, Walzer tanzen oder ein Hemd bügeln. Aber auch ganz simple Handlungen geschehen manchmal mehr oder minder unbewusst. Zum Beispiel dann, wenn wir einen Gegenstand ablegen oder wegräumen, um eine Hand oder eine Fläche freizubekommen, und ihn dann hinterher nicht mehr wiederfinden, weil wir dieses Wegräumen vollzogen haben, ohne groß darauf zu achten.

Auch körperliche Zustände können wir bisweilen ins Unterbewusstsein verdrängen. Stellen Sie sich vor, Sie liegen mit schlimmen Kopfschmerzen auf dem Sofa und erhalten plötzlich einen Anruf: Ihr Partner sitzt bei irgendeiner Behörde und braucht ganz plötzlich ein paar Angaben aus dem letzten Steuerbescheid, den er natürlich vergessen hat mitzunehmen. Eilig sausen Sie los, wühlen sich durch einen Berg unsortierter Dokumente, finden nach ein paar Minuten den Bescheid und geben die Angaben durch. Hinterher legen Sie sich wieder auf die Couch und pflegen weiter Ihre Kopfschmerzen, die natürlich die ganze Zeit über da waren. Aber haben Sie sie auch wirklich bewusst empfunden, als Sie von Adrenalin und Ärger getrieben durch die Wohnung gewirbelt sind?

Bewusstsein ist eine abstrakte Konstruktion

Das, was wir gemeinhin »Bewusstsein« nennen, und von dem wir gerne so reden, als wäre es stets bei allem dabei, was wir im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte absichtlich tun, ist eine ziemlich abstrakte Konstruktion. Das wird bereits deutlich, wenn wir darüber nachdenken, wie bewusst wir unseren Schlüssel neulich verlegt haben oder wie bewusst uns unsere Kopfschmerzen waren, während wir wie im oben beschriebenen Beispiel den Steuerbescheid suchten – von Halluzinationen und Drogenrausch ganz zu schweigen. Trotzdem können wir natürlich für unsere Handlungen verantwortlich gemacht werden. Wer eine rote Ampel überfährt und danach gar nicht genau sagen kann, wie das passiert ist, hat dennoch eine Ordnungswidrigkeit begangen.

Auf der anderen Seite gibt es Tätigkeiten, die wir bewusst ausüben (in dem Sinn, dass wir dabei ganz genau wissen, was wir gerade tun), für die uns aber niemand verantwortlich macht – etwa ein heftiges Niesen oder ein schmerzhaftes Stolpern über ein unerwartetes Hindernis. Dabei gibt es allerdings wieder verschiedene Schattierungen von Verantwortlichkeit: Wer niest, das Lenkrad verreißt und deswegen einen Autounfall verursacht, muss die Folgen zwar tragen, aber immerhin zahlt die Versicherung (was sie bei einem absichtlichen Unfall natürlich nicht täte). In jedem Fall ist die Verantwortung für das eigene Tun etwas, worüber man nicht vollständig allein entscheiden kann. Andere Menschen und externe Maßstäbe spielen dabei immer eine Rolle.

Ob etwas »bewusst« oder unbewusst ist, zeigt sich ebenso wie, ob etwas absichtlich oder unabsichtlich ist: nämlich hinterher, und indem wir Maßstäbe, die wir aus dem Zusammenleben mit anderen kennen, anwenden

Und so zeigt sich, ob etwas »bewusst« oder unbewusst ist, ebenso wie, ob etwas absichtlich oder unabsichtlich ist: nämlich hinterher, und indem wir Maßstäbe, die wir aus dem Zusammenleben mit anderen kennen, anwenden. Wenn Sie am Tag nach den schlimmen Kopfschmerzen sagen: »Ich hatte gestern den ganzen Tag schlimme Kopfschmerzen«, dann ziehen Sie Schlussfolgerungen aus dem, was Sie diesen Tag über empfunden und erlebt haben, und Sie beschreiben Ihren Tag in einer Weise, von der Sie wissen, dass sie verstanden wird. Aber Sie sagen damit nicht, dass Sie jeden Moment damit verbracht haben, »bewusst« Ihre Kopfschmerzen zu erleben. Unser Bewusstsein und unsere Absichten sind keine Zustände, die wir einfach so haben, sondern letztlich das Produkt von Beschreibungen, die wir von uns selbst anfertigen – von Geschichten, die wir von uns selbst erzählen.

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