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Angemerkt!: Die große Show

Tanja KrämerLaden...
Wenn die 37-jährige Lisa am Freitagabend um halb neun vor die Kameras des niederländischen Jugendsenders BNN treten wird, werden Millionen Menschen sie von ihren Fernsehern aus verfolgen. Denn die todkranke Frau will etwas Kostbares verschenken: eine ihrer Nieren. Drei potenzielle Empfänger werden ihr gegenübersitzen – junge Menschen zwischen 18 und 40 Jahren, die seit Jahren auf ein Spenderorgan warten. Mit Hilfe ihrer Freunde und Familien sollen sie Lisa während der Show dazu bewegen, ihnen das Organ zu vermachen. Per SMS können die Zuschauer der Kranken raten, welchen Kandidaten sie wählen soll. Nur einer wird am Ende den Zuschlag erhalten.

Die geplante Show schlägt bereits im Vorfeld erhebliche Wellen. Konservative Politiker, Ärzte und Verbände sind empört. Verschiedene Minister bezeichneten den Fernseh-Event als "geschmacklos und unethisch". Am Dienstag versuchte der Christdemokrat Joop Atsma gar, die Ausstrahlung der Sendung zu verhindern. Doch der Kulturminister Ronald Plasterk erklärte eine solche Einmischung als unzulässig – die Pressefreiheit erlaube auch provokante Formate. Auch in den Medien und in zahlreichen Internetforen sind inzwischen heiße Diskussionen entbrannt. Die einen äußern ihre Abscheu und ihr Entsetzen angesichts der Spender-Show zur besten Sendezeit. Andere hingegen loben die Macher für ihren Mut, auf ungewohntem Wege auf die Spenderproblematik hinzuweisen.

Die Macher der "großen Spendershow" zumindest waschen ihre Hände in Unschuld. Auch er selbst fände das Format geschmacklos, gab BNN-Chef Laurens Drillich der Presse zu Protokoll. Doch um die Menschen auf den katastrophalen Mangel an Spenderorganen aufmerksam zu machen, sei jedes Mittel recht. Den guten Willen könnte man dem Sender möglicherweise wirklich glauben: Der Gründer von BNN, der seit seiner Kindheit an einer Nierenkrankheit litt, starb vor fünf Jahren, ohne jemals eine Spenderniere erhalten zu haben. Wie er warten in Europa aktuell 40 000 Menschen auf eine Organspende. Auch in Deutschland sterben täglich drei Menschen, weil für sie kein Spenderorgan gefunden werden konnte.

Den Vorwurf, mit dem Leben der drei Kandidaten zu spielen und zwei von ihnen praktisch dem Tode zu verantworten, kann der BNN-Chef nicht nachvollziehen: Die Chance für die drei Showteilnehmer liege mit 33 Prozent ungleich höher als bei jeder Warteliste, rechtfertigt Drillich seine Fernsehsendung, die von den "Big-Brother"-Produzenten Endemol entwickelt wurde. Damit der Gewinner letztlich überhaupt in den Genuss der neuen Niere kommen kann, will sich die todkranke Lisa, die an einem Gehirntumor leidet, noch zu Lebzeiten unters Messer legen. Nach ihrem Tode könnte sie nicht mehr bestimmen, was mit ihren Organen geschehen soll.

In Deutschland wäre das Format indes nicht legal. Um Missbrauch zu vermeiden, werden hierzulande auch Lebendspenden streng kontrolliert: Die Organe gehen laut Transplantationsgesetz nur an "Verwandte ersten oder zweiten Grades, Ehegatten, Lebenspartner, Verlobte oder andere Personen, die dem Spender in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahestehen". Doch der Spendermangel ist in Deutschland und den Niederlanden gleichermaßen dramatisch. In beiden Ländern verfährt man nach der erweiterten Zustimmungsregel, die für eine Organentnahme die explizite Zustimmung des Spenders oder seiner Angehörigen fordert. Und in beiden Ländern sind diese Zustimmungen viel zu selten.

Die Probleme also drängen. Doch wie die "große Spendershow" auf die hinweisen will, ist in der Tat geschmacklos. Sie instrumentalisiert die verzweifelte Hoffnung todkranker Menschen, die vor einer voyeuristischen Fernsehgemeinde ihr Innerstes nach außen kehren werden, um so vielleicht ihr Leben zu retten. Viel bedrückender hingegen ist, dass anscheinend erst ein solches Format in der Lage ist, eine flächendeckende Berichterstattung über den Mangel an Spenderorganen ins Rollen zu bringen. Auf allen Fernsehsendern, in allen Radioshows und Zeitungen wird darüber berichtet – stets gespickt mit Daten und Fakten zur ebenfalls angespannten Lage in Deutschland oder anderen Europäischen Ländern. Auch die EU sieht sich nun erneut veranlasst, die Idee eines europäischen Organspendeausweises mit frischem Elan voranzubringen.

Als im vergangenen April der Nationale Ethikrat mit neuen Vorschlägen zum Organmangel in Deutschland Stellung nahm, war die Medienresonanz – nun, eher verhalten. Ein ausgefeiltes und überdachtes Informationspapier kann mit einer emotional aufgeladenen und provokanten Fernsehshow anscheinend nicht mithalten. Emotion verkauft sich besser. Auch Drillich gab gegenüber der tageszeitung an, er habe über eine Dokumentation oder ein Diskussionsforum zum Thema Spendermangel nachgedacht: "Aber dann kannst du sicher sein, dass kein Schwein guckt." In unserer bunten Medienwelt bekommt eben nur Sendezeit, wer laut genug schreit – oder entsprechend provoziert.

Bevor sich nun also die Medien in langen Artikeln darüber hermachen, wie verwerflich die niederländische Spendershow doch sei, sollten sie einmal darüber sinnieren, nach welchen Kriterien sie eigentlich ihre Themen auswählen. Und die entsetzten Leser oder Zuschauer sollten sich fragen, warum erst eine geschmacklose Fernsehshow ihr Interesse an einem Thema zu wecken vermag, dass sie genauso existentiell zu treffen vermag wie die drei Kandidaten, die in ihrer Not ihr Leben bald Millionen von Fernsehzuschauern offenbaren werden. Man wird sehen, ob der Voyeurismus ein besserer Motivator ist, sich mit einem Spenderausweis zu versorgen, als es die Ermahnungen waren.
01.06.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 01.06.2007

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