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Springers Einwürfe: Die gute alte Zukunft

Wie genau sahen frühere Prognosen die Gegenwart voraus? Eine Vorhersage von einst kann für heutige Zukunftsentwürfe lehrreich sein.
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Irgendein Witzbold – gehandelt werden unter anderem Mark Twain und Karl Valentin – hat den weisen Satz geprägt: »Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.« Sir Karl Popper drückte dasselbe seriöser aus: Die Zukunft wird zuvörderst von technischem Wandel geprägt – aber das Wesen künftiger Entdeckungen besteht nun einmal darin, heute nicht bekannt zu sein.

Wen wundert’s also, dass sich Propheten umso eher blamieren, je präziser sie sich ausdrücken. Zukunftsforscher Robert Jungk prognostizierte 1952 die industrielle Beherrschung der Kernfusion für spätestens 1970, doch die Menschheit wartet schon ein halbes Jahrhundert länger auf die energetische schwarze Null bei Tokamak und Stellarator. Und ob bald Scharen von in Deutschland fabrizierten Flugtaxis durch Bayerns Lüfte schwirren werden, wie Digitalisierungs-Staatsministerin Dorothee Bär kühn verspricht, darf man mit gesunder Skepsis abwarten.

So griff ich ohne große Erwartung nach einem knapp 40 Jahre alten Bestseller, um nachzusehen, wie sich Prognosen von damals bewährt haben. In »The Third Wave« (auf Deutsch 1980 als »Die Zukunftschance« erschienen) unterschied der US-Futurologe Alvin Toffler drei Innovationsschübe. Die erste Welle begann mit der neolithischen Revolution, also dem Übergang vom Nomadentum zur Züchtung von Nutztieren und Ackerpflanzen; die zweite bildete die Industrialisierung. Gegenwärtig, so Toffler, stehen wir am Anfang einer dritten Welle, die von digitaler Informationsverarbeitung geprägt ist.

So weit, so gut, weil allgemein. Doch zu meinem Erstaunen bestehen auch manche Einzelprognosen den Gegenwartstest. Dem Visionär kam wohl zugute, dass er in seinen linken Anfängen praktische Fabrikerfahrung am Fließband gesammelt hatte, während er später libertäre, staatsferne Ansichten vertrat. Die resultierende systemneutrale Haltung erklärt die große Wirkung, die Tofflers Schriften in China im Lauf der Liberalisierung unter Deng Xiaoping ausübten.

Einige Technologien, die Toffler für Komponenten der dritten Welle hielt, sind zwar Utopien geblieben – etwa die Bewirtschaftung des Weltraums oder der Tiefsee –, doch erkannte der seinerzeit manchmal als »grüner Techno-Rebell« belächelte Prophet, dass die Menschheit sich letztlich von der Kernenergie ab- und der Solartechnik zuwenden würde.

Genau sah Toffler die Individualisierung der Massenmedien und der Informationstechnik voraus: neben landesweit sendenden Fernsehanstalten ein Fleckenteppich spartenweise differenzierter Kabelprogramme; nicht mehr nur große IBM-Zentralrechner, sondern private Heimcomputer für jedermann.

Was der Visionär bloß ansatzweise ahnte, war der entscheidende nächste Schritt, die elektronische Vernetzung. Aus den passiven Empfängern der alten Medien macht sie aktive Sender, die im weltweiten Netz Texte, Bilder, selbst gemachte Filme und Musikstücke tauschen. Als habitueller Optimist erblickte der 2016 verstorbene Toffler in alldem glorreiche Möglichkeiten für eine restlos individualisierte Gesellschaft von glücklichen Heimarbeitern.

Was sagt uns das? Prognosen können durchaus Treffer landen, versagen aber vor den sozialen Veränderungen, die mit »disruptiven« Technologien einhergehen. Was werden immer potentere Genmanipulationstechniken aus uns machen? Wie wird unser künftiges Zusammenleben mit intelligenten Maschinen aussehen? Und was wird das Internet mit uns anstellen? Vereint es uns zum globalen Dorf, oder spaltet es uns in lauter Hassblasen? Unsere Gegenwart kommt mir viel unberechenbarer vor als Tofflers gute alte Zukunft – und von heute 40 Jahre nach vorn zu schauen, erscheint mir als glatte Unmöglichkeit.

November 2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft November 2019

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