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Mäders Moralfragen: Die Kernfusion als Lebensversicherung

Brauchen wir eine zusätzliche Energiequelle als Plan B, falls es mit der Energiewende nicht richtig klappt? Viele sehen das als überflüssig an, doch sie könnten sich verrechnen.
Ein wichtiger Schritt hin zu einem Fusionskraftwerk ist der Kernfusionsreaktor ITER in Frankreich. Der auf dem Tokamak-Prinzip beruhende Forschungsreaktor soll erstmals 2027 ein Wasserstoffplasma erzeugen.Laden...

Wann haben Sie zuletzt etwas über die Kernfusion gelesen? Vielleicht im März 2018, als das MIT und die Firma Commonwealth Fusion Systems angekündigt haben, in 15 Jahren einen kleinen Fusionsreaktor zu bauen. Dann haben Sie sich vermutlich gefragt, ob eine kleine Forschungskooperation schaffen kann, woran sich die ganze Fachgemeinschaft seit Jahrzehnten abmüht. Denn die Entwicklung der Kernfusion ist ein langwieriges Geschäft, das ist bekannt. Wann haben Sie zuletzt vom großen Testreaktor ITER gehört, der seit rund zehn Jahren in Frankreich gebaut wird? Eben. Doch betrachten Sie es mal aus einer anderen Perspektive: Wenn man von Bauprojekten nichts hört, kann das auch bedeuten, dass es vorangeht. So soll es inzwischen bei ITER sein, versichern die Forscher. Im Dezember 2025 soll das erste Plasma zünden.

Damit wird aber längst noch nicht nachgewiesen sein, dass mit der Verschmelzung von Atomkernen wirtschaftlich Energie gewonnen werden kann. Erst zehn Jahre später soll der eigentliche Brennstoff, eine Mischung aus Deuterium und Tritium, eingesetzt werden, und auch damit wird ITER keinen Strom produzieren. Generatoren sind überhaupt nicht vorgesehen – es geht nur darum zu zeigen, dass man aus der Anlage mehr Energie herausholen kann, als man zum Zünden des Plasmas hineinstecken muss. Anschließend muss ein zweiter Reaktor namens DEMO zeigen, dass sich aus dieser Energie auch kontinuierlich Strom erzeugen lässt – dass er ein sauberes Kraftwerk für die Grundlast der Zukunft darstellt.

Hätte, hätte, Fahrradkette

Selbst wenn jetzt alles nach Plan läuft, steht der Kernfusion also noch ein langer Weg bevor. Und währenddessen bemüht sich die Welt – oder zumindest ein Teil von ihr – den Klimawandel zu bremsen: Im Jahr 2017 wurden, wie auch in den Jahren zuvor, mehr als 200 Milliarden US-Dollar in die erneuerbaren Energien investiert. Weil zudem die Energieversorger wenig Interesse an der Kernfusion zeigen, kann man sich also fragen, ob man diese Technologie weiter fördern sollte. ITER dürfte am Ende rund 20 Milliarden Euro gekostet haben, an denen auch Deutschland – über den EU-Haushalt und die Organisation EURATOM – beteiligt ist. Politischer Widerstand kommt von den Grünen im Bundestag und Europaparlament. Sie argumentieren, dass wir mit der Energiewende und der Dekarbonisierung der Wirtschaft nicht auf die Kernfusion warten können. Wir müssen die CO2-Emissionen rasch und drastisch zurückfahren, wenn wir die Ziele des Weltklimavertrags von Paris einhalten wollen.

Man kann entgegnen, dass es derzeit überhaupt nicht so aussieht, als würde die Staatengemeinschaft die Ziele ihres Klimavertrags einhalten. Es ist gut möglich, dass wir in 20 oder 30 Jahren froh sein werden über die zusätzliche Möglichkeit der Kernfusion, um Treibhausgase zu vermeiden. Die Internationale Energieagentur IEA sagt jedenfalls einen deutlichen Anstieg des Strombedarfs voraus. Der werde im Wesentlichen durch erneuerbare Energien abgedeckt, aber Kohle, Öl und Gas würden in den nächsten Jahrzehnten nicht verschwinden. Auf der Plattform »RiffReporter« habe ich in einem fiktionalen Szenario ausgemalt, wie ein kontinuierlich lieferndes Fusionskraftwerk einen wichtigen Strombedarf befriedigen könnte: Man könnte damit eine Rechnerfarm für virtuelle Realität betreiben, wenn die Menschen einmal an VR-Anwendungen so interessiert sein sollten wie im Kinofilm »Ready Player One«. Alternativ hätte ich auch Kryptowährungen oder andere datenintensive Dienstleistungen nennen können. Ich will damit nicht sagen, dass es so kommen wird, sondern nur, dass wir uns mit der Möglichkeit auseinandersetzen sollten.

Gegen die Förderung der Kernfusion spricht eine hypothetische Überlegung: Wir würden mehr für den Klimaschutz tun, wenn wir uns nicht mit der Kernfusion aufhielten, denn die Aussicht auf eine neue Energiequelle könnte unsere Sorgen und damit unsere Motivation verringern. Das Phänomen ist verbreitet und trägt den englischen Namen »moral hazard«, der mit »moralischer Versuchung« übersetzt werden könnte. Ein typischer Fall sind Versicherungen: Man kümmert sich weniger um seine sieben Sachen, wenn man sie im Notfall ersetzt bekommt. So könnte man auch die Kernfusion sehen: eine Versicherung gegen die Folgen unseres derzeitigen Lebens auf großem Fuß.

Et hätt noch emmer joot jejange

Sehen es die Menschen tatsächlich so? Eine Studie der Kommunikationswissenschaftler Adam Corner und Nick Pidgeon legt nahe: Ja, die Gefahr wird gesehen. Manche sehen sie eher bei sich selbst, manche sehen sie eher bei anderen, und manche sehen sie in erster Linie bei Politikern. Die Forscher haben ihre Probanden gefragt, was sie von dem Argument halten, das Climate Engineering senke die Motivation zum Klimaschutz. Als Climate Engineering werden großflächige Eingriffe ins Klimasystem bezeichnet, um die Erde zu kühlen. Sie sind umstritten, wie ich in dieser Kolumne schon erläutert habe, aber vermutlich wirksam. Ihr Effekt auf die Motivation könnte daher mit dem der Kernfusion vergleichbar sein. Auf einer Skala von 1 (überhaupt nicht überzeugend) bis 5 (sehr überzeugend) gaben die Probanden dem Argument des »moral hazard« im Durchschnitt 4 Punkte und der Gegenposition etwas weniger: 3,0 bis 3,5.

Doch mit dem »moral hazard« werden wir leben müssen. Kernfusion und Climate Engineering sind nicht die einzigen Hoffnungen, die unsere Motivation zum Klimaschutz dämpfen könnten. Es gibt sogar die ganz allgemeine Erwartung, dass uns unsere Erfindungsgabe nicht im Stich lassen wird. So formuliert Steven Pinker, dessen Optimismus ich vor einiger Zeit als übertrieben kritisiert habe, zum Beispiel in seinem Buch »Enlightenment Now«: »Während die Menschen reicher werden und besser gebildet, werden sie sich mehr um die Umwelt kümmern. Sie werden Wege finden, sie zu schützen, und eher in der Lage sein, die Kosten auch zu tragen.« Doch gegen den »moral hazard« lässt sich auch etwas ausrichten. Im Weltklimavertrag haben die Vertragsstaaten zum Beispiel vereinbart, dass sie schon jetzt konkrete Versprechen zum Klimaschutz machen und diese künftig alle fünf Jahre verschärfen müssen. So soll zügig Bewegung in die Angelegenheit kommen. Die Kernfusion hat zum Glück bisher kein Staat als Ausrede verwendet.

Die Moral von der Geschichte: Wer alles auf eine Karte setzt, ist voll motiviert, aber lebt gefährlich.

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