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Künstliche Intelligenz: Die maschinelle Superintelligenz ist da – aber was ist sie?

Künstliche allgemeine Intelligenz existiere bereits, schreiben vier Forscher. Sie haben recht, doch sie machen es sich damit zu einfach, kommentiert Lars Fischer.
Eine menschliche Hand und eine Roboterhand berühren sich mit den Fingerspitzen vor einem Hintergrund aus leuchtenden, blauen Lichtkreisen. Die Szene symbolisiert die Verbindung zwischen Mensch und Technologie.
Künstliche allgemeine Intelligenz ist mehr als nur eine schlaue Maschine – sie ist untrennbar mit den Fragen nach dem Wesen des Menschen verbunden.

Vielleicht ist die künstliche Superintelligenz längst da! Aber dafür ist sie womöglich gar nicht so super. Je nachdem, was man damit meint. Dass wir nicht so recht wissen, was Intelligenz überhaupt ist, ist dabei auch nicht hilfreich. In der Science-Fiction ist das jedenfalls irgendwie alles einfacher. Zum Beispiel wäre dort die These, die jetzt vier Wissenschaftler in »Nature« aufstellen, eine Sensation und schlicht das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Demnach nämlich existiert bereits die künstliche allgemeine Intelligenz (artificial general intelligence, AGI): eine Maschine, die dem Menschen an Intelligenz gleichkommt, der heilige Gral der KI-Forschung.

Im Film stünden wir damit unwiderruflich an der Schwelle eines Goldenen Zeitalters. Oder der Versklavung der Menschheit. Oder beidem, je nach Perspektive. Science-Fiction hat uns nicht darauf vorbereitet, dass dieser entscheidende Wendepunkt der Geschichte erst durch mehrere Seiten philosophischer und technischer Erörterung erkennbar wird.

Das nämlich ist der Kern der Veröffentlichung des Philosophen Eddy Keming Chen sowie der Informatiker Mikhail Belkin, Leon Bergen und David Danks. Es sei eine Frage von Definitionen, ob die künstliche allgemeine Intelligenz bereits existiere, schreiben sie, und dass die Argumente dagegen von unrealistischen Vorstellungen geprägt seien.

Intelligenz ist nicht Superintelligenz

Dass eine Maschine alle möglichen Fähigkeiten gleichzeitig hat oder in allen Fächern Experte und dem Menschen weit überlegen sein muss, sehen die Autoren zum Beispiel nicht als Kriterium. Intelligenz als solche, schreiben sie völlig zu Recht, erfordere das nicht – schließlich betrachten wir auch Menschen als universell intelligent, ohne derartige Maßstäbe anzulegen. Die Forscher verweisen auf eine Reihe von bisher nur für Menschen erfüllbaren Aufgaben und Funktionen, die KI inzwischen ebenfalls meistert.

Insofern ist die Argumentation schlüssig. Vergleicht man die Leistungen heutiger KI mit den Maßstäben, an denen wir normalerweise menschliche Intelligenz messen, kann man zweifellos sagen, dass technische Gegenstücke dazu heute schon existieren. Interessant wird es allerdings danach.

Den vier Fachleuten ist anscheinend klar, dass das für eine künstliche allgemeine Intelligenz, wie man sie gemeinhin versteht, nicht ausreicht. Im Rest ihrer Veröffentlichung befassen sie sich nämlich mit den darüber hinausgehenden Einwänden gegen die Existenz der AGI.

Dieser Teil ist weit weniger überzeugend, aber umso interessanter. Hier geht es nicht mehr darum, was ein intelligentes Subjekt tut, sondern was es ist. So zum Beispiel die Frage, ob ein rein statistischer Algorithmus – der einem Sprachmodell zum Beispiel zugrunde liegt – als solcher überhaupt intelligent sein kann.

Das Wesen der intelligenten Maschine

Die Forscher sagen »Ja« und verweisen auf Leistungen von LLMs, die über reine statistische Sprachverarbeitung hinauszugehen scheinen, und versteigen sich auf Basis dünner Analogien zu der These, dass Sprachmodelle »funktionale Modelle physikalischer Prinzipien« enthielten. Und schließlich könne man ja nicht ausschließen, dass Menschen auch nur bessere statistische Algorithmen seien. Später, wenn es um die Bedeutung des Körpers geht, schreiben sie sinngemäß, Behinderte könnten sich auch nicht voll bewegen, seien deswegen aber nicht weniger intelligent. Das ist nicht der Punkt.

Derart platt geht es weiter. Man hätte den Autoren besser empfohlen, sich auf die rein funktionale Definition zu beschränken. Allerdings geht es hier um die entscheidenden Aspekte, die immer und immer wieder in Diskussionen rund um künstliche allgemeine Intelligenz eine Rolle spielen. Da geht es um das Selbst und Autonomie, eine Vorstellung von der Welt und dem eigenen Platz darin. Vom Bewusstsein ganz zu schweigen. Eine maschinelle AGI wird immer auch die Frage nach dem Wesen des Menschen und seiner Intelligenz aufwerfen – schon deswegen, weil wir unsere eigene Intelligenz nicht verstehen.

Und damit kommt man eben auch, bei allen beeindruckenden Leistungen der KI, um die Frage nach dem Wesen der intelligenten Maschine nicht herum. In Science-Fiction treten künstliche Intelligenzen oft erkennbar als Person auf – und womöglich ist das auch das zentrale Kriterium, das ein noch so fähiges Werkzeug in unserer menschlichen Wahrnehmung von einem intelligenten Wesen trennt. Eine echte künstliche allgemeine Intelligenz wäre demnach ein Individuum, mit einem Selbst und einem Bewusstsein. Eigenschaften, die wir bis heute nicht einmal beim Menschen verstehen, geschweige denn nachweisen können.

Es wäre eine echte Ironie der Geschichte, wenn auch die lang vorhergesagte künstliche allgemeine Intelligenz nicht etwa eine sich nun maschinengottgleich ins Übermenschliche entwickelnde Entität wäre, sondern ihre bloße Existenz Gegenstand von komplexen technischen und philosophischen Argumenten bliebe. Ganz wie es der Mensch schon immer ist. Ich fände das außerordentlich passend.

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