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Lobes Digitalfabrik: Die Offline-Community

Das Internet half die Folgen der Corona-Krise abzufedern. Doch noch immer ist fast die Hälfte der Menschheit ohne Internetanschluss.
Altes Internetcafé in Südafrika

Als im März der Lockdown verhängt wurde, wurde das Internet zur Ersatzstadt: Arztbesuche, Unterricht, sogar Konferenzen wurden per Videochat durchgeführt. So konnten die laufenden Geschäfte trotz Kontaktverboten und Ausgangssperren aufrechterhalten werden. Gäbe es das Internet nicht – die Krise wäre vermutlich noch viel heftiger ausgefallen. Das World Wide Web hat der Weltwirtschaft Milliarden, wenn nicht sogar Billionen Euro gerettet. Doch nach Angaben der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) sind noch immer weltweit 3,6 Milliarden Menschen ohne Internetanschluss.

Für diese Offline-Community war die Corona-Krise eine extreme Belastung: Die Menschen im ländlichen Indien oder in den abgelegenen Dörfern Subsahara-Afrikas konnten nicht einfach ins Homeoffice und von dort aus ihre Arbeit erledigen, mit ihren Verwandten skypen oder abends Netflix-Serien schauen. Ebenso wenig konnten die Kinder einfach das Tablet einschalten und den Onlineunterricht verfolgen (sofern sie überhaupt zur Schule gehen können). Die Menschen waren komplett isoliert.

Während in westlichen Industrienationen über Highspeed-Internet diskutiert wird und sich ermattete Manager in Digital-Detox-Camps erholen, können Menschen in Entwicklungsländern nicht mal eine E-Mail von zu Hause aus verschicken. Der digitale Graben war während des Lockdowns sichtbarer denn je.

Der Grund, weshalb noch immer Milliarden Menschen vom elektronischen Dorf abgekoppelt sind, liegt vor allem in der fehlenden technischen Infrastruktur. In Küstenregionen wie etwa Ägypten oder Madagaskar, wo die Seekabel anlanden, ist die Versorgung mit schnellem Internet ein geringeres Problem als in Staaten mit kontinentaler Lage wie etwa Tschad oder Uganda, wo die Internetverbindung über terrestrische Kabel hergestellt werden muss (auf Madagaskar war die Internetgeschwindigkeit zeitweise schneller als in Kanada und Frankreich).

Facebooks »Basisinternet« in Indien verstieß gegen die Netzneutralität

Die Telekommunikationsanbieter haben vor allem ein Interesse daran, Ballungsräume, wo viele Menschen wohnen und viel Geld zu verdienen ist, mit schnellem Internet zu versorgen. Ein Breitbandkabel in ein Wüstendorf mit ein paar Bewohnern zu verlegen, rentiert sich nicht. Zwar gibt es die Möglichkeit, das Internet über Satelliten beziehungsweise Funkmasten zu übertragen, doch ist dieser Übertragungsweg teuer. Die Kosten für Satelliteninternet betrugen zeitweise 6000 Dollar im Monat selbst für langsame Verbindungen. Das kann sich in Subsahara-Afrika kaum jemand leisten. Die Broadband Commission for Sustainable Development, eine Unterbehörde der Vereinten Nationen, schätzt, dass bis 2030 Investitionen von 100 Milliarden Dollar notwendig sind, um für 1,1 Milliarden Afrikaner einen Internetanschluss bereitzustellen.

Die Regierungen haben die fehlende Konnektivität schon längst als entwicklungspolitisches Problem identifiziert. Bis zum Jahr 2025 sollen alle Menschen an das Internet angeschlossen sein – das haben die führenden Industrie- und Schwellenländer beim G20-Gipfel 2017 in Hamburg beschlossen. Trotzdem verlassen sich die Industrienationen bislang vor allem auf die Unterstützung der Privatwirtschaft. So verlegt Facebook derzeit im Rahmen des Projekts »2Africa« in Kooperation mit Kommunikationsanbietern wie China Mobile, Orange und Vodafone ein Glasfaserkabel um Afrika. Das 37 000 Kilometer lange Seekabel soll an 21 Küstenpunkten anlanden und insgesamt 16 Länder mit Highspeed-Internet versorgen. Bis 2024 soll das Projekt realisiert sein. Kostenpunkt: eine Milliarde Dollar.

Die Offline-Community ist für Tech- und Telekommunikationskonzerne eine riesige Marktlücke. Denn mit jedem Nutzer, der einen Internetanschluss bekommt, erwächst ihnen ein neuer potenzieller Kunde. Facebook, dessen Gründer Mark Zuckerberg die Vision einer »globalen Community« verfolgt, setzt alles daran, die Menschheit zu vernetzen. So hat der Konzern einen Roboter entwickelt, der entlang von Hochspannungsleitungen ein spezielles Glasfaserkabel verlegt und so die bestehende Infrastruktur für den Netzausbau nutzt. In Ländern wie Indonesien, Kenia und Nigeria hat Facebook in Kooperation mit lokalen Telekommunikationsanbietern »Express Wifi-Spots« installiert, um kleinen Unternehmen schnellen Internetzugang zu gewähren.

Der Konzern musste bei seinen Expansionsbestrebungen jedoch immer wieder Rückschläge hinnehmen. 2015 verlangte die indische Regulierungsbehörde vom Provider Reliance Communications, Facebooks Dienst »Free Basics« einzustellen. Die Behörde sah darin einen Verstoß gegen das Prinzip der Netzneutralität. Über die Seite Internet.org hatten Nutzer einen beschränkten Zugriff auf das Netzangebot und konnten neben Facebook lediglich ein paar Seiten wie Wikipedia, Wetterberichte sowie regionale News abrufen. 2018 musste Facebook sein Drohnenprojekt »Aquila« wegen technischer Probleme einstellen.

Konkurrent Google forciert derweil sein »Project Loon«, bei dem Ballons aus der Stratosphäre entlegene Regionen mit schnellem Internet versorgen sollen. Die mit Helium gefüllten Ballons, die in einer Höhe von 15 und 21 Kilometern schweben und computergesteuert navigieren, beamen das Internet in Gebiete mit einem Durchmesser von 40 Kilometern. In Kenia hat Google vor einigen Wochen 40 Ballons in die Höhe steigen lassen, die zusammen ein 50 000 Quadratkilometer großes Kommunikationsnetz bilden. Als der Hurrikan Maria 2017 die Funkmasten auf Puerto Rico wegfegte, fungierten die Internetballons bereits als schwebende Kommunikationsrelais. Auch in Indonesien sollen demnächst Ballons Signale an den Boden funken.

Kritiker monieren allerdings, dass das Projekt nur solche Regionen abdeckt, die ohnehin mit Internet versorgt sind. Zudem sei der Dienst bloß zwischen 6 Uhr morgens und 9 Uhr abends verfügbar, weil die Ballons mit Solarbetrieb laufen. Es bedarf noch einiger Anstrengungen, um die Offline-Community ans Netz zu bringen.

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