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Nobelpreiswoche: Die Physik und ihr Sexismusproblem

Erst beschimpft ein Physiker öffentlich Frauen, und dann taucht auch noch das pikante Video eines Nobelpreisträgers auf. Keine gute Woche für die Physik. Ein Kommentar.
Physikerin (Symbolbild)

Die fähigsten Menschen in meinem Umfeld sind Frauen. Da ist die Kollegin aus Süddeutschland, die treffender und origineller über Technik schreibt, als ich das je könnte. Oder die Wissenschaftsreporterin aus New York, die mit einzigartiger Verve und Fachkenntnis die großen Rätsel der Physik erklärt.

Ich ertappe mich daher manchmal bei dem Gedanken, dass Frauen doch schon längst da sind, wo sie sein sollten: Sie stehen gleichberechtigt neben ihren Kollegen und sind diesen de facto auch manchmal ein Stück voraus. Aber diese Wahrnehmung stimmt leider nicht mit den realen Verhältnissen überein, nicht einmal, wenn es um die vermeintlich von Vernunft geleitete Welt der Grundlagenforschung geht. Dort haben es Frauen nach wie vor oft schwerer als Männer und müssen um Ansehen kämpfen. Das hat nicht zuletzt die vergangene Woche gezeigt.

Ein Video, das man nur sexistisch nennen kann

Am Montag wurde ein Vortrag des italienischen Physikers Alessandro Strumia publik, der auf einem Workshop des Genfer Kernforschungszentrums CERN – vorsichtig formuliert – fragwürdige Thesen über Frauen verbreitet hatte. Und am Dienstagabend tauchte ein Video auf, das den frisch gekürten Physik-Nobelpreisträger Gérard Mourou im Mittelpunkt einer acht Jahre alten Performance zeigt, die man leicht als sexistisch empfinden kann.

Es sind zwei Einzelfälle, die aber auf einen nach wie vor relevanten Missstand hindeuten: Teile der Naturwissenschaften sind eine Männerwelt, in der Frauen regelmäßig Altherrenhumor, geschlechtsbedingter Geringschätzung und Sexismus begegnen. Manchmal legen freilich auch in der Berufswelt etablierte Frauen diese Verhaltensmuster an den Tag: Vor Kurzem enthüllte eine Recherche des Wissenschaftsmagazins »Science«, wie eine angesehene Neurowissenschaftlerin der Max-Planck-Gesellschaft Doktorandinnen schikanierte, nachdem diese schwanger geworden waren.

Glücklicherweise sind die Verhältnisse gerade dabei, sich zu ändern: Fälle wie der von Mourou und Strumia sorgen öffentlich für Empörung, was längst nicht immer so war. Man kann über die Lautstärke und Tonlage dieser Empörung streiten. Aber dass es sie gibt, ist wichtig: Ohne öffentlichen Aufschrei bleiben oft nötige Veränderungen aus, gerade in einem so trägen, hierarchischen System wie der Wissenschaft.

Auch die Entscheidung des Nobelkomitees, dieses Jahr sowohl einen Teil des Physik- als auch des Chemie-Nobelpreises an eine Frau zu vergeben, kann man als Signal deuten: Vorbei sind die Zeiten, in denen das Gremium junge Forscherinnen übergangen und bloß deren Doktorvater ausgezeichnet hat, wie es etwa 1974 bei der Neutronenstern-Entdeckerin Jocelyn Bell Burnell der Fall war.

Empörung ist eine Frage der Empathie

Es gibt allerdings immer noch eine Kluft zwischen den Geschlechtern. Im ersten Augenblick rufen Fälle wie der des italienischen Physikers Strumia oder des Nobelpreisträgers Mourou bei vielen Männern längst nicht so große Empörung hervor, wie das bei Frauen der Fall ist. Erst nach einer Weile wird einem bewusst, dass das vielleicht genau das Problem ist: Für Männer ist Empörung in Sachen Sexismus eine Frage von Empathie. Empathie, die man erst einmal aufbringen muss, was Menschen bekanntermaßen immer wieder schwerfällt.

Männer haben in den seltensten Fällen Sexismus erlebt, die meisten von ihnen wurden noch nie belästigt, begrabscht oder bedrängt, und sie müssen sich auch eher selten Sprüche über ihr Aussehen gefallen lassen. Sie können nur erahnen, wie es sich anfühlt, in einer Berufswelt zu arbeiten, die vielerorts noch immer von männlichen Ritualen dominiert wird. Gleichzeitig haben sie vielleicht beobachtet, dass einige Frauen an ihnen vorbeiziehen, einen Job kriegen, den sie gerne hätten, oder es eine Spur leichter zu haben scheinen als der Durchschnitt.

Entsprechend allergisch reagiert ein Teil der Männerwelt auf Sexismusdebatten. Aber hier vernebelt erneut der subjektive Eindruck die wahre Situation: Es mag einige privilegierte Frauen geben, die von geschlechtsspezifischer Förderung profitieren. Doch es gibt noch mehr privilegierte Männer, die sich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass sie vorankommen. Oft haben es Frauen nach wie vor schwerer als Männer, gerade in der Berufswelt. In jedem Fall kann man von Männern erwarten, dass sie sexistisches Verhalten ahnden und Gleichberechtigung zu etwas Selbstverständlichem machen.

Stagnierende Zahl von Physikerinnen

Die Physik zählt leider zu den Berufsfeldern, die schwerer zu reformieren sein dürften als andere. Traditionell gibt es hier einen erheblichen Männerüberschuss, was sicherlich einen selbstverstärkenden Effekt hat. Zwar sind die Zahlen der Physikstudentinnen in Bachelor- und Masterstudiengängen in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten gestiegen, seit einiger Zeit stagnieren sie aber bei rund 20 Prozent. Als junge Frau muss man noch immer eine große Portion Selbstvertrauen mitbringen, um sich an einer Physikfakultät einzuschreiben und anschließend durchs Studium zu kämpfen.

Die wohl abstrakteste der angewandten Naturwissenschaften zieht hochintelligente, aber zum Teil auch weltfremde Menschen an, die nie so recht gelernt haben, wie man sich in bestimmten sozialen Situationen verhält. Diesen Eindruck kann man zumindest kriegen, wenn man sich an deutschen Physikfakultäten bewegt. Daher müssen sich Frauen in der Physik wohl häufiger als in anderen Berufsfeldern mit frauenfeindlichen Typen wie Strumia herumschlagen – was nicht heißt, dass alle Physiker so sind.

Es ist jedenfalls gut, dass die Sexisten dieser Welt nun öffentlichen Gegenwind erfahren. Gleichwohl darf man nicht aus den Augen verlieren, dass in den vergangenen Jahren ein starker Kulturwandel stattgefunden hat. Viele Männer sehen plötzlich Gewissheiten und Rollenbilder über den Haufen geworfen, mit denen sie aufgewachsen sind. Die Widerstandskräfte, die dieser Bruch freisetzt, sollte man nicht unterschätzen.

Dennoch sollten es künftig nicht nur Frauen sein, die sich gegen Sexismus in Laboren und Hörsälen auflehnen. Sondern auch Männer. Vielleicht weil sie realisieren, dass ihre eigene Wahrnehmung nicht die ganze Wirklichkeit erfasst. Oder weil sie Frauen verachtendes Gehabe für ein Fossil halten, das nicht einmal mehr im Rahmen der altehrwürdigen Nobelpreise ans Tageslicht kommen sollte. Und das erst recht in der heutigen Wissenschaft nichts zu suchen hat.

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