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Seuchen: Kein Ende der Pocken in Sicht

In Form gefriergetrockneter und eingefrorener Proben werden uns die vermeintlich ausgerotteten Pocken noch lange begleiten, kommentiert Lars Fischer.
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Der jüngste Pockenfund in einem US-Labor zeigt wieder einmal: Dass die letzten existierenden Proben des tödlichen Virus sicher unter Kontrolle der Weltgesundheitsorganisation WHO seien, ist eine Illusion. Die Frage ist nicht, ob es irgendwo noch unbekannte Proben der Pocken gibt, sondern wo sie sind und wer sie hat.

Die sechs Probenröhrchen mit dem gefriergetrockneten Virus lagerten in einem alten Lagerraum der US-Lebensmittel- und Medikamentenbehörde FDA. Die hatte das Labor in den 1970er Jahren übernommen, wohl schon damals, ohne von den Pockenproben zu wissen. Die Viren stammen wahrscheinlich aus den 1950er Jahren – einer Zeit, in der nahezu die gesamte Bevölkerung gegen Pocken geimpft war, so dass die Proben praktisch harmlos waren. Eigentlich sollten all diese Proben nach der erfolgreichen Ausrottung der Pocken eingesammelt und entweder vernichtet oder in einem der beiden von der WHO benannten Repositorien in den USA und Russland eingelagert werden.

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Pockenimpfstoff | Die letzten bekannten Proben der Pocken lagern tiefgefroren in zwei Hochsicherheitslaboren in den USA und Russland. Viele der heute lebenden Menschen sind daher nicht mehr gegen das Virus geimpft.

Dass das nicht realistisch war, ist heute klar. Zu viele Labors und Institutionen waren an der Ausrottungskampagne beteiligt, und abgesehen davon war Variola, wie das Virus auf Lateinisch heißt, lange sehr weit verbreitet. Entsprechend sind immer mal wieder vergessene Proben des Virus aufgetaucht, laut dem Autor David Poplow gab es vor 2003 immerhin drei solche Funde. Drei, von denen man weiß.

Die Pocken waren lange weltweit verbreitet, entsprechend können im Prinzip überall vergessene Proben lagern und gegebenenfalls in die falschen Hände geraten. Zum Glück ist fraglich, ob so altes Material überhaupt noch infektiös wäre – selbst wenn Möchtegern-Bioterroristen eine solche verschollene Probe auftreiben, die Viren darin wären 40, 50 oder mehr Jahre alt. Ob die sechs neuen Proben aus den USA noch gefährlich sind, darüber herrscht jedenfalls Uneinigkeit – wenn sie über längere Zeit bei Raumtemperatur lagerten, was als wahrscheinlich gibt, ist das Virus wohl zerfallen.

Eine Diskussion jedenfalls hat sich spätestens mit diesem neuen Fund erledigt: die immer wieder von der WHO diskutierte Frage, ob man die Vorräte des Virus in den beiden WHO-zertifizierten Repositorien von Atlanta und Nowosibirsk vernichten sollte. Der Gedanke hinter diesem Vorschlag ist, die Bedrohung ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Aber so lange man nicht vollständig sicher sein kann, dass man das auch tatsächlich tut, sollten die Viren da bleiben, wo sie sind.

Wir müssen davon ausgehen, dass irgendwo auf der Welt noch weitere Proben des gefährlichen Virus herumfliegen. Möglicherweise kommt der Tag, da die Menschheit sehr schnell ein neues Mittel gegen die Seuche braucht, sei es durch einen Unfall oder absichtliche Freisetzung. Dafür sollte man die bekannten Pockenvorräte in der Hinterhand behalten – zumal nicht erkennbar ist, was wir mit ihrer Zerstörung gewinnen würden.

28. KW 2014

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 28. KW 2014

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