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Authentizität: Die Suche nach dem wahren Selbst

Authentizität gilt in unserer Gesellschaft als hohes Gut. Doch wissenschaftlich betrachtet steht die Vorstellung, dass wir mal mehr, mal weniger wir selbst sind, auf wackeligen Füßen.
Kopf mit LandschaftLaden...

Authentizität ist eine der am meisten geschätzten Eigenschaften in unserer Gesellschaft. Schon im Kindesalter werden wir belehrt, wir sollten einfach »wir selbst sein«, und als Erwachsener haben wir die Auswahl aus einer riesige Anzahl von Selbsthilfebüchern, die uns erklären, wie wichtig es ist, mit seinem »wahren Selbst« in Verbindung zu stehen. Wie selbstverständlich betrachten wir Authentizität als ein reales Merkmal, das es zu kultivieren lohnt.

Auch in der Wissenschaft hat das Konzept in den vergangenen Jahren mit Hunderten von Zeitschriftenartikeln, Konferenzen und Workshops zunehmend an Bedeutung gewonnen. Doch je genauer Forscher es unter die Lupe nahmen, als desto verworrener stellte es sich am Ende heraus.

Das fängt schon damit an, dass es sowohl in der Öffentlichkeit als auch unter Psychologen keinen Konsens darüber gibt, was »authentisch sein« eigentlich bedeutet. Ist man am authentischsten, wenn man sich in Übereinstimmung mit seinen physiologischen Zuständen, Emotionen und Überzeugungen verhält, wie auch immer diese aussehen mögen? Oder ist man eher authentisch, wenn man entsprechend seiner bewusst gewählten Überzeugungen, Einstellungen und Werte handelt? Wann sind wir uns wirklich selbst treu: wenn wir dem Kellner die Meinung geigen, weil wir uns über die schlechte Qualität unseres Essens ärgern, oder wenn wir sie gerade für uns behalten, weil wir Freundlichkeit und Höflichkeit als zentrale Werte erachten und dadurch hochhalten?

Ebenso heikel ist die Frage, wie man Authentizität eigentlich misst. Meist stützen Forscher sich dabei auf die Selbstauskünfte ihrer Probanden. Oftmals wissen Menschen allerdings nicht, wie sie wirklich sind oder warum sie tatsächlich tun, was sie tun. Ein Test, der Probanden dazu befragt, wie treu sie sich selbst sind, ist also kein besonders genaues Maß für Authentizität.

Können wir nicht wir selbst sein?

Das größte Problem ist aber vermutlich die Vorstellung vom »wahren Selbst« an sich. Der US-amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Carl Rogers (1902-1987) stellte fest, dass viele Menschen, die eine Psychotherapie beginnen, von der Frage geplagt werden: »Wer bin ich wirklich?« Die bittere Wahrheit ist jedoch, dass alle Aspekte unserer Psyche ein Teil von uns sind. Es ist praktisch unmöglich, sich irgendeine Form von bewusstem Verhalten vorzustellen, die keinen echten Teil unseres Selbst widerspiegelt – seien es unser Temperament, unsere Einstellungen, unsere Werte oder Ziele. Katrina Jongman-Sereno von der Harvard University und Mark Leary von der Duke University kommen in einer aktuellen Studie zum Thema zu dem Schluss: »Angesichts der Komplexität der Persönlichkeit eines Menschen könnten auch zwei scheinbar miteinander unvereinbare Handlungen jeweils äußerst selbstkongruent sein. Menschen sind einfach zu vielfältig und zu widersprüchlich, als dass das Konzept eines einheitlichen wahren Selbst ein nützlicher Maßstab für die Beurteilung von Authentizität sein könnte, sei es in Bezug auf einen selbst oder auf andere.«

Was verbirgt sich also wirklich hinter diesem »wahren Selbst«, von dem die Leute immer wieder sprechen? Laut Studien neigen die meisten von uns dazu, genau jene Aspekte ihrer Persönlichkeit als ihr wahres Selbst zu bezeichnen, mit denen sie sich am wohlsten fühlen. Überall auf der Welt erliegen Menschen einer Art »Authentizitäts-Positivitäts-Bias«: Sie schließen ihre besten und moralischsten Eigenschaften – wie Freundlichkeit, Großzügigkeit und Ehrlichkeit – in die Beschreibung ihres echten Ichs mit ein. Sie betrachten ihr positives Verhalten als authentischer als ihre schlechten Taten, auch wenn beides mit ihrer Persönlichkeit und ihren Wünschen in Einklang steht.

Die bittere Wahrheit ist, dass alle Aspekte unserer Psyche ein Teil von uns sind

Untersuchungen zufolge machen die meisten Menschen ihr Gefühl von Authentizität nicht davon abhängig, ob sie sich entsprechend ihrer eigenen Natur verhalten oder nicht. Stattdessen neigen wir dazu, uns alle in denselben Momenten als authentisch zu empfinden – ganz unabhängig von unserem individuellen Charakter: wenn wir uns ruhig, zufrieden, enthusiastisch, frei und kompetent fühlen, wenn wir lieben, achtsam im Augenblick verharren und offen für neue Erfahrungen sind. Mit anderen Worten: Wir nehmen uns dann als am authentischsten wahr, wenn unsere Bedürfnisse erfüllt werden und wir die Kontrolle über unsere Erfahrungen haben. Nicht dann, wenn wir bloß wir selbst sind.

Überraschenderweise fühlen sich Menschen ausgerechnet dann als sie selbst, wenn sie sich sozial erwünscht verhalten – und nicht etwa, wenn sie sich gegen kulturelle Zwänge und Gebote auflehnen. Umgekehrt leidet das Gefühl, mit sich selbst im Einklang zu sein, wenn sich eine Person als sozial isoliert betrachtet. Das macht durchaus Sinn, wenn man sich vor Augen führt, wie wichtig es im Lauf der menschlichen Evolution war, einen guten Ruf und eine einzigartige Rolle innerhalb der eigenen Gruppe zu erlangen. Und es erklärt auch, warum Menschen vor allem ihre moralischen Taten für die Beurteilung ihrer eigenen Authentizität heranziehen: Wenn wir uns in Übereinstimmung mit unseren höheren Zielen verhalten (und zum Beispiel die Gründung eines neuen gemeinnützigen Vereins bekannt geben), betrachten wir selbst und andere uns typischerweise als authentischer, als wenn wir auf der Couch sitzen, Netflix schauen und Donuts essen. Auch wenn wir in beiden Situationen gleichermaßen wir selbst sind!

Authentisch ist, was die Reputation fördert

Das, was Menschen für ihr wahres Ich halten, entspricht also möglicherweise eher dem, was sie gerne nach außen darstellen würden. Dem Sozialpsychologen Roy Baumeister zufolge fühlen wir uns vor allem dann sehr authentisch und zufrieden, wenn andere uns so sehen, wie wir gerne von ihnen gesehen werden wollen, und wenn unser Handeln »dazu beiträgt, den Ruf, den wir gerne hätten, aufzubauen, zu erhalten oder zu genießen«. Schaffen wir es hingegen nicht, unserer Reputation gerecht zu werden, tun wir unsere Handlungen gern als unauthentisch ab (»Das bin ich nicht!«), argumentiert Baumeister. Auch Stars und Politiker, die beim Konsum von illegalen Drogen, bei der Veruntreuung von Geldern oder anderen rufschädigenden Aktivitäten erwischt werden, rechtfertigten sich oft nach diesem Prinzip.

Doch selbst wenn es so etwas wie ein wahres Selbst nicht zu geben scheint: Das Konzept kann durchaus nützlich sein. Wie Studien zur Authentizität zeigen, ist das Gefühl, mit sich selbst in Einklang zu sein, ein starker Prädiktor für verschiedene Aspekte unseres Wohlbefindens. Die Vorstellung eines echten Ichs im Hinterkopf zu behalten, kann eine Sinn stiftende Funktion haben und uns dabei helfen auszuloten, ob unsere Lebensführung tatsächlich unseren Idealen entspricht.

Ich glaube, dass in jedem von uns ein paar beste Versionen unseres Selbst existieren – Aspekte, die gesund, kreativ und wachstumsorientiert sind und die uns das Gefühl geben, mit uns selbst und mit anderen Menschen besonders verbunden zu sein. Mit diesen Versionen in Kontakt zu treten und ihre Potenziale voll auszuschöpfen, erscheint mir ein erstrebenswerteres Ziel zu sein, als sein ganzes Leben auf der Suche nach seinem einen wahren Selbst zu verbringen. In meinen Augen gibt es so etwas wie gesunde Authentizität. Und dabei geht es nicht darum, immer zu sagen, was einem auf dem Herzen liegt, sondern darum, seine gesamte Persönlichkeit zu akzeptieren und Verantwortung für sie zu übernehmen, um schließlich zu wachsen und bedeutungsvolle Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen.

Solange wir darauf hinarbeiten, die Person zu werden, die wir wirklich sein wollen, gilt das für mich als authentisch – ganz gleich, wer man jetzt gerade in diesem Moment ist. Dafür müssen wir zuerst die rosarote Brille absetzen und uns selbst betrachten: in all unserer Komplexität und mit all unseren Widersprüchen. Sich selbst zu akzeptieren, heißt nicht, dass einem alles gefallen muss, was man sieht. Es heißt, dass man den ersten Schritt getan hat, um zu der vollständigen Person zu werden, die man gerne sein möchte. Oder wie schon Carl Rogers bemerkte: »Das seltsame Paradoxon ist, dass ich, wenn ich mich so akzeptiere, wie ich bin, die Möglichkeit erlange, mich zu verändern.«

40/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 40/2019

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