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Angemerkt!: Eigenartige Menschen

Jan Osterkamp
Ein völlig neuer, fossiler Menschenkopf begeistert seit nun fast zweieinhalb Jahren eine Armada von Forschern und Laien und spaltet die Wissenschaftswelt zugleich in zwei zunehmend unversöhnliche Lager. Beide propagieren seitdem mit der Ausdauer von Langstreckenläufern ihre Sicht der Dinge. Spätestens mit dem neuesten Beitrag zum Thema von Dean Falk und seinen Kollegen ist aus einem Wettlauf der Argumente ein Boxkampf mit harten Bandagen geworden.

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht der bislang einzige Schädel von "Homo floresiensis", einem auf der Insel Flores ausgegrabenen Wesen, das nach Ansicht der blauen Ringecke eine eigenständige Menschenart repräsentiert, die noch vor der erstaunlich kurzen Zeit von 18 000 Jahren neben uns Menschen existierte. Die rote Ecke hält das für fehlinterpretiert, um es höflich auszudrücken. Eigentlich sei "Homo floresiensis" ein Homo sapiens mit degeneriertem Kleinkopf – ein Mikrozephale. Von den billigen Plätzen der fossil-interpretatorisch unbeleckten Zuschauer aus schienen irgendwie beide Parteien im Disput gute Argumente zu haben. Wer will, kann sie in unserer Berichterstattung nachlesen.

Und wer will, kann auch die neueste Runde gespannt verfolgen, zu der jetzt gerade der Gong ertönt. Allerdings bietet die neue Runde nichts Überraschendes: Die Forscher in den blauen Hosen wiederholen, was sie seit nunmehr zwei Jahren immer wieder wiederholt haben: Homo floresiensis und sein Schädel sind anders, das Fossil verdient es, eigene Art genannt zu werden. Einen weiteren Beleg dafür liefern sie, völlig überzeugend ist er erneut nicht. Fragt sich, ob dieser Beleg der Wahrheitsfindung dient oder nur ungebrochenen Siegeswillen demonstriert.

Denn die blaue Ecke um die Flores-Mensch-Propagierer Brown, Michael Morwood und Dean Falk und die rote – die sich etwas diverser aus verschiedenen Sekundanten zusammensetzt – streiten mit ähnlichen Mitteln, untersuchen denselben Schädel, vergleichen ihn mit ähnlichen Belegexemplaren – und kommen stets verlässlich zu einander diametral entgegengesetzten Schlussfolgerungen. Für die Blauen bleibt der Flores-Mensch eine eigene Menschenspezies, die sich von allen degenerierten Schädelformen moderner Menschen deutlich unterscheidet. Für die Roten ist das Flores-Exemplar von Anfang an ein weiterer der rund 400 bereits bekannten Formtypen degenerierter Homo sapiens mit Mikrozephalie.

Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass die Interpretation der Ergebnisse eben ein wenig schwierig ist und das Thema vielleicht nicht ganz so schnell endgültig geklärt sein wird. Leider beharren beide Ecken aber nur immer schriller auf ihrer von Anfang an geäußerten Meinung und, immer deutlicher, zunehmend auf der zwischen den Zeilen herauslesbaren Kritik am Kritiker. Bleibt zu befürchten, dass am Ende des Kampfes tatsächlich eine der Seiten recht hat: Nicht mit ihrer wissenschaftlichen Meinung zum Thema Flores-Mensch, sondern damit, dass der rote oder blaue Gegner unwissenschaftlich, schlampig oder fahrlässig Meinung statt Fakten propagiert hat, um eigene Fehlinterpretationen nicht eingestehen zu müssen. Sowohl ein K.o. durch echte Totschlagbeweise als auch eine Kampfunterbrechung zum intensiveren Nachdenken wären diesem Ende vorzuziehen.
30.01.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30.01.2007

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