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Warkus' Welt: Ein Augenblick, ein Stundenschlag – Was ist Zeit?

Eine Frage beschäftigt Philosophen von alters her: Wann gibt es Abendessen? Und was heißt eigentlich »wann«? Wer über Zeit redet, sagen manche, verstrickt sich in Widersprüche.
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Es ist ein Kerngeschäft der Philosophie (und wiederkehrendes Thema dieser Kolumne) zu fragen: Was ist das eigentlich? Dies gilt besonders für Gegenstände, bei denen sich die Frage im Alltag eher nicht stellt. Dazu gehört, seit es Philosophie gibt, auch die Zeit. Wir benutzen das Wort und andere damit verwandte extrem oft – laut Duden sind unter den Top Ten der häufigsten Substantive gleich vier davon: »Jahr«, »Uhr«, »Zeit« und »Tag«. Was Zeit aber wirklich ist, lernt man nicht in der Schule, und wir reden normalerweise selten davon.

»Was also ist ›Zeit‹? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht«, schreibt der Kirchenvater und Philosoph Augustinus (354–430) um das Jahr 400 herum. Sein berühmtes Zitat ist programmatisch für die philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema, die sich oft damit beschäftigt, dass Zeit schwer verständlich sein soll und schwierige, widersprüchliche oder kontraintuitive Eigenschaften aufweise.

Einer der einflussreichsten philosophischen Texte zum Thema hält sich denn auch gar nicht damit auf, zu klären, was Zeit ist, sondern möchte aufzeigen, dass Zeit widersprüchlich ist und es sie daher überhaupt nicht geben kann – zumindest nicht in dem Sinne, in dem es wirkliche Dinge gibt. In »The Unreality of Time« (1908) setzt sich der britische Philosoph John McTaggart (1866-1925) mit Zeit als einer Anordnung von Ereignissen auseinander. Dabei gibt es für ihn zwei Möglichkeiten.

Die erste: Ereignisse ordnen sich bezogen auf die Gegenwart. Mein Abendessen ist in der sehr nahen Zukunft, mein 50. Geburtstag deutlich weiter entfernt, mein Tod (hoffentlich) noch ferner. Umgekehrt ist mein Mittagessen noch nicht lange vergangen; es ist hingegen schon ein gutes Jahr her, dass die Katzen bei uns eingezogen sind, meine Geburt ist weit über 30 Jahre her und die Hochzeit meiner Eltern noch ein gutes Stück länger. McTaggart nennt diese Anordnung die »A-Serie«.

Der zweite Vorschlag ist die »B-Serie«: In ihr ist nicht die Rede von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, sondern die Ereignisse sind nur durch zeitliche Relationen geordnet. So liegt die Anschaffung der Katzen mehr als 13 Jahre vor meinem hypothetischen 50. Geburtstag, mein heutiges Abendessen liegt dagegen etwa 26 Stunden nach dem gestrigen und so weiter und so fort.

Da es in der A-Serie um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geht, muss sich die Beschreibung der Lage der Ereignisse ständig ändern. Zum Beispiel wird mein Abendessen binnen Kurzem nicht mehr in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit liegen. Was wir das Vergehen von Zeit nennen, ist genau dieser beständige Änderungsprozess.

Alles nur Illusion?

Nun ist aber (zumindest für McTaggart) eine Veränderung eines Ereignisses auch ein Ereignis. Man muss also sagen können, wann zum Beispiel das Ereignis des »Vergangen-Werdens« meines Abendessens stattgefunden hat – also wann es selbst »vergangen geworden« ist. Dazu benötigt man aber wieder eine geordnete Zeitachse, da sonst Ereignisse gleichzeitig vergangen und nicht vergangen sein könnten. Man muss Zeit voraussetzen, um erklären zu können, was Zeit ist.

McTaggart zieht daraus den bis heute umstrittenen Schluss, dass bloß die B-Serie eine haltbare Beschreibung der Anordnung von Ereignissen sei. Da sie aber nichts über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aussagt, stehen in ihr alle Ereignisse unverändert und ewig nebeneinander. Nur wenn die A-Serie widerspruchsfrei denkbar wäre, könnte Zeit Teil der Realität sein; so jedoch ist alles Werden und Vergehen bloß subjektiv, reine Illusion.

Die Frage danach, ob es in der Realität echte Veränderung gibt oder ob die Wirklichkeit sozusagen ein gefrorener, (mindestens) vierdimensionaler Block ist, durch den wir uns hindurchbewegen, ist sehr alt. Die Namen der um 500 v. Chr. lebenden griechischen Philosophen Parmenides und Heraklit sind eng mit ihr verbunden. Heute beschäftigt sich die Zeitphilosophie mit neuen logischen und mathematischen Instrumenten mit denselben Themen, übrigens auch im engen Dialog mit der Physik.

Aber hilft es uns in irgendeiner Weise, Zeit als Illusion zu entlarven? Die Frage muss jeder für sich beantworten. Wenn ich morgens in den Spiegel schaue und wieder einen Tag älter aussehe oder wenn ich die neuesten Schätzungen der Wissenschaft dazu lese, wie wenig Zeit der Menschheit bleibt, um die Klimakatastrophe abzumildern, empfinde ich wenig Trost in der Vorstellung, Zeit sei eine Illusion.

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