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Exzellenzstrategie: Ein Sieg der Wissenschaft

Zehn Universitäten und ein Verbund setzten sich heute nach einem dreijährigen Wettbewerb um die Exzellenz-Titel durch. Vor allem aber zeigte sich die Wissenschaft am Ende selbstbewusst, kommentiert Jan-Martin Wiarda.
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Es ging um viel Ruhm. Und um Geld. Wobei das mit dem Geld oft überschätzt wird. Doch zunächst zur wichtigsten Nachricht: Bund und Länder haben heute zehn Universitäten und einen Universitätsverbund in den Exzellenzstatus erhoben, und zwar die Universität Hamburg, die RWTH Aachen, die Universität Bonn, die TU Dresden, die Universität Heidelberg, das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die Universität Tübingen, die Universität Konstanz, die LMU München, die TU München und die »Berlin University Alliance«, der Verbund aus Humboldt-Universität, Freier Universität, TU und Charité.

Neben dem Titel »Exzellenzuniversität« erhalten sie künftig je nach Antrag zwischen 10 und 15 Millionen Euro jährlich, und das mindestens sieben Jahre lang. Die Berliner Allianz bekommt ein paar Millionen mehr.

Damit endet ein drei Jahre langer kräftezehrender Wettbewerb, der anfangs 63 Universitäten im Atem gehalten hatte. Dann, nach der ersten Vorentscheidung, noch 41, später 34 und zuletzt 19. Nur diese 19 Universitäten hatten im vergangenen September genug große Forschungsverbünde, so genannte Cluster, durchgebracht, um bei der finalen Kür der elf Exzellenzuniversitäten dabei sein zu dürfen.

Elf deshalb, weil Bund und Länder es vor dreieinhalb Jahren so verabredet hatten, als sie die Exzellenzinitiative (kurz »Exini«) zur Exzellenzstrategie (»ExStra«) weiterentwickelten. Exzellent sind in Deutschland also so viele Universitäten, wie es politische Vereinbarungen vorher festlegen. Den elf bescheinigte die so genannte Exzellenzkommission, die für die Kür zuständig war, dass ihre Antragskonzepte besonders überzeugend waren.

Wissenschaftspolitische Sternstunde

Wissenschaftspolitisch kann der Tag heute als Sternstunde gelten, und das verdankt er vor allem den Wissenschaftlern in der Exzellenzkommission. Sie haben ein Selbstbewusstsein gezeigt, das bemerkenswert ist.

Um zu verstehen, was an ihrer Entscheidung so besonders ist, muss man wissen, wie sie zu Stande gekommen ist: Die Konzepte der 19 Bewerber waren von Gutachtern vor Ort geprüft worden. Auf der Grundlage ihrer Berichte debattierten die vergangenen drei Tage 39 Wissenschaftler, die meisten davon aus dem Ausland, im so genannten Expertengremium. Sie erstellten eine Liste mit aus ihrer Sicht förderwürdigen Universitäten. Über diese Liste haben dann heute die 39 Wissenschaftler zusammen mit den Wissenschaftsministern aus Bund und Ländern in der Exzellenzkommission gemeinsam abgestimmt. Das Besondere: Die Wissenschaftler haben der Politik heute faktisch keine Wahl gelassen.

Die Wissenschaftler wollten diesmal eine klare Botschaft senden: Die ExStra wird wissenschaftlich entschieden, nicht politisch

Die Voten der Wissenschaftler werden den Ministern traditionell in Form eines Ampelsystems präsentiert. Grün heißt: auf jeden Fall fördern. Rot: auf keinen Fall. Und gelb: Förderung möglich, aber nicht zwingend.

Die gelben Ampeln sind die, über die sich in der Vergangenheit die Politik hermachte. Was bei der Kür der Cluster im September 2018 fast zum Eklat führte: Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU), die allein 16 der 32 Politik-Stimmen führt (gegenüber den 39 der Wissenschaftler) habe ihre Macht dazu genutzt, die Zahl der geförderten Forschungsverbünde künstlich hochzudrücken, schimpften etliche SPD-Minister.

Tatsächlich kamen 11 der 12 von den Wissenschaftlern auf gelb gestellte Cluster in die Förderung – mit dem Ergebnis, dass sämtliche der insgesamt 57 erfolgreichen Anträge ihre Fördersumme empfindlich gekürzt bekamen. Karliczek verweist indes darauf, dass ihre 16 Stimmen allein ohne die Unterstützung anderer Länder und vieler Wissenschaftler nie gereicht hätten.

Statt einem strahlenden, von allen akzeptierten Ergebnis gab es am Ende Klein-Klein und politisches Gezänk. Und genau das, so scheint es, haben die Wissenschaftler diesmal verhindern wollen, indem sie der Politik einfach die Grundlage dafür wegnahmen.

Das ist selbstbewusst – und mutig. Denn eigentlich sind die Politiker der Meinung, dass ihnen ihr Anteil an der Entscheidung zusteht, sonst hätten sie das oben beschriebene Entscheidungsverfahren anders aufgesetzt. Doch würden Kritiker eben auch sagen: Im vergangenen September sind die Politiker mit ihrem Teil der Verantwortung nicht besonders gut umgegangen.

Klare Botschaft an die Ministerinnen und Minister

In jedem Fall wollten die Wissenschaftler diesmal eine klare Botschaft senden: Die ExStra wird wissenschaftlich entschieden, nicht politisch. Basta. Dieses Signal einer selbstbewussten Wissenschaft kann man in Zeiten, in denen die Forscher anderswo auf der Welt unter wachsendem politischem Druck sehen, gar nicht hoch genug bewerten. Genauso wie die großartige Reaktion der Politiker, die Wissenschaft gewähren zu lassen. Einige Minister taten es womöglich zähneknirschend, aber selbst sie taten es ohne wirkliche Zweifel. Und die meisten waren sogar froh, dass die Wissenschaftler ihnen das fast unvermeidliche erneute Gezerre erspart haben.

Dass die Wissenschaftler überhaupt so handeln konnten, hat viel mit zwei Personen zu tun. Zum einen mit dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Peter Strohschneider, der unermüdlich und unzählige Male betont hat, dass die Exzellenzstrategie »wissenschaftsgeleitet« sei. Zum anderen und vor allem mit Martina Brockmeier, der Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, die die Entscheidungssitzung vorbereitet hatte. Brockmeier hatte, so berichteten es mehrere Minister schon vor Tagen, konsequent auf die Elfmal-Grün-Entscheidung hingearbeitet. Es ist eine politisch-strategische Glanzleistung, die ihr da gelungen ist.

Sie trägt dazu bei, dass auch die acht unterlegenen Exzellenzkandidaten die Entscheidung werden akzeptieren können. Sie verankert die »ExStra« im öffentlichen Bewusstsein der Universitäten noch einmal ganz anders als »Exzellenz«-Wettbewerb.

Trotzdem kann man die »ExStra« weiter kritisch sehen nach dem Motto: Während die Grundfinanzierung vieler Universitäten, vor allem der Lehre, weiter beklagenswert ist, verteilt die Exzellenzstrategie ein paar Sahnehäubchen. Oder, wie es Jan Cloppenburg, Wissenschaftsexperte und ehemaliger Vorsitzender des Studierendenverbands fzs, auf Twitter formulierte: »Exzellenz bedeutet, feiern zu dürfen, etwas weniger gekürzt zu werden.«

Hochschulfinanzierung: Deutliche Unterschiede nach Ländern

In Wahrheit ist es sogar noch ein wenig komplexer. Je nach Bundesland ist die Hochschulfinanzierung in den vergangenen Jahren merklich gestiegen. Einige Bundesländer wie Baden-Württemberg, Berlin oder Thüringen legen inzwischen jedes Jahr bis zu vier Prozent drauf. Doch folgt das Plus oft vielen Jahren empfindlicher Sparrunden, es ändert nichts an einem Sanierungsrückstau auf den Campussen, der je nach Schätzung 30, 35 Milliarden Euro und mehr beträgt – und je mehr einige Länder spendieren, desto mehr leiden jene Hochschulen, die nicht die Gnade des richtigen Standorts haben.

Auch wenn man die 148 Millionen Euro, die künftig pro Jahr an die Sieger verteilt werden, in Bezug setzt zur deutschen Hochschulfinanzierung insgesamt, wird klar, dass es mit weniger als 0,5 Prozent doch recht kleine Sahnehäubchen sind. Und selbst an der kleinsten Exzellenzuniversität Konstanz kommt der Anteil des Exzellenzuni-Preisgelds (ohne Cluster) auf nur gute fünf Prozent.

Doch das ideelle Preisgeld ist viel höher: Mit dem Exzellenz-Ruhm lassen sich leichter Spitzenforscher anlocken, zusätzliche Forschungsgelder einwerben und das erreichen, was an deutschen Unis oft noch unterentwickelt ist: der Stolz auf und die Identifikation mit der eigenen Hochschule.

Endlich ist der ExStra-Stress vorbei, die Rektorate können sich ab sofort auch wieder um anderes kümmern. Vieles ist liegen geblieben, so ist aus vielen Universitäten zu hören. Allerdings ist nach der ExStra zugleich vor der ExStra. Denn in ein paar Jahren geht es wieder los. Dann werden die jetzigen Sieger unter Beweis stellen müssen, was sie geschafft haben. Und mindestens vier neue Gewinner kommen dazu. Das ist das Neue an der Exzellenzinitiative, die seit 2015 Exzellenzstrategie heißt: Sie ist ein Wettbewerb ohne Ende.

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