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Sex matters: Eine Affäre dreht sich nicht allein um Sex

Eine offene Beziehung kann funktionieren – wenn sich das Paar darin einig ist. Vorab sollten die beiden aber eines klären: Worum geht es ihnen beim Sex eigentlich? Eine Kolumne.
Symbole auf rotem Samt: Strapse, Bausparvertrag, Astronautenkost und ein gebrochenes Herz
Im heimischen wie im auswärtigen Bett mischen Wünsche mit, die über magere Astronautenkost hinausgehen.

»Wir sind seit zwei Jahren verheiratet, kommen als Familie gut klar, auch mit unserer achtjährigen Tochter. Als es zwischen mir und meiner Frau mit dem Sex eine Zeit lang nicht so gut lief, habe ich ihr gesagt, dass ein One-Night-Stand okay wäre. Aber ich wollte es wissen, für mich ist die Hauptsache, dass sie ehrlich zu mir ist. Dann hatte sie Sex mit einem anderen Mann – und seitdem stecken wir in der Krise. Wir verstehen die Welt nicht mehr, denn eigentlich hatten wir doch alles besprochen.« (Matthias, 38, und Judith, 39)*

Ist Sex außerhalb der Partnerschaft eine gute Idee? Eine interessante Frage, die ich nicht pauschal beantworten kann, denn die Antwort hängt vom Einzelfall ab, und dahinter kann viel mehr stecken, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Ich würde nicht sagen, dass Sex außerhalb von Beziehungen grundsätzlich falsch ist – deshalb bevorzuge ich neutrale Begriffe wie »Sex außerhalb von Beziehungen«, »externer Sex« oder »Außenkontakte«, denn sie sind weniger wertend als etwa »Fremdgehen«, »Untreue« oder »Seitensprung«.

Fast jeder fünfte Erwachsene hatte schon einmal während einer festen Beziehung Sex mit einer anderen Person als dem Partner oder der Partnerin. Das ergab eine repräsentative Befragung von Erwachsenen in Deutschland, die ein Team um die Psychologen Bernhard Strauss und Christoph Kröger 2017 an der Technischen Universität Braunschweig durchgeführt hat. Unter den Männern bejahten 21 Prozent die Frage nach »Außenkontakten«, bei den Frauen waren es 15 Prozent. Eine weitere Erkenntnis der Studie: Acht Prozent der Männer hatten bereits mindestens einmal während einer festen Partnerschaft Sex mit einer Prostituierten.

Aber ist externer Sex eigentlich ein Thema, über das Paare miteinander sprechen? Setzen wir mal die rosarote Brille ab. Monogamie gilt längst nicht mehr als einzig mögliche Beziehungsform. Dennoch redet etwa die Hälfte aller Paare nicht über Sex außerhalb von Beziehungen: Laut der oben erwähnten Studie haben 56 Prozent aller Paare dazu keine gemeinsame Vereinbarung getroffen.

Ich glaube allerdings, dass es für jedes Paar wichtig ist, sich darüber einig zu werden, in welcher Art von Beziehung man leben möchte. Eine monogame Beziehung, eine offene Beziehung oder irgendetwas dazwischen? Ist gemeinsamer Sex mit Dritten in Ordnung, aber ein externer One-Night-Stand nicht erwünscht? Was ist mit Selbstbefriedigung: Ist das für beide okay, oder empfindet ein Partner den Solo-Sex vielleicht schon als Untreue?

Meist geht es beim Sex um mehr als nur Astronautenkost

Außerdem braucht es einen Blick darauf, welche Funktion Sex für das Paar hat. In der Regel geht es nicht nur um Fortpflanzung. Was also noch? Ist es die simple Lust auf einen Orgasmus? Wenn ich Sex mit Essen vergleiche, entspräche das der Astronautenkost: Nahrung aufgenommen, Hunger gestillt, Grundbedürfnis befriedigt. Meist geht es allerdings um viel mehr – beim Sex wie beim Essen. Um den Appetit, wenn man etwas Leckeres riecht, um die sinnliche Wahrnehmung beim ersten Biss. Um das Prickeln beim ersten Augenkontakt, die erste Berührung, die Lust auf das Gegenüber und das Gefühl, begehrt und wertgeschätzt zu werden. Wenn aber innerhalb der Beziehung in der Abteilung »Wertschätzung« die Regale leer sind und das Paar den Bereich Sexualität nach außen gibt, endet das schnell in der Krise.

Fragt man Menschen, ob sie sich vorstellen können, dass eine Beziehung inklusive Auswärts-Sex funktioniert, antworten viele mit Ja. Das liegt daran, dass die Frage nur auf die rein sexuelle Aktivität abzielt – und nicht auf die weiteren Funktionen, die Sex für die meisten Menschen hat. Das emotionale Drumherum wird ausgeklammert: das Flirten, die Gefühle, die Bestätigung, das Interesse, das Begehren: kein Thema. Doch in der Realität schwingt das alles mit, und dann kann es zu Problemen kommen. Denn auch eine einmalige Sache hat das Potenzial, sich auf die Beziehung auszuwirken.

Was hilft? Treueschwüre und zurück zur Monogamie? Nein. Es geht erst einmal darum, was die beiden in einer Partnerschaft brauchen. In dieser Zeit kann es durchaus Sinn ergeben, Sex mit Dritten auszuklammern – zumindest für eine Weile. Was in ferner Zukunft passiert, darf offenbleiben. Mit Paaren, die zu mir in die Praxis kommen, versuche ich eine Vereinbarung zu treffen: keine externen Sexualkontakte, solange wir zusammen arbeiten. Ich schlage das vor, um ihnen den Rücken freizuhalten. Keiner soll sich während der gemeinsamen Beziehungsarbeit Sorgen machen. In einer Zeit, wo beide verunsichert sind, braucht es einen sicheren Rahmen.

Dann erkunden wir, wer von beiden den Sex wozu braucht. Nehmen wir das oben genannte Paar, das nach einem One-Night-Stand unerwartet in eine Krise stürzte: Geht es für Judith eigentlich darum, von ihrem Mann Wertschätzung zu erfahren? Möchte sie emotional wahrgenommen werden? Vermisst sie echtes Interesse an ihr als Persönlichkeit? Was ist es, das Matthias dazu bringt, ihr den Seitensprung in der Theorie zu erlauben? Gibt es ihm die Sicherheit, dass immer noch er derjenige ist, der das Ganze in der Hand hat? Und was kann ihm stattdessen das Gefühl geben, sich der Beziehung zu seiner Frau sicher sein zu können?

Externer Sex kann nur funktionieren, wenn die Beziehung bestens funktioniert

In mehreren Gesprächen haben wir gemeinsam ergründet, worum es den beiden eigentlich ging. Zu Tage kamen die Themen Wertschätzung und Sicherheit. Er hatte über die Jahre versucht, durch Heirat, Bausparvertrag und ein gemeinsames Haus Sicherheit zu schaffen. Um ihr zu vermitteln: Du bist mir wichtig. Aber ihr bedeuteten weder Trauschein noch Haus besonders viel, sondern Emotionalität und Interesse. Zuhören, ohne nach einer Minute das Handy in die Hand zu nehmen.

Nach ein paar Wochen begann sich bei den beiden etwas zu verändern. Es ging nun nicht mehr um den außerehelichen Sex, sondern um ihre Bedürfnisse als Paar. Sie hatten das Ritual entwickelt, jeden Abend, wenn die Tochter im Bett war, eine ungestörte Viertelstunde miteinander zu verbringen. Um sich in Ruhe zu sagen, was sie an dem Tag am anderen besonders toll fanden. Sich mit Gefühl mitzuteilen, was sie aneinander lieben.

Ob sie Sex außerhalb der Beziehung in Zukunft ausschließen wollen, hatten sie bei unserem letzten Gespräch noch nicht entschieden. Aber sie hatten eine ganz wesentliche Erkenntnis gewonnen: Externer Sex kann nur funktionieren, wenn die Beziehung bestens funktioniert.

Und nun sind Sie dran: Sex-Charts

Überlegen Sie, was Ihnen in der partnerschaftlichen Sexualität wichtig ist. Ist es Vertrauen, Spontaneität, ein Orgasmus? Abwechslung, Spaß, Häufigkeit? Geht es um den Selbstwert, um Verlässlichkeit, Verbundenheit, Respekt? Wie wichtig sind Unverkrampftheit und Schamlosigkeit? Ergänzen Sie die Begriffe nach eigenem Ermessen. Notieren Sie die Begriffe, die Ihnen etwas bedeuten. Legen Sie Ihre persönliche Hitliste an und sprechen Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin darüber, was Ihnen beim gemeinsamen Sex wichtig ist. Finden Sie die Sex-Charts, die für Sie beide passen.

* Die Namen im Fallbeispiel sind von der Redaktion geändert.

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