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Angemerkt!: Eine Chance für deutsche Forscher

Tanja KrämerLaden...
Noch immer gelten embryonale Stammzellen als der zukunftsträchtigste Forschungsgegenstand unserer Zeit. Mit ihrer Hilfe will man eines Tages neuronale Schäden bei Alzheimer-Kranken und Parkinson-Patienten heilen, Ersatzhaut für Brandopfer züchten oder Knochenersatzstücke herstellen, die beim Empfänger keine Abstoßungsprobleme hervorrufen.

Ein riesiger medizinischer Markt, an dem die deutschen Wissenschaftler so gut wie keinen Anteil haben. Denn sie dürfen immer noch nur an solchen embryonalen Stammzellen forschen, die vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. So sieht es das Embryonenschutzgesetz vor, das eine Gewinnung embryonaler Stammzellen auf deutschem Boden verbietet, weil die entsprechenden Embryonen dabei abgetötet würden.

Die Stichtag-Regelung für den Import von embryonalen Stammzellen war ein Kompromiss und sollte eigentlich gewährleisten, dass Forscher in Deutschland trotz der rigiden Ablehnung von verbrauchender Embryonenforschung nicht völlig aus dem internationalen Wettbewerb gedrängt werden. Im Laufe der Zeit hat der feste Stichtag die deutschen Wissenschaftler jedoch in immer größere Bedrängnis gebracht: Die alten Zellkulturen beginnen langsam zu mutieren. Zudem wurden sie mit Nährlösungen herangezüchtet, die tierische Zellen beinhalteten – dadurch können Verunreinigungen entstehen und Forschungsergebnisse verfälscht werden. Die damalige Methode gilt heute als überholt. Auf dem Markt der embryonalen Stammzellforschung ist die deutsche Wissenschaft also inzwischen wirklich ziemlich abgeschlagen.

Allerdings: Auch andere Stammzellen eignen sich für die Grundlagenforschung und möglicherweise sogar für Therapien. Vor zwei Jahren beispielsweise konnte nachgewiesen werden, dass auch adulte Stammzellen, die aus dem Körper erwachsener Menschen gewonnen werden, ähnlich multiplikationsfähig sind wie embryonale Stammzellen. Leider sind sie jedoch nicht so vielseitig, von richtigen Durchbrüche im Bereich der adulten Stammzellen wurde bislang kaum berichtet.

Im August 2005 jedoch entdeckten Wissenschafter der Kingston-Universität, dass die bis dahin nur als Abfall betrachtete Nabelschnur eines Neugeborenen eine kleine Menge Blut enthält, in der fetale Stammzellen enthalten sind. Diese gelten zwar als nicht so potent wie die embryonalen Stammzellen, waren jedoch immer noch vielversprechender als die adulten Stammzellen. Inzwischen wird Nabelschnurblut von Neugeborenen in Gewebebanken aufbewahrt.

Nun belegen Forscher der Wake-Forest-Universität, dass auch im Fruchtwasser von Schwangeren fetale Stammzellen umher schwimmen, die sich im Reagenzglas in Neuronen, Fett- oder Knochenzellen ausdifferenzieren können [1]. Damit vertieften die Wissenschaftler Erkenntnisse einer österreichische Forschergruppe um Markus Hengstschläger von der Medizinischen Universität Wien, die schon 2003 ähnliche Vermutungen publiziert hatten [2]. Das Beste daran: Die Fruchtwasser-Stammzellen scheinen der aktuellen Studie zufolge noch potenter zu sein als die fetalen Stammzellen, die man im Nabelschnurblut fand.

Ihre Gewinnung ist zudem einfach: Lässt eine Frau ihren Nachwuchs mit Hilfe einer so genannten Fruchtwasserpunktion auf genetische Defekte untersuchen – derzeit geschieht dies nach Angaben des Nationalen Ethikrates in Deutschland etwa 70 000 Mal pro Jahr – können die Zellen nach der entsprechenden Untersuchung abgeschöpft werden. Die Fruchtwasserpunktion birgt allerdings einige Risiken. Es kann vorkommen, dass die Nadel, die durch die Bauchdecke in die Fruchtblase gestoßen wird, auch den Fötus trifft und ihn verletzt oder gar tötet. Dennoch gehört diese Untersuchung inzwischen fast zu den Standarduntersuchungen für werdende Mütter. Doch es gibt auch eine ungefährlichere Methode zur Gewinnung der Fruchtwasser-Stammzellen. Sie befinden sich nämlich auch in der Plazenta, die nach der Geburt ausgeschieden wird.

In wie weit die Fruchtwasser-Stammzellen halten können, was sich die US-amerikanischen Wissenschafter von ihnen versprechen, muss erst erforscht werden. Die Verlautbarung, dass sie im Gegensatz zu embryonalen Stammzellen keine Tumoren hervorrufen würden, ist zumindest mit Vorsicht zu genießen. Eine Stichprobengröße von weniger als zwanzig Zelllinien ist nicht gerade repräsentativ.

Dennoch ist der Vorstoß viel versprechend: Die fetalen Zellen sind potenter als adulte Stammzellen. Zudem birgt ihre Gewinnung keine ethischen Risiken, solange die Zellen als bloßes Nebenprodukt von Fruchtwasseruntersuchungen abgeschöpft werden. Aufgewahrt in Gewebebanken könnten sie nicht nur dem jeweiligen Spender-Baby als Absicherung dienen, sondern auch für andere Kranke zu dringend benötigten Gewebearten herangezüchtet werden. Diese Aussichten bieten den bislang benachteiligten deutschen Forscher eine ungeahnte Chance. Sie sollten nicht zögern, sie zu ergreifen.
09.01.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 09.01.2007

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