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Meinels Web-Tutorial: Eine kurze Geschichte des Internets

Los ging es 1969 im Jahr der Mondlandung. Eigentlich ganz passend, findet unser Kolumnist Christoph Meinel: In beiden Fällen ließ die Menschheit die alte Welt hinter sich.
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»Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.« Was der ehemalige Bundeskanzler und Historiker Helmut Kohl einst über Geschichte sagte, trifft auch auf die noch kurze Geschichte der digitalen Technologien zu und ganz besonders auf das Internet, das den Grundstein für die neue digitale Welt gelegt hat. In diesem Jahr wird das Internet 50 Jahre alt. Grund genug, um sich seine Geschichte zu vergegenwärtigen.

Die Entwicklung des Internets startete 1969, im Jahr der ersten Mondlandung, was insofern eine schöne Koinzidenz ist, als sowohl das Vordringen in den Weltraum als auch die Schaffung einer neuen virtuellen Welt Wendepunkte in der Menschheitsgeschichte markieren. Beides steht für den Aufbruch aus der altbekannten terrestrisch und physisch gebundenen Welt.

Das Internet wurde entwickelt mit Fördergeldern der DARPA, einer Agentur des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums zur Förderung von Innovationen. Es startete als Verbund von vier Rechnern der Universitäten Stanford, Santa Barbara, Utah und Los Angeles zum so genannten ARPANET (Advanced Research Projects Agency Network). Zwei Jahre später waren bereits 23 Rechner über 15 Knoten im ARPANET miteinander vernetzt, und die erste E-Mail wurde versandt – die erste »Killer-App« des Internets. 1973 gab es die ersten europäischen Internetknoten in Großbritannien und Norwegen, und zehn Jahre darauf waren weltweit schon 500 Hosts über das Internet verbunden.

1983 wurde eine maßgebliche Weichenstellung für das Internet vollzogen: Die von Vinton Cerf und Robert Kahn – beides übrigens Fellows am Hasso-Plattner-Institut – entwickelte TCP/IP-Kommunikationsprotokollsuite wurde eingeführt. Bis heute steuert sie die gesamte Internetkommunikation. Gleichzeitig wurde das ARPANET in einen zivilen und einen militärischen Teil aufgespalten. Weitsichtig wurden dann auf Veranlassung der US-amerikanischen Regierung wenig später alle Universitäten in den USA an das Internet angeschlossen, was zu einer Explosion in der Nutzung des Internets und der Entwicklungen neuer Anwendungen führte. 1988 waren weltweit schon mehr als 60 000 Rechner verknüpft. Die Einsatzmöglichkeiten stiegen und stiegen. Auch die ersten Internet-Schadprogramme wurden entwickelt, um die Nutzung des Internets zu stören oder Unbefugten Zugriff auf Systeme anderer Internetnutzer zu gewähren. Der Ur-Internetvirus befiel damals zehn Prozent der mit dem Internet verbundenen Hosts.

Die Erfindung namens »Hyperlink«

Das Jahr 1990 brachte die bedeutendste Neuerung, die den Siegeszug des Internets und die Entstehung der auf dem Internet basierenden neuen digitalen Welt endgültig besiegelte. Am europäischen Forschungszentrum CERN entwickelten die Informatiker Robert Cailliau und Tim Berners-Lee das World Wide Web. Über das »Web« konnte mit Hilfe kleiner Programme, der Webbrowser nämlich, in Sekundenschnelle über das Internet auf weltweit verstreut gespeicherte multimediale Dokumente zugegriffen werden. Die neuen Webpages ließen sich durch »Hyperlinks« untereinander frei vernetzen. Fortan mussten die Nutzer gar nicht mehr wissen, wo genau das Dokument gespeichert war, für das sie sich gerade interessierten.

Das World Wide Web (WWW) wurde so nach dem E-Mail-Dienst zur zweiten Killer-App des Internets, denn mit den seit Ende 1993 verfügbaren Webbrowsern mit grafischer Oberfläche konnten nun auch Laien im Internet, einfach per Mausbewegung und -klick, »surfen«. Über Webbrowser lassen sich digitale Inhalte sehr leicht hochladen, vernetzen und zum Verkauf anbieten. Doch nicht jeder große Player im IT-Bereich sah den rapiden Bedeutungsgewinn des Internets voraus. So dauerte es noch fünf Jahre, bis Microsoft einen eigenen Browser, den Internet Explorer, auf den Markt brachte.

Das exponentielle Wachstum des Internets und seiner kommerziellen Nutzung ab Mitte der 1990er Jahre weckte viele Fantasien und ließ einen Dotcom-Markt im Internet entstehen mit einer unüberschaubaren Zahl durchdachter und weniger durchdachter Online-Services aller Couleur. Auch dieser Markt entwickelte sich exponentiell und überhitzte. Kleinstinternetunternehmen waren plötzlich so viel wert wie große Betriebe der traditionellen physischen Welt. Die »Dotcom-Blase« wuchs bis zum Millennium, um in der ersten Internet-Wirtschaftskrise jäh zu platzen.

Als klar war, dass sich das World Wide Web zum rasant wachsenden Massenphänomen entwickelte, gründete sich das W3C (WWW Consortium), das vom WWW-Pionier Berners-Lee gegründet und bis heute geleitet wird. Es übernahm die Aufgabe, wichtige Standardisierungsmaßnahmen im WWW vorzuschlagen und seine Weiterentwicklung zu koordinieren. Ohne die W3C-Standards hätte das Web nie seine heutige Reichweite und Bedeutung entfalten können.

2001 wurde in Japan ein Protokoll für die mobile Nutzung des Internets geschaffen, und die allerersten Smartphones eroberten den Markt. In dieser Zeit gründete sich auch die noch heute beliebte Online-Enzyklopädie »Wikipedia«. Die Dotcom-Marktbereinigung hatte zur Folge, dass sich nachhaltige Webangebote wie Google, Amazon und Ebay herauskristallisierten und ihren Siegeszug antraten. Wenige Jahre später wurden die ersten sozialen Netzwerke gegründet. So kann 2003 als das Jahr der Geburt des »Web 2.0« (konsequenter wäre eigentlich die Bezeichnung »Web 3.0«) betrachtet werden.

Internet zum Mitmachen

Praktisch jeder Internetnutzer wurde in die Lage versetzt, über digitale Anwendungen nicht nur im Web zu surfen und Informationen aufzunehmen, sondern auch eigene Inhalte einzubringen und in Echtzeit mit anderen Nutzern zu interagieren. MySpace gilt zwar als der Pionier des Web 2.0, aber LinkedIn und Facebook, das ein Jahr später gegründet wurde, machten das interaktive Internet zum Massenphänomen. So vernetzt LinkedIn heute mehr als 610 Millionen und Facebook sogar 2,7 Milliarden Nutzer weltweit miteinander. Darüber hinaus begannen auch die ersten Maschinen sich über das Internet zu vernetzen und zu kommunizieren. Das »Internet der Dinge« nahm seinen Lauf.

Apple revolutionierte 2007 das Webinterface mit der Einführung des Touchscreens für mobile Endgeräte. Diese Entwicklung wurde von der Einführung mobiler Betriebssysteme wie iOS (Apple) und Android (Google, 2008) begleitet. Damit wurde die Nutzung des WWW nochmals stark vereinfacht, und weitere Zielgruppen wurden erschlossen. So richtig erfolgreich wurden mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets aber erst mit der Entwicklung des Cloud-Computings, das als weiterer Paradigmenwechsel in der Geschichte des Internets betrachtet werden kann. Rechen- und Speicherkapazität verlagerten sich von den Endgeräten hin zu professionell geführten Datenzentren, wo die besten Hochleistungsrechner und das bestausgebildete IT-Personal die Datenspeicherung und -absicherung administriert. Die Endnutzer brauchen nur noch mit dem Internet verbundene Endgeräte zu besitzen, um über Webservices auf die enorme Rechen- und Speicherleistung der Datenzentren zuzugreifen.

Dass diese Entwicklung einen neuen Boom der Internetindustrie und der IT-Gründerszene bedeutete, ist klar. Junge Unternehmen können sich seitdem auf ihre neuen Anwendungen konzentrieren und brauchen sich über die Bereitstellung von Rechenleistung, -speicherung und IT-Sicherheit keine Gedanken mehr zu machen. Selbst Nichtinformatiker können seither erfolgreiche IT-Unternehmer werden, und alle Generationen profitieren von der niedrigschwelligen Nutzung von Internetdiensten. So kann heute jeder ohne großes Vorwissen seine eigene Internetseite gestalten, einen Onlineshop eröffnen, digitaler Influencer werden und am globalen Wissensgewinn teilhaben.

Das Internet ist damit endgültig zur bestimmenden Technologie der Gegenwart geworden und verspricht auch ganz neue internetbasierte Anwendungen in den Bereichen Big Data, künstliche Intelligenz, Internet der Dinge und Blockchain. Wir können gespannt sein …

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