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Feuer in Kalifornien: Eine vorhersehbare Katastrophe

Ein verheerendes Feuer hat den kalifornischen Ort Paradise zur Gluthölle gemacht. Es ist auch die Folge zahlreicher menschlicher Irrtümer.
Waldbrand in Paradise, Kalifornien

Derart stellt man sich die Apokalypse vor: Glutrote Wolken, dichter Rauch, ausgeglühte Autos, bis auf die Grundmauern abgebrannte Häuser. Mehr als 40 Menschen starben bislang bei den aktuellen Waldbränden in Kalifornien; die meisten davon im kleinen Ort Paradise nordöstlich von San Francisco. Dutzende werden noch vermisst, Zehntausende sind obdachlos. Noch ist »Camp Fire« nicht unter Kontrolle, doch ist es bereits jetzt der tödlichste Waldbrand des US-Bundesstaates seit 85 Jahren.

Schuldzuweisungen von US-Präsident Donald Trump folgten bald, der den kalifornischen Behörden schlechtes Forstmanagement vorwarf. Auch wenn man als Betroffener von seinem Staatsoberhaupt etwas anderes erwartet und die Vorwürfe vor allem auf seine politischen Gegner bei den Demokraten abzielen, die den Bundesstaat regieren: Unbeabsichtigt trifft Trump doch teilweise einen wunden Punkt.

Große Teile Kaliforniens werden von so genannten Feuerökosystemen bedeckt: mediterranem Buschland und Nadelwäldern in höheren Lagen sowie im nördlichen Teil des Landes. Die Arten sind an wiederkehrende Brände angepasst, bisweilen sind sie sogar zwingend darauf angewiesen, damit sich der Bestand verjüngt und Samen auskeimen. Werden diese Feuer unterdrückt, sammelt sich teilweise extrem viel »Treibstoff« in den Wäldern an, sofern es nicht auf anderen Wegen entfernt wird. Bricht dann ein Brand aus – was auf Dauer unvermeidlich ist –, kann sich rasch eine Katastrophe entwickeln: Das Feuer brennt heißer und breitet sich schneller aus. Angetrieben werden die Brände zudem von oft sehr beständigen Wetterbedingungen im Land, das lange, trockene Sommer kennt und von wiederkehrenden Dürren betroffen ist. Und schließlich sorgt die gebirgige Landschaft mit den zahlreichen engen Tälern und Berggraten für eine Art Kamineffekt, der heiße Luft regelrecht ansaugt, die Feuer antreibt und die Bekämpfung zusätzlich erschwert.

Lange war Feuerunterdrückung gängige Politik in den USA: Brände wurden rasch gelöscht oder Bäume und Totholz forstwirtschaftlich entfernt – dass dies unterlassen wurde, darauf zielte wohl Trumps Kritik ab. Statt eines kleinteiligen Landschaftsmosaiks mit unterschiedlicher und vor allem unterschiedlich dichter Vegetation, das Feuer auf natürliche Weise eindämmt, hat man inzwischen regelrechte Zeitbomben, die beim kleinsten Funken hochgehen. Und diese Funken sprühen aus verschiedenen Gründen häufiger – und darunter finden sich Ursachen, die Trump bestimmt nicht gerne hören wird.

Klimawandel als Gorilla im Raum

Zum einen ist da der Klimawandel, der sich natürlich auch in Kalifornien bemerkbar macht. Wie von Klimaforschern prognostiziert, mehren sich Wetterextreme. Auf ausgedehnte Dürren folgen Winter mit regelrechten Sintfluten wie 2016 auf 2017, als beispielsweise die Infrastruktur des Oroville-Staudamm fast von den Wassermassen schwer beschädigt. Die Pflanzen danken es mit intensivem Wachstum, und in der folgenden Trockenheit entsteht mehr brennbare Biomasse. Nach dem letzten nassen Winter folgten in Kalifornien wieder fast zwei Jahre mit überschaubaren Regenfällen. Diese Muster häufen sich und sollen sich auch zukünftig mehren: Das Wetter wird immer weniger berechenbar. Allein die letzte Dürre sowie wiederkehrende Insektenplagen haben Schätzungen zufolge rund 130 Millionen Bäume absterben lassen, die optimale Nahrung für Feuer bilden.

Ein zweiter Aspekt ist die Zersiedelung der Landschaft: Städte und Dörfer fressen sich in die Umgebung. Wohngebiete und Feuerökosysteme überschneiden sich. Und wo Menschen sind, entstehen häufiger Brände. Wir sind die Brandstifter Nummer 1 – in den USA und in vielen anderen Teilen der Erde. Weggeworfene Zigaretten und Flaschen, die wie ein Brennglas wirken, Brandstiftung und heiße Autokatalysatoren, außer Kontrolle geratene Campingfeuer und so weiter. Blitze oder natürliche Selbstentzündung spielen dagegen nur noch eine untergeordnete Rolle. Und die Brandbekämpfung wird erschwert, weil es zu viele und weit verteilte Gebäude zu schützen gilt. Solange Menschen immer weiter in diese Regionen vordringen, müssen wir leider mit weiteren Opfern rechnen. Doch kaum ein Politiker möchte gegen diesen Landschaftsfraß vorgehen.

Was kann man tun? Den Klimawandel einzudämmen, wäre die wichtigste Aufgabe. Doch das ist eine langfristige Aufgabe, und die Regierung Trump scheint – im Gegensatz zu der des kalifornischen Bundesstaats – nicht besonders gewillt, diese Aufgabe anzugehen. Regional könnte man an anderen Punkten ansetzen. Das Feuermanagement ist längst aus der reinen Unterdrückungspolitik heraus, doch jahrzehntelange Fehler lassen sich ebenfalls nicht über Nacht lösen. Gezielt Feuer zu legen, kann nur bei geeigneten Wetterbedingungen ansetzen, die – siehe oben – wegen des Klimawandels seltener werden. Zudem sehen viele Menschen Feuer immer noch rein als Katastrophe, nicht aber als natürlichen Bestandteil eines Ökosystems. Hier muss also Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Bleibt schließlich noch ein letzter Punkt: Wir müssen unser Verhalten ändern. Dass sich Brandstiftung von selbst verbietet, ist klar. Doch auch die unachtsam weggeworfene Zigarette oder Glasflasche ist höchste Dummheit. Wichtiger ist es aber noch, die weitere Zersiedelung der Landschaft zu verhindern und rückgängig zu machen. Natürlich wohnt es sich im Grünen auf einem Berggrat sehr schön, doch lebt man dann quasi auch wie auf einer Streichholzschachtel. Viele Opfer wären vermeidbar, wenn sich der Mensch aus der Wildnis zurückzöge und (kleine) Feuer auch mal brennen ließe. Wir müssen uns an die Feuer anpassen, wenn wir nur auf Bekämpfung setzen, scheitern wir – und müssen noch mehr Menschenleben beklagen.

46/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 46/2018

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