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Einreisekontrollen: Der Fokus auf China ist zu kurz gedacht

Mit Testpflicht und Stichproben bei Reisenden reagiert die Bundesregierung auf Chinas Corona-Welle. Doch neue Virusvarianten entstehen längst weltweit, kommentiert Lars Fischer.
Flugzeuge am Terminal des Flughafens Hongkong.
Flugzeuge am Hong Kong International Airport. Covid-19 wird durch die Luft übertragen.

Mit Antigen-Testpflicht und Stichproben auf neue Corona-Varianten reagiert die Bundesregierung auf die enorme Corona-Welle derzeit in China. Doch wirklich hilfreich ist diese Reaktion nicht – mit ihrem Fokus auf China ist sie kaum mehr als eine Nebelkerze. Die Maßnahmen sind darauf ausgelegt, Probleme von Deutschland fernzuhalten, die in Wirklichkeit schon längst global sind.

Dass durch die Antigentests weniger Infizierte nach Deutschland kommen, macht offensichtlich ohnehin keinen Unterschied mehr. Wir haben in Deutschland und Europa so viele Infizierte, dass ein paar hundert ansteckende Chinareisende für die Infektionszahlen egal sind. Wenn man die Inzidenz wirklich senken wollte, müsste man hier bei uns anfangen. Und davon war in der Erklärung des Bundesgesundheitsministers nicht die Rede. Ganz abgesehen von der Frage, ob das an diesem Punkt überhaupt noch möglich oder sinnvoll ist.

Aber auch im Bezug auf eine – bislang völlig hypothetische – supergefährliche Chinavariante sind die Maßnahmen nicht zu Ende gedacht. Die Erfahrungen mit dem Einreisestopp, den viele Länder beim Auftauchen der Omikron-Variante gegen Südafrika verhängten, sollten gezeigt haben: Es ist gar nicht zu verhindern, dass eine neue Variante nach Deutschland kommt. Man kann so zwar Zeit gewinnen, aber früher oder später ist der Kram hier. Vermutlich eher früher als später.

China ist nicht das einzige Problem

Deswegen ist es umso wichtiger, konsequent und in großem Maß Virusproben zu sequenzieren, um möglichst in Echtzeit einen Überblick zu bekommen, welche Varianten kursieren. In dieser Hinsicht sind die von Karl Lauterbach angekündigten Stichproben bei Reisenden grundsätzlich eine gute Sache. Umso mehr, weil China anscheinend nicht eben transparent mit Fallzahlen und Sequenzdaten umgeht.

Aber auch hier setzt die Beschränkung auf Reisende aus China den falschen Fokus. Denn das große fröhliche Variantenzüchten geschieht weltweit, ohne dass sich irgendwer daran stören würde. Im Gegenteil, während in den vergangenen Monaten ein ganzer Zoo sehr ansteckender Immunfluchtvarianten entstand – darunter die XBB-Linie, die sich derzeit in diversen Ländern extrem stark verbreitet – probten die meisten Länder der Welt die Normalität. Überwachung und Maßnahmen wurden zurückgefahren, man akzeptiert jetzt hohe Infektionszahlen und die dadurch geförderte Virusevolution. Und nun ist China auf einmal das Problem?

Tatsächlich ist es viel wahrscheinlicher, dass die nächste in Deutschland dominante Variante nicht aus China, sondern irgendwo anders herkommt. Denn in China ist die Immunität in der Gesamtbevölkerung geringer und damit der Selektionsdruck ein anderer. Der Rest der Welt dagegen evolviert Varianten, die direkt an unsere hohe Immunität angepasst sind. Dass eine gefährlichere Variante ausschließlich in China entstehen kann, während überall sonst die Evolution zu »milden« Varianten führt, ist vor diesem Hintergrund jedenfalls, vorsichtig ausgedrückt, optimistisch.

Abwassertests auf allen Flügen

Wenn man also die nächste gefährliche Variante früh erkennen und abfangen will, dann sollte man sich nicht auf China beschränken. Dann müsste man tatsächlich im großen Stil Virusproben sequenzieren – und zwar von allen in Deutschland ankommenden Flügen. Dabei würde man sinnvollerweise von zufälligen Stichproben von Reisenden absehen – und stattdessen das Abwasser der Flugzeugtoiletten analysieren. Eine solche Abwasserüberwachung ist weniger aufwändig und hat sich bereits in der Praxis bewährt. So haben diese Tests bereits gezeigt, dass auch dann Infizierte ins Flugzeug gelangen, wenn man vor dem Start einen negativen Antigentest verlangt. Was wiederum den Nutzen der Schnelltestpflicht mindestens relativiert.

Mit einer solchen wirklich global gedachten Überwachung Reisender könnte man nicht nur eine neue »chinesische« Variante entdecken. Man könnte so auch die Virusevolution im Rest der Welt im Blick behalten. In China lebt zwar gut ein Sechstel der Weltbevölkerung, aber bei den anderen fünf Sechsteln treten ebenso neue Mutationen auf. Insofern entspricht der aktuelle Fokus auf China eher dem Ansatz, an der Duschbrause ein einzelnes Loch zuzuhalten, um nicht nass zu werden.

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