Vorsicht, Denkfalle! : Chillen für Fortgeschrittene

Seit »Chill mal, Paps!« ein fester Bestandteil unseres Familienwortschatzes ist, sehe ich unsere Tochter mit anderen Augen. Denn mit ihren 10 Jahren hat sie ein wichtiges kommunikatives Kalkül verstanden.
Wann immer sie »Chill mal!« sagt, stehe ich vor der Wahl, einzulenken (»Ach, nicht so wichtig.«) oder stur zu bleiben: »Ich chille gar nicht, sondern du tust mal nicht so, als sei es zu viel verlangt, nach dem Essen den Tisch abzuräumen.«
Der Appell, man möge chillen, also keine abwegigen oder übertriebenen Ansprüche stellen, kommt auf vielen Feldern zum Einsatz – in der Politik genauso wie in sozialen Medien oder in Familie und Partnerschaft.
Chillen vor der Spülmaschine
Auch ich setze mitunter auf diese Karte! Als meine Frau neulich meinte, ich könne auch mal die Spülmaschine ausräumen, verlor ich kurz die Contenance: »Wie bitte? Wer bringt denn immer den Müll runter, geht einkaufen, kutschiert das Kind von A nach B – jetzt auch noch die Spülmaschine?!«
Mit großer Geste über ungerechte Behandlung zu klagen, kann einem das Leben erleichtern. Psychologen sprechen vom Chilling-Effekt, einem Begriff, der aus der Juristerei stammt: Hier beschreibt er, wie gesetzliche Regeln oder staatliche Überwachung einen vorauseilenden Gehorsam fördern, wenn Menschen auf legitime Grundrechte verzichten.
- Der fundamentale Attributionsfehler
- Die Normalitätsverzerrung
- Der Rückschaufehler
- Die Wissensillusion
- Die Verlustaversion
- Das Pippi-Langstrumpf-Syndrom
- Der action effect
So war vom »chilling effect« erstmals 1965 in einem Urteil des amerikanischen Supreme Court die Rede, der die Regel kippte, wonach politisch linke Zeitschriften nur dann per Post zugestellt würden, wenn der Adressat zuvor bestätigte, dass er »kommunistische Inhalte« guthieß. Das verdarb manchem die Lust aufs »Vorwärts«-Abo gründlich (im Prozess ging es um eine Publikation namens »Peking Report«).
Die Einschüchterungstaktik greift freilich nicht nur bei staatlicher Repression. Wenn etwa Gewerkschaften oder Arbeitgeber tönen, dies oder jenes sei das Ende des Sozialstaats und der Marktwirtschaft, betreiben sie Chilling! Wer in sozialen Medien Shitstorms anzettelt, um gewisse Ansichten auszugrenzen, betreibt Chilling. Ebenso verbreitet ist das Manöver im Zwischenmenschlichen, nur drohen hier eher Liebesentzug, Schmollen oder »Ausraster«. Wie ein Team um die Psychologin Tamara Afifi von der University of California in Santa Barbara berichtete, verstärkt emotional belastendes Chilling innerhalb von Familien die gefühlte Distanz zueinander – und die Geheimniskrämerei.
Ein weiterer Haken: Die Intention des Chilling – das Kleinbeigeben des anderen – darf nicht zu offensichtlich sein. Soll ein augenrollendes »Wie kannst du nur!« ganz normale Interessen ausbremsen, wirkt das eher unglaubwürdig.
Kein Entkommen aus der Vorwürfe-Spirale
Der Philosoph Robert Mark Simpson wies in einem Aufsatz von 2024 darauf hin, dass verunglücktes Chilling ins Gegenteil umschlagen und eine Spirale unfairer Vorwürfe in Gang setzen kann – was er als »heating effect« bezeichnet. Womöglich trägt das zur Polarisierung der Gesellschaft bei: Man lässt die Empörung der anderen ungern auf sich sitzen und empört sich daher zurück! Doch wer einmal auf den Wut-Zug aufgesprungen ist, kommt schwer wieder herunter. Und so schaukelt sich die wechselseitige Rage auf.
Da hilft wohl nur, manche Empörung einfach wegzulächeln. So wie meine Frau, die auf meine Spülmaschinen-Suada hin nur süffisant grinste. Ich räumte ihr zuliebe die Maschine aus. Aber sie könnte echt mal den Müll rausbringen – also ehrlich!
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