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Angemerkt!: Ende einer Illusion

Schiefergas galt als klimaschonender Rohstoff - obwohl man darüber gar nichts wusste. Jetzt drängt sich der Verdacht auf, dass im Namen des Klimaschutzes ganz andere Dinge geschont werden.
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Bis die Menschheit ihren Energiebedarf aus erneuerbaren Quellen decken kann, werden noch ein paar Jahrzehnte vergehen. Die Zeit bis dahin soll das vergleichsweise saubere und klimaschonende Erdgas überbrücken, damit uns unterdessen das Weltklima nicht völlig den Bach runtergeht. Tatsächlich stecken gigantische Mengen des Rohstoffs noch in ihren Herkunftsgesteinen. Dank dieses so genannten Schiefergases können wir die schmutzige Kohle in der Erde lassen, selbst wenn Gas und Öl aus konventionellen Quellen versiegt sind – soweit der Plan.

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Lars Fischer
Es sieht so aus, als sei hier der Wunsch Vater des Gedanken. Sicher, der Brennstoff Gas ist sauberer und klimaschonender als Kohle, aber Gas ist eben nicht gleich Gas. Die jetzt veröffentlichte Analyse von Robert Howarth und zwei Kollegen von der Cornell University in New York rechnet vor, dass Schiefergas eben nicht nur schmutziger ist als normales Erdgas, sondern auch als die verfemte Kohle, besonders über kurze Zeiträume. Aber ist das wirklich so überraschend?

Schiefergas gewinnt man mit einer ziemlich rabiaten Methode, durch die beträchtliche Mengen Methan ungenutzt in die Atmosphäre gelangen. Indem Wasser unter hohem Druck ins Bohrloch schießt, zertrümmert es das Wirtsgestein und bricht Klüfte auf, durch die erst der begehrte Rohstoff an die Oberfläche gelangt. Zusatzstoffe verhindern, dass sie sich wieder schließen, und dennoch hält ein Bohrloch nicht lange vor, und man muss ein paar hundert Meter weiter ziehen und einen anderen Abschnitt der Schicht zerbrechen. Es wäre auch interessant zu wissen, was Geologen in ferner Zukunft wohl über die Hinterlassenschaften denken, wenn die Spuren der Zerstörung durch Erosion an der Oberfläche freiliegen.

Wie ungleich einfacher gewinnt man konventionelles Gas! Man muss nur die unterirdischen Blasen anstechen; so bereitwillig kommt es an die Oberfläche, dass man es bei der Ölförderung abfackelt. Dass konventionelles Erdgas und Schiefergas zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe sind, war von Anfang an offensichtlich. Aber so genau wollten es die Beteiligten wohl gar nicht wissen.

Der Klimawandel ist zwar als Problem hinlänglich erkannt, zumindest rhetorisch, die Suche nach Lösungen hingegen beschränkt sich auf kreative Varianten des guten alten "Weiter so". Und so wird auch dann Schiefergas vor allem zu einer "extrem klimaschonenden Ressource", weil man mit ihr im Wesentlichen weitermachen könnte wie bisher – nicht mal neue Kraftwerke braucht man dafür. Dass seine Treibhausgasbilanz bis heute praktisch völlig unbekannt war – geschenkt. Erinnert das ein bisschen an das fortlaufende Desaster mit den Biokraftstoffen?

Jetzt wird man mal wieder umdenken müssen und den im Interesse des Klimas vor allem in den USA kräftig geschürten Schiefergasboom kritisch betrachten. Aber keine Sorge – mit der Kohlendioxidsequestrierung wartet der nächste Hoffnungsträger schon in den Startlöchern. Und das Beste an der Methode ist: Wir könnten damit unsere alten Kraftwerke weiter betreiben.
15. KW 2011

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 15. KW 2011

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