Unwahrscheinlich tödlich: Tod durch Energydrink

Es passiert 2013 im türkischen Ankara. Ein junger Mann, kurz zuvor noch fit und gesund, wird bewusstlos in die Notaufnahme gebracht. 15 Minuten zuvor war er in der Pause eines Basketballspiels zusammengebrochen. Bei der Einlieferung ins Krankenhaus atmet er nicht mehr. Sein Herzschlag stockt und auf seinem Elektrokardiogramm ist ein Kammerflimmern sichtbar. Das medizinische Team reagiert sofort: Der Patient wird intubiert und bekommt Stromschläge verabreicht, die seinen Herzrhythmus wiederherstellen. Der Behandlungserfolg ist jedoch nur vorübergehend. Drei Tage später stirbt der Mann an einem plötzlichen Herzstillstand. Seinen Tod führen die Mediziner in der Fallbeschreibung auf die Energydrinks zurück, die er vor dem Basketballspiel getrunken hatte.
Drei Dosen eines solchen Getränks soll er in den fünf Stunden vor dem Matchbeginn konsumiert haben. Vor dem Anpfiff berichtete er dann über Unwohlsein, litt an Herzklopfen und Übelkeit. Trotzdem dribbelte er 30 Minuten lang über das Feld, bevor er kollabierte. Er hatte keine chronischen Erkrankungen und nahm weder verschreibungspflichtige Medikamente noch Drogen oder Anabolika ein. Darüber hinaus rauchte er nicht und trank keinen Alkohol. Seine Herzprobleme traten völlig unerwartet auf.
Der Tod dieses Mannes war nicht der erste, den Fachleute auf Energydrinks zurückführten. Bereits 2001 und 2012 gab es entsprechende Fallberichte, die sich um junge Verstorbene drehten. Allerdings hatte bei diesen Personen ein erhöhtes Sterberisiko bestanden: Die eine hatte einen Herzfehler, die andere hatte neben den Energydrinks noch Ecstasy zu sich genommen. Zahlreiche weitere Personen entwickelten nach dem Konsum solcher Getränke lebensbedrohliche Herzprobleme. Sie überlebten aber dank schneller medizinischer Behandlung. In einem jüngeren Fall aus dem Jahr 2025 hingegen verstarb die zuvor gesunde 28-jährige Amerikanerin Katie Donnell an einem Herzinfarkt, der mit ihrem Energydrinkkonsum zusammenhängen könnte. Zusätzlich zu den stimulierenden Softdrinks hatte sie regelmäßig Kaffee und Koffeinpräparate zu sich genommen.
Welche Rolle spielt Koffein – und welche Taurin?
Energydrinks enthalten Koffein, und zwar pro halbem Liter etwa so viel wie eineinhalb Tassen Filterkaffee. Das ist eine relativ kleine Menge, was es eher unwahrscheinlich macht, dass das Aufputschmittel allein für die Tode verantwortlich ist. Denn um an einer Koffeinvergiftung zu sterben, braucht es im Normalfall sehr große Mengen des Wirkstoffs. Allein über den Verzehr von Lebensmitteln lassen sie sich kaum erreichen (bei der verstorbenen Amerikanerin, die verschiedene koffeinhaltige Getränke plus Koffeinpräparate zu sich genommen hatte, liegt der Verdacht auf eine Koffeinvergiftung allerdings nahe). Zumeist ist es wohl eher eine ungünstige Kombination aus Inhaltsstoffen und physiologischen Faktoren, die im schlimmsten Fall zum Ableben führt.
Einen Beitrag könnte Taurin leisten. Die aminosäureähnliche Verbindung ist üblicherweise in Energydrinks enthalten, und das in relativ hohen Dosen von circa 4 Gramm pro Liter. Der Körper stellt den Stoff zwar selbst her, aber in viel kleinerer Menge. Etwa 0,05 bis 0,125 Gramm pro Tag produzieren unsere Zellen, vor allem in der Leber. Auch über tierische Nahrungsmittel nehmen wir Taurin auf. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit erachtet 1,4 Gramm pro Tag als gefahrlos konsumierbare Menge – also so viel, wie sich in etwa 350 Millilitern eines Energydrinks finden. Taurin allein wird zwar als harmlos eingestuft. Doch zusammen mit Koffein könnte es stärker auf das Herz wirken als nur Koffein. Studien weisen beispielsweise darauf hin, dass diese Kombination den Herzschlag aus dem Takt bringen könnte.
Auch die großen Mengen an zugesetztem Zucker, die in regulären Energydrinks enthalten sind, stehen im Zusammenhang mit Herzproblemen. Untersuchungen deuten unter anderem darauf hin, dass Menschen häufiger unter Herzrhythmusstörungen leiden, wenn sie regelmäßig zuckerhaltige Softdrinks konsumieren. Daneben spielen Faktoren wie angeborene Herzfehler eine Rolle. Sie machen sich möglicherweise erst in dem Moment bemerkbar, in dem mehrere Risikofaktoren zusammentreffen. Unter jungen Überlebenden eines Herzstillstands, die von Herzrhythmusstörungen betroffen sind, gaben in einer Studie fünf Prozent an, sie hätten kurz vor ihrem Beinahetod Energydrinks zu sich genommen.
Lebensgefahr vor allem in jungen Jahren
Die Situation ist also alles andere als eindeutig. Es scheint mehrere Mechanismen zu geben, die daran beteiligt sind, dass Energydrinks für manche Menschen zur Gefahr werden. Hinzu kommt die Tendenz, die Getränke gemeinsam mit Alkohol und anderen Drogen zu sich zu nehmen. Das wilde Mischen unterschiedlicher Wirkstoffe macht unerwünschte Effekte wahrscheinlicher.
Viele der in der wissenschaftlichen Literatur beschriebenen Fälle von Herzproblemen betreffen junge Personen zwischen 13 und 30. Das mag daran liegen, dass sie beim Verkauf von Energydrinks die Hauptzielgruppe sind. Womöglich kommt es bei ihnen aber auch öfter vor, dass aufgrund des Lebenswandels mehrere Risikofaktoren zusammenwirken. Deshalb schadet es nicht, diesen Personen zu mehr Vorsicht mit den Drinks zu raten – und ihnen klarzumachen, dass ihre jungen Herzen nicht vor schweren Schäden gefeit sind.
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