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Katastrophen: Erschütternde Korruption

Mehr als 80 Prozent aller Erdbebenopfer, die während der letzten Jahrzehnte von einstürzenden Gebäuden begraben wurden, starben in über die Maßen korrupten Ländern.
Erdbeben in HaitiLaden...
Selbst mittelstarke Erdbeben enden in riesigen Katastrophen, wenn die Erschütterungen auf marode Gebäude und schlechte Bauaufsicht treffen. Dieser fatale Zusammenhang zeigte sich letztes Jahr beim Blick auf die sechsstelligen Opferzahlen des Bebens in Haiti verglichen mit jenem in Neuseeland, das ohne Tote glimpflich ausging – obwohl beide jeweils Stärke 7 erreichten. Denn auch wenn viele Länder strenge Regelungen zum erdbebensicheren Bauen erlassen haben, verhindern Korruption oder Armut ihre Durchsetzung – durch Verwendung minderwertiger Materialien, unsachgemäße Montage oder indem die Gebäude illegal auf Risikostandorten errichtet werden.

Dabei ist der Einfluss der Armut nur schwer von dem der Bestechlichkeit zu trennen, da die ärmsten Länder oft auch die korruptesten sind. Um die beiden Faktoren dennoch isoliert betrachten zu können, haben wir den Grad der Korruption in einer Nation ins Verhältnis zu ihrem Pro-Kopf-Einkommen gesetzt. Es zeigt sich, dass in manchen Staaten Schmiergelder weiter verbreitet sind, als zu erwarten gewesen wäre. Und genau in diesen Ländern starben 83 Prozent aller weltweit von Erdbeben verursachten Todesopfer in den letzten drei Jahrzehnten.

Wohlstand und KorruptionLaden...
Wohlstand und Korruption | Die ärmsten Länder sind meist auch die korruptesten, doch einige sind korrupter als andere. Die gewichtete Regressionslinie teilt Nationen, in denen Bestechlichkeit größer ist, als zu erwarten wäre, von anderen Staaten, bei denen es umgekehrt ist. Mit Namen ausgewiesene Länder mussten Opfer durch Erdbeben seit 1980 beklagen.
Kein Wunder: Die Bauwirtschaft – die momentan jährlich insgesamt rund 7,5 Billionen Dollar umsetzt – zählt zu den korruptesten Branchen der Weltwirtschaft: angefangen von Bestechungszahlungen, um die Bauaufsicht milde zu stimmen und Lizenzen zu verwässern, bis hin zu Pfusch, um Kosten zu reduzieren. All dies schwächt die Stabilität eines Bauwerks. Plötzlich eingestürzte Neubauten in Schanghai 2009 oder Delhi 2010 belegen beispielhaft eine oft unzureichende Bauaufsicht. Erdbeben decken diese jahrzehntelange Misswirtschaft dann großflächig auf katastrophale Weise auf.

Deshalb steigt die Zahl der Toten durch Erdbeben weiterhin an, obwohl es in den letzten Jahrzehnten deutliche Fortschritte in der Gebäudesicherheit gab. Im Schnitt starben während des letzten Jahrzehnts 60 000 Menschen pro Jahr – vor allem wegen der großen Unglücke in Indonesien 2004, Kaschmir und Iran 2005, China 2008 und Haiti 2010. Die Daten beinhalten neben Opfern durch kollabierende Gebäude allerdings auch jene, die durch Tsunamis, Erdrutsche oder Feuer starben. Geschätzte 18 300 Tote pro Jahr seit 1980 gehen jedoch ausschließlich auf einstürzende Häuser zurück.

Man könnte vermuten, dass der Anstieg der Opferzahlen in der jüngeren Vergangenheit unmittelbar mit dem weltweiten Bevölkerungswachstum, zunehmender Verstädterung oder Entwicklung in den betroffenen Regionen zusammenhängt. Bereinigt man jedoch die Berechnungen um den Bevölkerungszuwachs, zeigt sich, dass diese Entwicklung tatsächlich nur in geringem Maß die Anzahl der Erdbebentoten beeinflusst. Viel stärker wirkte sich dagegen der fehlende Einfluss erdbebensicherer Planung und Bauten aus. Deutliche Unterschiede der aufsummierten Opferzahlen der einzelnen Staaten beweisen, dass tektonisch gefährdete Regionen von diesen Sicherheitsmaßnahmen profitieren – sofern sie nicht nur die entsprechenden finanziellen Mittel besitzen, sondern auch ihre strengen Vorgaben effektiv durchsetzen.

Korruption läuft natürlich meist im Verborgenen ab und lässt sich nur schwer quantifizieren. Basierend auf den freiwilligen Angaben von Geschäftsleuten und Touristen legt die in Berlin beheimatete Organisation Transparency International seit 1995 alljährlich einen Bericht vor, der das ungefähre Ausmaß an Korruption weltweit auf Länderbasis auflistet. Dazu wertet Transparency International insgesamt 13 Umfragen aus, die von zehn verschiedenen Instituten über jeweils zwei Jahre hinweg durchgeführt werden: Sie sollen erfassen, wie oft und wie viel Schmiergeld in den einzelnen Staaten gezahlt wird. Daraus ergibt sich ein Korruptionsindex, der von 0 bis 10 reicht: Eine Nation, die null Punkte erreicht, ist demnach höchst korrupt, und ihre behördlichen Handlungsabläufe erscheinen völlig undurchsichtig.

Die Folgen der KorruptionLaden...
Die Folgen der Korruption | Diese dreidimensionale Grafik setzt die tatsächliche Korruption gegen jene, die anhand des Pro-Kopf-Einkommens zu erwarten wäre. 83 Prozent aller Erdbebentoten durch einstürzende Bauten starben in Gesellschaften, die überdurchschnittlich korrupt waren (Ecke links oben).
Der relative Wohlstand eines Staats beeinflusst wiederum am offensichtlichsten, wie stark dort bestochen wird. Außerdem besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen und der Korruption: Die bestechlichsten Nationen sind oft auch die ärmsten – aber nicht immer. Und Wohlstand geht meist auch mit politischer Stabilität einher, die wiederum der Gesetzestreue dienlich ist.

Wir haben nun die Zahl der Erdbebentoten zwischen 1980 und 2010 mit den verfügbaren Daten zu Korruption und Wohlstand verglichen: Es besteht, wie erwartet, eine direkte Verbindung zwischen Armut und der Gefahr, durch ein Erdbeben zu sterben. Denn wer arm ist, muss eher mangehafte Baustoffe wie Lehmziegel oder schlechten Zement verwenden. Ungenügende Bildung sorgt zudem dafür, dass statische und architektonische Vorgaben unbekannt sind oder ignoriert werden.

Daneben zeigt sich auch eine enge Korrelation zwischen Korruptionsanfälligkeit und Todesfällen: Korrupte Gesellschaften trugen die schwerste Last. Doch im Detail zeigen sich Unterschiede, denn manche Staaten sind trotz gleicher Einkommensverhältnisse weniger korruptionsbelastet als andere und umgekehrt – was wir in unseren Berechnungen entsprechend gewichtet haben. Sie enthüllen, dass 83 Prozent aller Erdbebenopfer in armen Ländern starben, die korrupter waren, als es anhand des Pro-Kopf-Einkommens zu erwarten gewesen wäre. Ein großer Teil der Erdbebentoten in den Ländern, die sich unterhalb der Regressionslinie in Abbildung 1 befinden, lassen sich folglich zu einem großen Teil auf grassierende Bestechlichkeit in ihren Staaten zurückführen. Haiti und der Iran müssen als extreme Beispiele hierfür gelten.

Im Gegensatz dazu sind Chile und Neuseeland weniger korrupt als vergleichbare Staaten wie etwa Italien und mussten folglich auch weniger Opfer beklagen. Japan ist in unserer Darstellung ein Sonderfall, da es wohlhabend und wenig korrupt ist, aber trotzdem viele Erdbebentote zählte. Wir vermuten, dass dies mit dem Kollaps zahlreicher alter Gebäude beim Kobe-Beben zusammenhängt: Sie wurden gebaut, bevor strengere Gesetze in Kraft traten.

Wir können damit die weit verbreiteten anekdotischen Hinweise, dass Korruption und Todesgefahr bei Erdbeben zusammenhängen, nun statistisch untermauern. Leider taugen diese Zahlen nicht für Vorhersagen. Aber selbst wenn es gelänge, die Korruption auszumerzen, müssten die betroffenen Länder vorerst mit einem schweren Erbe leben: Ihr Gebäudebestand und ihre Infrastruktur bestehen weiterhin zu einem großen Teil aus Bauten, die in einer Schmiergeldwirtschaft errichtet wurden – mit allen negativen Konsequenzen. Eine Lösung für dieses Problem ist im besten Fall schwierig, wenn nicht gar ökonomisch unmöglich.

Unsere Analyse legt leider auch nahe, dass nationale und internationale Hilfsgelder, die eigentlich zur Abwehr von Erdbebenrisiken gedacht sind, in korrupten Nationen besonders leicht in dunklen Kanälen versickern. Die strukturelle Integrität eines Gebäudes ist jedoch nicht stabiler als die gesellschaftliche Integrität ihrer Erbauer. Besonders Staaten, die in der Vergangenheit von schweren Beben heimgesucht wurden und korruptionsanfällig sind, sollten deshalb immer wieder daran erinnert werden, dass wildes, unkontrolliertes Bauen ein potenzieller Killer ist.
2. KW 2011

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 2. KW 2011

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