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Springers Einwürfe: Ewiges Wachstum

Im Prinzip ist es möglich: Die Wirtschaft wächst einfach immer weiter, ohne dabei den Planeten zu schädigen. In der Praxis ist das leider alles andere als einfach.
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Unser Planet ist materiell betrachtet ein endliches System. Seine Bodenschätze sind nicht grenzenlos, seine Lufthülle ist nicht beliebig mit Schadstoffen belastbar. Seit der »Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit« zu Beginn der 1970er Jahre unter dem Titel »Die Grenzen des Wachstums« an solche Tatsachen erinnerte, streiten Ökonomen über die gebotenen Konsequenzen.

Während einige für Kreislaufwirtschaft und Nullwachstum plädieren, finden die meisten die Prognosen des Club of Rome heillos überzogen und führen vor allem den wissenschaftlich-technischen Wandel ins Feld: Er habe in der Vergangenheit alle düsteren Vorhersagen obsolet gemacht, etwa die einer globalen Hungersnot infolge explodierender Bevölkerungszahlen. Ebenso würden sich für den Klimawandel schon technische Lösungen finden.

Gern wird daran erinnert, dass die Erde energetisch ein offenes System bildet, dem pausenlos gewaltige Mengen von Sonnenenergie zufließen. Selbst die derzeit genutzten fossilen Brennstoffe sind ja nichts als über Jahrmillionen hochkonzentrierte Solarenergie, deren Einsatz in Motoren und thermischen Kraftwerken nun allerdings klimaverändernde Gase freisetzt.

Demnach könnte die Weltwirtschaft im Prinzip ewig wachsen, indem sie den Wirkungsgrad, mit dem sie die Sonnenenergie anzapft, immer weiter steigert – sofern dies nicht mit der Zeit die Umwelt zerstört. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Das Kunststück heißt Entkopplung: Es muss gelingen, das Wachstum der Wirtschaft von dem der Umweltbelastung abzukoppeln. Tatsächlich bringt der technische Wandel oft Einsparungen an Energie und Material mit sich. Man vergleiche nur alte Kühlschränke, Fernseher, Glühbirnen und Computer mit heutigen Produkten. Scheinbar schreitet die Entkopplung zügig voran. Während anno 1965 weltweit noch rund 760 Gramm CO2 pro Dollar an produziertem Warenwert freigesetzt wurden, sind es heute weniger als 500 Gramm – ein Rückgang um 35 Prozent in einem halben Jahrhundert. Leider ist das aber bloß eine relative Entkopplung, wie der britische Umweltökonom Tim Jackson von der University of Surrey in Guildford und sein kanadischer Kollege Peter A. Victor von der York University in Toronto betonen (Science 366, S. 950, 2019).

Sobald Massen preiswerter und Energie sparender Geräte neue Märkte erschließen, tritt der notorische Rebound-Effekt ein: Wer für Haushaltsgeräte und Computer weniger bezahlt als früher, der kauft dafür öfter die nächste Neuerung oder ein teureres Auto; wer in seiner Wohnung Sparlampen installiert, knipst sie dafür seltener aus.

Relative Entkopplung – sinkende Umweltbelastung pro Produkteinheit – bringt ökologisch gesehen gar nichts, wenn der wirtschaftliche Output in Summe stärker wächst, als der Umweltschaden pro Wareneinheit abnimmt. Dadurch verschlechtert sich die so genannte absolute Entkopplung: Obgleich die einzelne Ware immer umweltfreundlicher hergestellt wird, schädigt das gesamte Wirtschaftswachstum die Umwelt zunehmend.

Genau das ist, wie Jackson und Victor unterstreichen, in der Tat der Fall. Seit 1990 hat der CO2-Ausstoß der Weltwirtschaft absolut um 60 Prozent zugenommen; allein für 2018 wird die Steigerung auf 2,7 Prozent geschätzt. Somit setzen die von fast allen Staaten der Welt anvisierten Klimaziele eine spektakuläre Trendumkehr der absoluten Entkopplung voraus – die mit dem bloßen Vertrauen auf technischen Wandel kaum eintreten wird. In Frage stehen die absoluten Wachstumszahlen, an denen das gewohnte Wirtschaften seinen Erfolg misst.

März 2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft März 2020

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